LEHRPLAN: «Handwerkliche Basis braucht es weiter»

Die PHTG arbeitet an vorderster Front an der Entwicklung des neuen Schulfachs Medien und Informatik mit. Für den Leiter des Medien- und Didaktikzentrums sind das Einmaleins und das Schreiben aber weiterhin zentral.

Larissa Flammer
Drucken
Teilen
Thomas Hermann, der Leiter des Medien- und Didaktikzentrums der PHTG, hat die aktuelle Fachtagung mitorganisiert. (Bild: Andrea Stalder)

Thomas Hermann, der Leiter des Medien- und Didaktikzentrums der PHTG, hat die aktuelle Fachtagung mitorganisiert. (Bild: Andrea Stalder)

Der Medienpädagoge Thomas Hermann ist seit gut einem Jahr Leiter des neu aufgestellten Medien- und Didaktikzentrums der Pädagogischen Hochschule Thurgau (PHTG). In dieser Funktion war er massgeblich an der Organisation der Thementagung «Entdecken, Entwickeln, Entscheiden – Perspektiven für einen schulischen Medien- und Informatikunterricht» beteiligt, die heute für Schulleiter und Lehrer durchgeführt wird.

Herr Hermann, die Digitalisierung im Alltag schlägt sich auch in einem veränderten Lehrplan nieder. Was heisst das für den Unterricht?
Durch den Trend zur Automatisierung und Digitalisierung müssen wir uns die Frage stellen, welche Fähigkeiten künftige Schulabgänger brauchen. Es sind wohl solche, die sie möglichst stark von Maschinen unterscheiden. Zum Beispiel werden eigenständiges Denken und problemorientiertes Handeln in Kombination von herkömmlichen Fähigkeiten mit den Möglichkeiten von Computern vermehrt gefragt sein.

Was meinen Sie mit herkömmlichen Fähigkeiten?
Die Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen sowie ein breites Allgemeinwissen über Gesellschaft, Geschichte, Biologie und so weiter. Auch musische und gestalterische Fähigkeiten sind meiner Meinung nach wichtig. Durch die digitalen Möglichkeiten kann man die eigene Kreativität noch fördern. Die handwerkliche Basis braucht es weiterhin.

Was müssen denn die Lehrpersonen mitbringen?
Sie sollten die Chancen und Herausforderungen der digitalen Gesellschaft ernst nehmen und ihren Schülern ermöglichen, digital mündig zu werden. Ich stelle mir vor, dass Lehrpersonen auch vermehrt gefordert sind, neue Lernumgebungen zu gestalten. Zum Beispiel sogenannte Maker-Spaces: Kreativwerkstätten, in denen mittels Technologien eigene Ideen umgesetzt werden können. Wir starten demnächst ein Projekt, um das Potenzial eines solchen Orts für die Schule zu erforschen.

Immer mehr solche neuen Lehr- und Lernmethoden erobern die Schulzimmer. Was sagen Sie den Personen, die sich weiterhin nur Frontalunterricht wünschen?
Ich denke, es gibt schon lange Alternativen zum reinen Frontalunterricht. Gruppenarbeiten und Werkstattunterricht gab es bereits zu meiner Schulzeit. Die unterschiedlichen Formen müssen nebeneinander Platz haben. Es ist ja nicht so, dass eine bestimmte Methode für alle gleich erfolgversprechend ist.

Dann ist die Sorge, Schüler würden künftig das Einmaleins nicht mehr können, unbegründet?
Das hoffe ich auf jeden Fall: Es wäre fatal, wenn wir das Denken gänzlich den Maschinen überlassen würden. Bei der ständig zunehmenden Verfügbarkeit von Informationen im Internet ist es auch eine wichtige Aufgabe der Schule, das kritische Denken zu fördern. Das geht nur, wenn die Schüler die Kulturtechniken beherrschen und über Allgemeinwissen verfügen.

