SPRACHENSTREIT: Lebensrettende Sofortmassnahmen fürs Frühfranzösisch

Einfachere Dispensationsmöglichkeiten, mehr Halbklassenunterricht: Mit diesen und weiteren Massnahmen will die Thurgauer Erziehungsdirektorin Monika Knill den Gegnern das Frühfranzösisch doch noch schmackhaft machen.

Sebastian Keller
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Die Thurgauer Regierung versucht, das Parlament von einer Beibehaltung des Französisch auf der Primarstufe zu überzeugen. (Bild: Mareycke Frehner/Archiv)

Die Thurgauer Regierung versucht, das Parlament von einer Beibehaltung des Französisch auf der Primarstufe zu überzeugen. (Bild: Mareycke Frehner/Archiv)

Monika Knill hat zum Endspurt für die Rettung des Frühfranzösisch angesetzt. Gestern versandte der Informationsdienst im Auftrag der Thurgauer Erziehungsdirektorin ein Dokument mit dem Titel «Massnahmen zur Verbesserung des Französischunterrichts». Adressaten: 130 Thurgauer Kantonsrätinnen und Kantonsräte und die Medien. Damit versucht Monika Knill, das Parlament von einer Beibehaltung des Französisch auf der Primarstufe zu überzeugen. Bei der ersten – von der Schweiz viel beachteten – Lesung standen die Zeichen auf Abschaffung. Im Dokument heisst es, dass die Massnahmen rasch umgesetzt werden können und keine Kostenfolgen nach sich ziehen. Sollte der Grosse Rat das Frühfranzösisch doch noch verschonen, würden die Verbesserungen auf das Schuljahr 2018/2019 umgesetzt. Am Dokument mitgearbeitet haben die Geschäftsleitung von Bildung Thurgau. «Wir haben zusammen daran gefeilt», sagt Beat Brüllmann, Chef des Thurgauer Amtes für Volksschule. Das Leitungsgremium des Verbandes unterstütze das Frühfranzösisch, wenn die Verbesserungen kommen.

– Dispensation: «Die bürokratischen Hürden dafür werden als zu umständlich beurteilt», heisst es im Dokument. Deshalb will der Regierungsrat die Volksschulverordnung anpassen. Neu sollen Lehrer überlasteter Schüler zusammen mit den Eltern bei der Schulleitung eine Dispensation beantragen können. «Das wäre niederschwelliger als heute», sagt Brüllmann. In allen anderen Fächern hat weiter die Schulaufsicht ein Wörtchen mitzureden. Wer vom Französisch dispensiert ist, hat aber keine Freistunde. «Diese Schüler müssten beispielsweise im Deutsch arbeiten», sagt Brüllmann. Denkbar sei, dass die Dispensierten weiterhin den Französischunterricht besuchen – einfach ohne Benotung. Die Ausgestaltung obliegt den Schulen.

– Halbklassenunterricht: Vor allem mündliche Fähigkeiten können in der kleineren Klassenformation intensiver geübt werden. Deshalb sollen in der Regel beide Wochenlektionen Französisch, mindestens aber eine, in der Halbklasse gehalten werden. Heute profitieren gemäss Kanton nur 42 Prozent aller Klassen der 5. und 6. Primarstufe vom Halbklassenunterricht im Französisch.

– Übertrittsregeln: Der Kanton hält im Dokument fest, dass
die Gewichtung der Fremdsprachen für die Einteilung in die Klassentypen «teilweise zu hoch» sei. Neu sollen die Leistungen in den Fremdsprachen lediglich in die Gesamtbeurteilung einfliessen. «Damit reduzieren wir den Druck auf die Lehrpersonen der Mittelstufe», sagt Brüllmann.

– Lehrmittel: Im Sommer kommen zwei neue stufenübergreifende Lehrmittel – «dis donc!» und «Ça bouge!» – auf den Markt. Die heutigen Lehrmittel werden kritisiert, weil sie die Zielsetzungen der Primarstufe und die Mehrsprachendidaktik zu wenig berücksichtigen. Im nächsten Schuljahr werden die Lehrmittel in einer Arbeitsgruppe vorgestellt und getestet. Danach soll eines der Lehrmittel für obligatorisch erklärt werden. In Zusammenarbeit mit Bildung Thurgau werde die Stoffmenge an die Anzahl Wochenlektionen angepasst und nach drei bis fünf Jahren überprüft, heisst es weiter.

Ob die angekündigten Massnahmen die Gegner des Frühfranzösisch zum Umschwung zu bewegen vermögen, zeigt sich an der zweiten Lesung vom 14. Juni.