Säumige Zahler bereiten Bauchweh

RICKENBACH. Zahlt ein Einwohner seine Krankenkassenprämie oder Arztrechnungen nicht, wird im Kanton Thurgau dessen Wohngemeinde zur Kasse gebeten. Wie bitter diese Pille sein kann, zeigt das Beispiel von Rickenbach.

Ursula Ammann
Drucken
Viele beanspruchen Spritzen beim Arzt, nicht alle aber begleichen ihre Rechnung. Säumige Zahler werden nun in einem Datenpool erfasst und nur noch im Notfall behandelt. (Bild: ky)

Viele beanspruchen Spritzen beim Arzt, nicht alle aber begleichen ihre Rechnung. Säumige Zahler werden nun in einem Datenpool erfasst und nur noch im Notfall behandelt. (Bild: ky)

Gäbe es ein Medikament, das säumige Prämienzahler dazu bewegen würde, ihre Rechnungen zu begleichen, wäre dieses wohl schon oft verschrieben worden. Auch in Rickenbach. Der Betrag, den die Gemeinde im vergangenen Jahr für ausstehende Krankenkassenprämien und Arztkosten von Einwohnern aufwenden musste, hat sich gegenüber dem Vorjahr verfünffacht – und zwar auf 100 000 Franken. «Dieses Jahr sind die Zahlen noch viel schlimmer», sagt Gemeindeammann Ivan Knobel. Der Posten «Gemeindeanteil an Verlustscheinforderungen» reisst mit 150 000 Franken ein Loch ins Budget 2015. In Rickenbach entspricht dieser Betrag zwischen drei und vier Steuerprozenten.

Nebenwirkung einer Revision

Bei diesem starken Anstieg der Kosten handelt es sich um die Nebenwirkung einer Gesetzesrevision, die vor rund drei Jahren in Kraft trat. Zahlt eine Person ihre Versicherungsprämien oder Kostenbeteiligungen trotz Betreibung nicht, kann die Krankenkasse seither den entsprechenden Verlustschein beim Kanton einreichen. Dieser muss der Krankenkasse 85 Prozent der Ausstände erstatten. Im Kanton Thurgau werden diese Kosten jedoch auf die Gemeinden übertragen.

137 Personen auf schwarzer Liste

Die Thurgauer Gemeinden seien per kantonales Gesetz auch verpflichtet, diese Verlustscheine vor ihrer Entstehung zu verhindern, erklärt Ivan Knobel. Dies mit einem sogenannten «Krankenkassen Case Management». Eine entsprechende Abteilung hat die Gemeinde Rickenbach im vergangenen Herbst ins Leben gerufen. Sie funktioniert wie folgt: Erscheint ein säumiger Prämienzahler aufgrund offener Forderungen im kantonalen Datenpool (siehe Kasten), wird diese Person informiert und zum Handeln aufgefordert. Aus der Gemeinde Rickenbach sind derzeit 137 Einwohner – das sind rund fünf Prozent der Bevölkerung – in diesem Datenpool erfasst. «Viele der registrierten Personen sind sogenannte Working Poor», sagt Ivan Knobel. Dann gebe es aber auch Normalverdienende, die ihr Budget einfach nicht einteilen könnten.

Ivan Knobel Gemeindeammann Rickenbach (Bild: Ursula Ammann)

Ivan Knobel Gemeindeammann Rickenbach (Bild: Ursula Ammann)

Ziel des Krankenkassen Case Managements ist es, ausstehende Zahlungen zu begleichen, solange sich diese noch im Anfangsstadium befinden, sprich, noch kein Fortsetzungsbegehren für einen Verlustschein da ist. Denn das bringt zusätzliche Kosten aufgrund von Bearbeitungsgebühren, Betreibungskosten und Verzugszinsen. Übernimmt die Gemeinde den Betrag für den Versicherten, so muss dieser eine Rückzahlungsvereinbarung unterschreiben.

Eine Tatsache sei, dass viele der säumigen Zahler eigentlich Anspruch auf eine Prämienverbilligung hätten, betont Ivan Knobel. «Um diese zu bekommen, müssten sie aber zuerst ihre Steuererklärung ausfüllen.» Eine Aufgabe des Krankenkassen Case Managements sei deshalb auch, den Leuten im Gespräch klarzumachen, dass ihnen durch dieses Versäumnis ein grosser Teil des Geldes entgehe – und ihnen beim Ausfüllen Unterstützung zu bieten. Oftmals seien die fraglichen Personen mit solchen Verpflichtungen zu wenig vertraut.

Damit ein Gespräch stattfinden könne, müsse aber auch die Bereitschaft dazu da sein, sagt Ivan Knobel. Er erwähnt ein Ehepaar, das zweimal unentschuldigt ferngeblieben ist.

Zu früh für eine Bilanz

Es sei gut möglich, dass das Problem ausstehender Zahlungen in Rickenbach grösser sei als in anderen Thurgauer Gemeinden, sagt Ivan Knobel. Einen möglichen Zusammenhang sieht er im günstigen Wohnraum der Gemeinde, der vermehrt Personen mit tieferen Einkommen anzieht. Über die Gründe könne man jedoch nur spekulieren. Für Aussagen über die Wirkung des Krankenkassen Case Managements sei es noch zu früh, sagt der Gemeindeammann. «Positive Effekte sind frühestens im nächsten Jahr zu erwarten.»