SCHÖNHEITSIDEAL: Königinnen der Natürlichkeit

Sie ist unsere heimliche Adlige: die Thurgauer Apfelkönigin. Doch warum lieben wir sie? Und was hat sie, was die Miss Schweiz nicht hat?

Anna Miller
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Die amtierende Apfelkönigin Angela Stocker arbeitet in der Landi Weinfelden. (Bild: Reto Martin)

Die amtierende Apfelkönigin Angela Stocker arbeitet in der Landi Weinfelden. (Bild: Reto Martin)

Anna Miller

anna.miller@thurgauerzeitung.ch

Knackig, natürlich, rein und haltbar, so sollte er sein, der Apfel, und gerne auch die Frau. Der Thurgauer Apfel und die Thurgauer Apfelkönigin sind untrennbar miteinander verbunden, seit bald 20 Jahren schon. Doch die Apfelkönigin ist nicht nur eine Markenbotschafterin. Sie erzählt auch eine Geschichte über Schönheitsideale auf dem Land und natürliche Sinnlichkeit. Und was der Thurgauer begehrt.

«Zwischen dem Apfel und den gewählten Frauen gibt es viele Parallelen», sagt Stefanie Schälin, Genderforscherin an der Universität Basel. So sollen beide «schön sein, aus der Region, natürlich, positiv besetzt». Entsprechend zeige sich die angestrebte Natürlichkeit in der Tatsache, dass die Apfelköniginnen in Alltagskleidung fotografiert werden und kaum Schminke tragen. «Sie wirken natürlich hübsch, aber auf eine andere Weise als beispielsweise die Miss Schweiz.»

Von Sündenfall bis zur Wurzel aller Normalität

Während die Miss-Kandidatinnen der Miss-Schweiz-Wahl weit verbreiteten Schönheitsidealen entsprächen, an die die Durchschnittsfrau nicht herankommt, strahlen die Apfelköniginnen Nähe zum Volk aus. «Diese Art von Frau könnte beim Einkaufen vor mir an der Kasse stehen», führt Schälin aus. Das habe bei der Wahl der Frauen Kalkül: Denn wer natürlich und volksnah ist, transportiert die Botschaft der Vermarkter entsprechend gut.

«Die Symbolkraft des Apfels reicht in alle Richtungen und ist sehr stark», sagt die Genderforscherin – vom Sündenfall im Paradies bis hin zum stabilen und gleichbleibenden Wachstum in der Natur und einer Beständigkeit ist alles dabei. Der Apfel ist aus unserem Kulturkreis kaum wegzudenken, um ihn ranken sich Mythen und Geschichten, er ist Verführung, aber auch Alltagsobst, er ist süss, aber auch sauer, er ist Spitzengastronomie, aber auch die Wurzel aller Normalität. Er ist lange haltbar und überdauert harte Winter, er wächst im Frühling nach und hält uns gesund.

Nadja Anderes von Thurgau Tourismus, selbst ehemalige Apfelkönigin, bestätigt, dass die Natürlichkeit und Bodenständigkeit bei der Apfelkönigin zentral sind. «Wir suchen einen ländlichen Typ Frau», weil das die Werte des Kantons vertrete. «In erster Linie müssen unsere Kandidatinnen der Heimat verbunden sein, und natürlich dem Apfel als unser Obst.» Der Stolz auf die Heimat, der sei wichtig, sagt Anderes.Was die Thurgauer Apfel­königin schon lange verkörpert, dar­auf will nun auch die Organisation der Miss-Schweiz-Wahlen setzen. In einer Mitteilung hiess es jüngst, man suche jemanden, der «die Schweiz mit Herzlichkeit, Bodenständigkeit und Offenheit repräsentiert». In diesem Sinne sei die Apfelkönigin der Zeit voraus, sagt Schälin. Aber auch bei dieser Wahl zeige sich, dass das geltende Frauenbild sich noch immer auf das visuelle Präsentieren ausrichte, während bei Männern auf fachliche Kompetenz gesetzt wird. «Der Apfel steht für Ernährung, und diese ist noch immer weiblich besetzt», sagt Schälin, «damit wird ein traditionelles Bild von Weiblichkeit manifestiert.»

Die Wichtigkeit des Aussehens komme aber auch beim Mann langsam an, der Druck auf die Herren steige, sagt die Genderforscherin. Haben wir also bald auch einen Thurgauer Apfelkönig? Anderes winkt ab. «Wir wollen an der Tradition festhalten. Darum wird es vorerst keinen Apfelkönig geben», sagt Anderes. Eine Frau passe da einfach besser ins Bild.