DIE STRECKE DES BÄREN IM THURGAU: Honig und Hühnchen

Jetzt ist der Bär im Thurgau angekommen. Sabotierte Bienenstände, Sichtungen in Steckborn und in Warth sowie gerissene Hühner in Wigoltingen beunruhigen die Bevölkerung. Die Behörden schweigen noch, um keine Angst zu schüren.

Géraldine Bohne
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TZ-Leser Erwin Beerli fotografierte während eines Spaziergangs einen Bären (siehe Pfeil) in der Kiesgrube der Geiges AG in Warth. (Bild: PD)

TZ-Leser Erwin Beerli fotografierte während eines Spaziergangs einen Bären (siehe Pfeil) in der Kiesgrube der Geiges AG in Warth. (Bild: PD)

Géraldine Bohne

Miranda Diggelmann

redaktion@thurgauerzeitung.ch

Zuerst der Wolf, jetzt der Bär. Wildtiere scheint es in den Thurgau zu ziehen. Donnerstagabend fotografierte TZ-Leser Erwin ­Beerli einen Bären in der Kiesgrube der Geiges AG in Warth. Der 62-Jährige ist auf seinem Spaziergang gewesen, als er ein grosses braunes Tier bemerkte. Er sei sich sicher, dass es ein Bär war. Auch die Geiges AG bestätigt, vom Vorfall gehört zu haben.

Forrer aus Steckborn ist «extrem überrascht»

Steckborns Gemeindepräsident Roger Forrer weiss von einem ähnlichen Vorfall. Bei der Gemeinde sei am Donnerstagmorgen die Meldung eingegangen, dass ein Bauer am selben Morgen beim Haadewald einen Bären gesichtet habe. «Wir sind extrem überrascht, wer hätte schon einen Bären im Thurgau erwartet», sagt Forrer. «Bevor ich mehr zur momentanen Situation sagen kann, will ich die Resultate einer allfälligen DNA-Probe abwarten.» Wenn das gesichtete Tier tatsächlich ein wild lebender Bär wäre, sei er sich bewusst, dass Massnahmen ergriffen werden müssen. Das Sichern von Abfalleimern wäre das erste.

Tierkenner aus der Region vermuten, dass es sich um einen europäischen Braunbären handelt, der aus dem Alpenraum oder dem Vorarlberg den Weg in den Thurgau gefunden hat. Der Bär müsste erst vor kurzem aus seinem Winterschlaf erwacht sein. Wieso es den Bären gerade in die Ostschweiz zieht, können sich Experten nicht erklären. Theoretisch stelle der Bär jedoch keine Gefahr für den Menschen dar, wenn man sich ihm gegenüber respektvoll verhält und genügend Abstand wahrt. Ausserdem sei der Braunbär in der Regel Vegetarier und ernähre sich hauptsächlich von Pflanzen, aber auch Bienenwaben.

Das Tier ist wohl nicht nur Vegetarier

Obschon der Bär eigentlich keine Gefahr für andere Tiere darstellt, zeigt ein Vorfall in Wigoltingen vielleicht das Gegenteil. Es könnte sein, dass der Bär dort einen Hühnerstall überfallen hat. Der Vorfall mit dem Hühnerstall ereignete sich bereits Anfang letzter Woche. Erst nachdem in der Region das Gerücht umgeht, dass sich ein Bär im Thurgau herumtreibe, meldete sich der betroffene Bauer. Er vermutete ein anderes grosses Tier. Wigoltingens Gemeindepräsidentin Sonja Wiesmann bestätigt den Vorfall: Auf einem Bauernhof seien zwei Hühner gerissen worden. «Wir können aber derzeit nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass es ein Bär war», sagt Sonja Wiesmann. Der Vorfall wird derzeit mit den betreffenden Fachstellen untersucht und abgeklärt. Die Gemeindepräsidentin sei sich aber sicher, dass der Bär keine Gefahr für die Bevölkerung darstelle. Auch Steckborns Gemeindepräsident fürchtet sich nicht vor dem Bären. «Ich hoffe jedoch, dass das Tier bald in seine gewohnte Umgebung zurückfindet und hier nicht weiter Schaden anrichtet», sagt Forrer.

Sabotage möglicherweise vom Bär verursacht

Wie es aussieht, könnte es jedoch sein, dass das Wildtier schon länger in der Region umherzieht. Anfang März wurden in Schönholzerswilen acht Bienenstöcke von Imkern des Vereins Bee Best Friends zerstört. Damals wurde vermutet, dass hinter der Sabotage gegnerische Imker stecken. Nun wird jedoch gemunkelt, dass auch hier der Bär zugeschlagen hat, um seinen Hunger zu stillen. «Dass ein Bär Bienenstände zerstört, ist durchaus ein realistisches Szenario. Sie fressen schliesslich Bienenwaben», sagt Guido Knup, Geschäftsführer des Vereins Bee Best Friends. Wenn es tatsächlich ein Braunbär wäre, könnten Imker unter Umständen Elektrozäune errichten. Ob sich Bären von diesen abschrecken lassen würden, stellt Guido Knup aber in Frage. «Ein Bär wäre ein weiteres Ungemach für die Bienen», sagt Knup.

Hinweis:
Die kantonalen Fachstellen wollen sich derzeit noch nicht zu den Vorfällen äussern, bis die Resultate von DNA-Proben feststehen. Am Montag wird zum Bären im Thurgau eine Medienmitteilung herausgegeben.