Die frühen Gesichter der Region

Vom wilden Strom zum begradigten Fluss, vom Dorf zur Stadt, vom Pfad zur Autobahn: Die Karten- und Plansammlung im Staatsarchiv St. Gallen zeigt den Wandel des Kantons aus der Vogelschau. Nun wird sie für die Öffentlichkeit erschlossen.

Adrian Vögele
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Das Abbild einer Naturkatastrophe: Das St. Galler Rheintal während der gewaltigen Überschwemmung von 1817 auf einer zeitgenössischen Karte. (Bilder: Staatsarchiv St. Gallen)

Das Abbild einer Naturkatastrophe: Das St. Galler Rheintal während der gewaltigen Überschwemmung von 1817 auf einer zeitgenössischen Karte. (Bilder: Staatsarchiv St. Gallen)

St. Gallen. Es ist eine wahre Sintflut, die im Jahr 1817 über das Rheintal hereinbricht: Dreimal überschwemmt der Rhein während der Sommermonate die Talebene, der Bodensee erreicht den höchsten Pegelstand aller Zeiten.

In der schlimmsten Phase steht das ganze Rheindelta zwischen Fussach und Buriet unter Wasser. Während Altstätten verschont bleibt und Oberriet mit einem blauen Auge davon kommt, trifft es das Mittelrheintal hart: Gleich an vier Stellen bricht hier der natürliche Damm, der wilde Strom bahnt sich einen Weg mitten durch Diepoldsau und Widnau und setzt die gesamte Ebene bis an die Hänge von Au und Berneck unter Wasser. Die Ernte auf den Feldern ist dahin – ein Hungerwinter steht bevor.

«Satellitenbild» eines Infernos

Passagen aus einem Geschichtsbuch? Nein, bloss ein Blick auf die richtige Karte – auf eine Spezialkarte des Ingenieurs Johannes Feer (siehe oben). Sie stammt aus dem Jahr 1796; im Katastrophenjahr 1817 wurden auf zwei Exemplaren die überschwemmten Gebiete blau eingefärbt. Nicht etwa aus Vergnügen: Die Darstellung gehörte ursprünglich wohl zum Bericht des St. Galler Regierungsrats Messmer über die Katastrophe.

Das präzise Abbild des Infernos, gleichsam ein frühes «Satellitenbild», machte jedem Zeitgenossen klar: Eine Korrektion des Rheins war unumgänglich. Wenig später nahm das Jahrhundertprojekt seinen Anfang.

Heute, fast zweihundert Jahre später, liegt die Karte im St. Galler Staatsarchiv – und die Ostschweiz kämpft noch immer ab und an mit Hochwassern. «Historische Karten sind nicht nur hübsch anzusehen, sondern enthalten oft Informationen, die auch heute noch interessant sind – sowohl für die Forschung wie auch für die Öffentlichkeit», sagt Patric Schnitzer, der die Karten- und Plansammlung im Staatsarchiv betreut. Karten vergangener Überschwemmungen beispielsweise werden beim Erstellen sogenannter Naturkatastrophen-Kataster verwendet.

Über 40 000 Werke enthält die Karten- und Plansammlung – eine stolze Zahl, die vergleichbar ist mit entsprechenden Sammlungen in Zürich, Bern und Luzern. Die St. Galler Karten lagern in säurefreien Umschlägen und Kartons und sind, so weit es die engen Platzverhältnisse im Staatsarchiv erlauben, in klimatisierten Räumen untergebracht. «Unsere Sammlung ist physisch in gutem Zustand – allerdings wurde sie noch nicht in der Archiv-Datenbank erschlossen», sagt Schnitzer.

Das wird sich bald ändern: Im Rahmen eines Projekts, das mit 180 000 Franken aus dem Lotteriefonds finanziert wird, werden in den kommenden zwei Jahren die Verzeichnis-Daten der Karten und Pläne digital erfasst. Sie sind anschliessend über das Internet recherchierbar und somit für die Öffentlichkeit besser zugänglich. Zum Abschluss ist eine Publikumsausstellung geplant.

Wirtshäuser und Baumschatten

Zu zeigen gäbe es einiges: Viele der historischen Karten sind eine Augenweide. Das gilt selbst für technische Pläne, wie etwa jenen zu einer geplanten Bahnlinie entlang des Walensees: Um die ganze Strecke auf einem Dokument festhalten zu können, konzipierte man den Plan als «Leporello» – aufgeklappt misst er mehrere Meter. Das Werk ist koloriert und mit diversen Details – etwa den Namen der Wirtshäuser entlang der Bahnstrecke – ergänzt. Auch Ortspläne, auf denen jeder einzelne Baum samt Schatten eingezeichnet ist, finden sich im Archiv.

Die Liebe zum Detail erklärt sich teilweise aus dem immensen Aufwand, den das Kartographieren früher bedeutete. Der Ingenieur Johannes Feer etwa war für seine Spezialkarte des Rheintals laut eigenen Angaben ein Vierteljahr mit Vermessungen beschäftigt – und wurde dabei erst noch durch den Krieg zwischen Österreich und den Franzosen behindert, der ennet des Rheins tobte. «Man brauchte früher schon triftige Gründe, eine Karte anzufertigen – die Kosten waren hoch», sagt Patric Schnitzer.

Anfangs standen militärische Zwecke an erster Stelle. So wohl auch bei der ältesten Karte der Sammlung, einer Darstellung des oberen Rheintals aus dem frühen 17. Jahrhundert (siehe unten): Sie könnte den Zürcher Truppen gedient haben, die 1621/22 die Bündner Herrschaft besetzten. Während Städte, Schlösser und Engpässe genau abgebildet sind, interessiert der Rhein hier nur am Rande: Sein Lauf ist eher frei gezeichnet.

Das obere Rheintal auf einer Karte aus dem frühen 17. Jahrhundert, gezeichnet vom Zürcher Kartographen Hans Conrad Gyger.

Das obere Rheintal auf einer Karte aus dem frühen 17. Jahrhundert, gezeichnet vom Zürcher Kartographen Hans Conrad Gyger.

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