Die grösste Neuerung des Lehrplans Volksschule Thurgau ist der Medien- und Informatikunterricht. Wie weit ist die Umsetzung?
Da der neue Lehrplan erst kürzlich die politischen Hürden genommen hat, stehen wir ganz am Anfang. Wir müssen uns bewusst sein, dass gerade die informatische Bildung etwas völlig Neues ist. Es geht hier etwa um den Umgang mit Daten oder darum, wie man Probleme mit selbst formulierten Algorithmen löst. Dinge, die bisher keinen Platz im Unterricht hatten. Auf Stufe Sek I erhalten unsere Studenten in diesem Frühling ein erstes Mal ein Modul dazu. Auch das Angebot an Weiterbildungen muss noch stark ausgebaut werden. Da sind aber alle Kantone gefordert und wir pflegen einen guten Austausch. Auch arbeiten wir sehr gut und eng mit dem Thurgauer Amt für Volksschule zusammen.

Der Lehrplan soll im Sommer eingeführt werden. Ist also Gas geben angesagt?
Gas geben einerseits, andererseits soll aber nichts überstürzt werden. Rom wurde nicht an einem Tag gebaut und der Lehrplan muss ja nicht in einem Jahr umgesetzt sein. Für Medien und Informatik können die Schulen die Einführung nach hinten verschieben. Ein Zeitplan wird demnächst vorgestellt. Die PHTG arbeitet in diesem Bereich an vorderster Front mit – beim Lehrplan, bei grossen Entwicklungsprojekten auf Deutschschweizer Ebene oder bei Lehrmitteln. Wir konnten gewisse Inhalte schon in unsere Ausbildung integrieren.

Heute findet an der PH Thurgau eine Tagung für Lehrer und Schulleiter zum Thema Medien- und Informatikbildung statt. Was ist das Ziel der Veranstaltung?
Wir wollen zeigen, in welche Richtung die Medien- und Informatikbildung gehen könnte. Die Tagung soll die Lust wecken, sich damit auseinanderzusetzen. Auch wenn es keine Umsetzungstagung im engen Sinn ist, wäre es schön, wenn sie für einige Schulen ein Startschuss für Medien und Informatik nach dem neuen Lehrplan ist. Wir erhoffen uns auch, über die Tagung hinaus Kontakte zu knüpfen mit Lehrerteams und Schulleitungen. Aufgrund der Anmeldungen für die ganz verschiedenen Workshops sehen wir auch, wo die Bedürfnisse sind und welche Weiterbildungen wir anbieten sollten.

Ist das Interesse da?
Es haben sich erfreulicherweise fast 300 Personen angemeldet. Das werten wir als Zeichen, dass die Lehrpersonen die Wichtigkeit des Themas erkennen und bereit sind, es umzusetzen.

Was haben die im Tagungstitel genannten Kompetenzen mit der Informatik- und Medienbildung zu tun?
Entdecken, Entwickeln und Entscheiden ziehen sich als Kompetenzen durch alle Fächer. Wir haben sie für die Tagung ins Zentrum gerückt, weil wir uns für einen handlungsorientierten, lustvoll-kreativen und verantwortungsvollen Umgang mit Medien und Informatik einsetzen. Dank Medien können wir verschiedene Zeiten und Gegenden entdecken oder neue Sichtweisen einnehmen. Wir entwickeln eigene Medienprodukte wie Trickfilme oder Programme. Durch die Auseinandersetzung mit Medien entwickeln wir uns auch selber weiter. Schliesslich sind wir dauernd gefordert, Entscheidungen zu treffen. Beispielsweise was wir im Internet anklicken, welche Inhalte wir auf Facebook veröffentlichen und welche gemachten Bilder wir wieder löschen. Durch das Entdecken und Entwickeln von Neuem und die eigenen Entscheidungen lernen wir zusätzlich den Umgang mit Scheitern.