In Rumänien Bauernland sichern

GLP-Kantonsrat Thomas Böhni musste sich nach der letzten Grossratssitzung einiges anhören. Die Bauern verstanden ihn so, als wolle er sie nach Rumänien ausschaffen. Doch so hatte es der Frauenfelder nicht gemeint. Er wollte ihnen für 200 Millionen Franken eine Perspektive bieten.

Markus Schoch
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Mit Esel und Pflugschar: Rumänische Landwirte bestellen das Feld. (Bild: ap/Vadim Ghirda)

Mit Esel und Pflugschar: Rumänische Landwirte bestellen das Feld. (Bild: ap/Vadim Ghirda)

Frauenfeld. Thomas Böhni sagte nicht viel. Doch was er sagte, kam bei einigen Ratskollegen gar nicht gut an. Man müsse die angehenden Bauern in der Ausbildung darauf vorbereiten, in Rumänien ihr Glück zu versuchen, forderte der Grünliberale im Grossen Rat. Landwirtschaftsvertreter warfen ihm darauf hin vor, er wolle die Bauern los werden, damit im Thurgau mehr Platz für Strassen und Firmen mit grossem Flächenbedarf sei.

Falsch verstanden

Böhnis Bemerkung vorausgegangen war eine kontroverse Diskussion über die geplanten strategischen Arbeitszonen, für die nach Meinung des Regierungsrats Kulturland geopfert werden soll. Die Landwirtschaftsvertreter liefen Sturm gegen diese Pläne. Das sei kurzsichtig, redete SVP-Kantonsrat Urs Schneider dem Rat ins Gewissen. Die Lebensmittelversorgung sei «eine der grössten Herausforderungen in den nächsten Jahren».

Böhnis Fraktionskollege Josef Gemperle (CVP) sprach von einem «Sündenfall». Bauernverbandspräsident Andreas Binswanger (SVP) wies darauf hin, dass China in anderen Ländern riesige Landflächen kaufe, um dort Reis für die eigene Bevölkerung anzubauen.

Vor diesem Hintergrund meldete sich Böhni zu Wort. Und stellte schnell fest, dass er völlig falsch verstanden worden war. Denn es ging ein Raunen durch den Saal, als er das Mikrophon verliess.

Dabei wollte Böhni eigentlich etwas ganz anders sagen als das, was die meisten Kantonsräte gehört hatten. Nämlich folgendes: «Wir sollten im Thurgau vermehrt strategisch denken und uns selber ernst nehmen.»

Pflästerlipolitik mit hohem Preis

Es sei eine Tatsache, dass Kulturland zu einer Mangelware werde, unter anderem weil der Hunger der Menschheit immer grösser werde, ist der GLP-Kantonsrat mit den Landwirtschaftsvertretern einig. Doch müsse man aus dieser Erkenntnis heraus die richtigen Schlüsse ziehen.

Nach Meinung des Grünliberalen ist es der falsche Ansatz, im Thurgau wegen des drohenden globalen Versorgungsengpasses mit Weizen oder Reis das Landwirtschaftsland für tabu zu erklären. Das sei reine Pflästerlipolitik mit einem hohen Preis. Denn so verhinderte man die wirtschaftliche Entwicklung des Kantons. «Die strategischen Arbeitszonen sind nötig», weiss Böhni aus eigener Erfahrung.

Vor fünf Jahren sei die Ansiedelung einer deutschen Solarfirma im Thurgau nicht zuletzt daran gescheitert, weil nicht innert nützlicher Frist fünf Hektaren Bauland zu finden war. Dass mit den strategischen Arbeitszonen bis zu 80 Hektaren Kulturland verlorengehen, hält Böhni auf dem Hintergrund der knapper werdenden Lebensmittel nicht für entscheidend.

200 Millionen aufwerfen

Nehme man das Szenario eines Verteilkampfes um Landwirtschaftsflächen zum Nennwert, müsse man in ganz anderen Dimensionen denken, sagt Böhni. Was für China richtig sei, stimme auch für den Thurgau. «Wir wollen rund 800 Millionen Franken für eine neue Hochleistungsstrasse ausgeben, warum sind wir nicht bereit, 200 Millionen Franken auf den Tisch zu legen, um irgendwo 10 000 Hektaren Land zu kaufen?», fragt er sich.

Für 400 Millionen bekomme man in Europa sogar 50 000 Hektaren – die Grösse der landwirtschaftlichen Nutzfläche im Thurgau.

Dieses Land – beispielsweise in Rumänien – könnte man gemäss Böhni Thurgauer Landwirten zur Verfügung stellen, die sich im Ausland eine Existenz aufbauen wollten. Oder sie Einheimischen verpachten, die im Bedarfsfall für die Thurgauer Bevölkerung produzieren würden. Der Vorschlag sei gar nicht so weit hergeholt, findet Böhni.

«Es gibt schon heute Thurgauer Rebbauern, die ein zweites Weingut in Chile bewirtschaften.»

Biomasse für Biogasanlagen

Die Ernte könnte man auch für die Energieproduktion nutzen, spinnt Böhni den Faden weiter und knüpft an seiner Idee zur vollständigen Stromversorgung des Kantons aus erneuerbaren Energien an.

Das vor drei Jahren ausgearbeitete Konzept sieht unter anderem den Bau von rund 300 Biogasanlagen im Thurgau vor; die Biomasse will Böhni teilweise aus Osteuropa importieren.

Böhni weiss um die ethischen Vorbehalte in der Landwirtschaft gegenüber seinem Vorschlag, Lebensmittel für die Energieproduktion anzubauen. Für ihn ist es aber angesichts der Hungernden auf dieser Welt mindestens ebenso unethisch, Fleisch statt Gemüse zu produzieren. Der Flächenverbrauch unterscheide sich um das Zehnfache.

Vor allem komme man nicht um die Biomasseproduktion herum, wenn man Öl, Gas und Kernkraft tatsächlich vollständig ersetzen wolle, sagt Böhni. «Ich würde mir eine ehrliche Diskussion wünschen.»

Thomas Böhni (Bild: pd)

Thomas Böhni (Bild: pd)