Den Sammel-Profis auf der Spur

FRAUENFELD. Spenden sammeln ist aufwendig und teuer. Für viele Hilfswerke sind darum Fundraising-Agenturen wie Corris unterwegs. Die Tage der jungen Spendensammler sind lang und anstrengend – und ein Erfolgserlebnis ist nicht garantiert.

Donat Beerli
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Spendenprofi in Aktion: Davide Michelon klärt einen Passanten über das Hilfswerk auf. (Bild: Reto Martin)

Spendenprofi in Aktion: Davide Michelon klärt einen Passanten über das Hilfswerk auf. (Bild: Reto Martin)

Der Blick des jungen Mannes huscht umher, auf der Suche nach Augenkontakt. Zielstrebig läuft er auf jemanden zu. «Guten Tag, meine Dame», sagt er zu einer älteren Frau im grauen Trenchcoat. «Haben Sie schon vom Schweizerischen Gehörlosenbund gehört?» Die Dame verneint, hält an und Joscha Duttli beginnt zu erzählen. Der 19-Jährige, angezogen mit Jeans, Turnschuhen und einer farbigen Winterjacke, ist einer von zwei jungen Männern und einer Frau, die am Bahnhof Frauenfeld Spender für den Schweizerischen Gehörlosenbund suchen. Mit einer Unterschrift können sich die Passanten, verpflichten, monatlich einen bestimmten Geldbetrag auf das Konto der Organisation einzuzahlen.

Profis am Werk

Für das Spendensammeln werden die drei bezahlt – jedoch nicht vom Hilfswerk selber. Sie arbeiten für die gewinnorientierte Fundraising-Agentur Corris, die im Auftrag des Schweizerischen Gehörlosenbunds Standaktionen durchführt. Corris gehört in der Schweiz zu den grössten Fundraising-Agenturen dieser Art. Auf ihrer Website findet man die Namen zahlreicher Hilfswerke, für welche die Agentur Spendenaktionen betreibt. Dazu gehören unter anderem Pro Infirmis, WWF, Greenpeace oder Amnesty International.

Standplatz kostet

Neben Frauenfeld ist Corris im Thurgau auch an den Bahnhöfen Romanshorn, Weinfelden, Amriswil und Kreuzlingen präsent. Laut Corris-CEO Baldwin Bakker muss jeder Standplatz, ob öffentlich oder privat, bewilligt werden. Bakker sagt, man frage bei den SBB regelmässig an und bezahle die entsprechende Standplatzgebühr. Lea Meyer, Mediensprecherin der SBB, bestätigt dies. Im Gegensatz zu kommerziellen Promotionen wie beispielsweise das Verteilen von Coca-Cola-Dosen sei die Standplatzgebühr für Non-profitorganisationen jedoch wesentlich tiefer. Wie viel ein solcher Platz tatsächlich kostet, geben die SBB aber nicht preis.

4000 Franken Fixlohn

Joscha Duttli studiert Politikwissenschaften und arbeitet nebenbei für Corris. «Ich wähle die Leute, die ich anspreche, nach bestimmten Kriterien aus. Wenn mir jemand sympathisch erscheint, versuche ich mit der Person ins Gespräch zu kommen.» Mit der Zeit lerne man auch, bei wem man besser ankomme. Davide Michelon, 21, der ebenfalls in Frauenfeld unterwegs ist, geht eher spontan auf Leute zu: «Ich habe keine Kriterien, nach denen ich jemanden anspreche.» Es sei schwierig vorauszuahnen, ob sich eine Person für ein Hilfswerk interessiere oder nicht. Obwohl es manchmal anstrengend sei, gefällt Davide Michelon die Arbeit: «Jeden Tag lerne ich neue Leute kennen, das ist genial!» Sogenannte Dialoger wie Joscha Duttli und Davide Michelon erhalten laut CEO Baldwin Bakker einen Fixlohn von rund 4000 Franken. Zusätzlich ist ein Bonus möglich: Diesen bekommt, wer möglichste viele neue Spender an Land ziehen kann. Zudem sei der Bonus davon abhängig, ob eine Spendenzusage wirklich eingehalten würde. 2011 habe der Bonus rund 15 Prozent des durchschnittlichen Lohnes betragen.

Die Sammler, die durchschnittlich rund drei Wochen bei Corris arbeiten, kommen aus ganz unterschiedlichen Lebenssituationen. Viele sind Studenten, Schüler oder junge Menschen in Ausbildung.

Und tatsächlich: Die Lebensläufe der Corris-Mitarbeitenden könnten unterschiedlicher nicht sein. Da ist beispielsweise Nikolai von Tschubinov, gebürtiger Ecuadorianer mit russischer Grossmutter, seit mehr als zehn Jahren in der Schweiz. Nach angefangenem Geographie-Studium stiess er vor zehn Jahren zu Corris, nun arbeitet er seit zwei Jahren Vollzeit als Koordinator. Heute pendelt er zwischen Winterthur und Frauenfeld und unterstützt die Dialoger in ihrer Arbeit. Manchmal hört er zu wie ein Gespräch verläuft und gibt den Dialogern anschliessend Tips, was man hätte besser machen können.

Joscha Duttli sagt, er spreche pro Tag zwischen 50 und 300 Personen an. Unterschreiben würden jedoch nur zwischen 5 und 8. Vielfach würden die Dialoger ein gutes Gespräch mit einem Passanten führen, könnten ihn jedoch trotzdem nicht zum Mitmachen motivieren, sagt Nicolai von Tschubinov. «Das nagt am Selbstbewusstsein – und da versuche ich zu helfen.»

Fast kein Entkommen

Diese Hilfe hat Anna Rotter nicht nötig. Ivo Leibacher hat soeben bei der 19jährigen Zürcherin, die erst seit vier Tagen für Corris unterwegs ist, unterschrieben. Normalerweise versuche er, diesen Leuten aus dem Weg zu gehen, sagt der junge Frauenfelder. Beispielsweise gebe er vor, noch nicht 18 zu sein oder sage, dass er eine Zweitlehre mache und darum kein Geld habe. Heute habe er jedoch unterschrieben, weil er vom Schweizer Gehörlosenbund überzeugt sei. «Hier bleibt das Geld in der Schweiz, das kann ich mit gutem Gewissen unterstützen.»