FRAUENFELD: «Es gab einen lauten Knall»

Nach dem Einsturz eines Treppenhauses in einem Mehrfamilienhaus an der Oberwiesenstrasse haben die Bewohner wieder Zugang zu ihren Wohnungen. Verletzt wurde niemand, ein mulmiges Gefühl aber bleibt.

Samuel Koch
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Mittels provisorischen Baugerüsts haben sämtliche Bewohner wieder Zugang zu ihren Wohnungen. (Bilder: Andrea Stalder)

Mittels provisorischen Baugerüsts haben sämtliche Bewohner wieder Zugang zu ihren Wohnungen. (Bilder: Andrea Stalder)

Samuel Koch

samuel.koch@thurgauerzeitung.ch

Die Gefahr ist gebannt, doch der Schock sitzt tief. Einige der Bewohner des Wohnblocks an der Oberwiesenstrasse 55 dürften in der Nacht auf gestern Mittwoch kaum ein Auge zugemacht haben. Zu stark sitzt der Schreck noch in den Knochen. Denn nur Stunden zuvor war das über fünf Etagen hohe Treppenhaus ihres Wohnblocks plötzlich Knall auf Fall zusammengebrochen.

Familie Lalo wohnt im obersten Stockwerk, direkt neben der Tür zu ihrer Wohnung klafft ein grosses Loch. Zwar ist es mit einem Gitterzaun abgesperrt, und doch führt das Loch rund ein Dutzend Meter in die Tiefe. «Wir haben immer noch Angst», sagt die achtjährige Jara Lalo anstelle ihrer Mutter, die sich der deutschen Sprache zu wenig mächtig fühlt. Die Familie habe sich zum Zeitpunkt des Einsturzes in der Wohnung befunden, «es gab einen lauten Knall, aber wir haben nicht gedacht, dass so etwas Schlimmes passiert ist». Sofort greift die Mutter zum Telefonhörer und verständigt die Polizei.

Feuerwehr evakuiert alle Bewohner mit Drehleiter

Polizisten sowie Mitglieder der städtischen Feuerwehr rücken aus. Vor Ort beginnen sie, die sich noch im Gebäude befindenden Bewohner mittels Autodrehleiter zu evakuieren. Zu diesem Zeitpunkt ist noch nicht klar, ob das ganze Gebäude nicht einsturzgefährdet ist. «Eine allgemeine Verunsicherung war spürbar», sagt Feuerwehrkommandant Fabrizio Hugentobler. Der Schock einiger Bewohner war so gross, dass sie sich nicht einmal von den rund 15 Feuerwehrleuten im Einsatz helfen lassen wollten.

Glücklicherweise verletzte sich beim Vorfall niemand, wie Matthias Graf, Mediensprecher der Kantonspolizei Thurgau, sagt. Sofort nahmen Statiker die Ermittlungen auf, kurze Zeit und ein paar Augenscheine später ist klar: Der Wohnblock ist sicher. Trotzdem bleibt ein mulmiges Gefühl, so auch bei Jara Lalo, deren Schlafzimmer nur eine Betonwand vom eingestürzten Loch trennt. «Ich konnte nicht einschlafen, weshalb ich im Bett meiner Eltern schlafen durfte», sagt sie erleichtert. Draussen arbeiten die Feuerwehrleute sowie Mitarbeiter der Firma X-Bau bis um 4 Uhr morgens weiter, um ein provisorisches Gerüst an der Fassade zu installieren.

Zur Ursache gibt es erst Vermutungen

Warum das mehrere Tonnen schwere Treppenhaus eingestürzt ist, kann noch niemand abschliessend beurteilen. «Vermutlich sind die Bewehrungseisen im Beton korrodiert», sagt Statiker Edi Schmid vom BHA-Team. Möglicherweise habe es im Beton Risse gegeben, die wegen der Kälte gefroren sind und so wiederum den Beton in Mitleidenschaft gezogen haben könnten. Wie bei einem Kartenhaus sei die Treppe bei einer Kettenreaktion in sich zusammengestürzt. Der Lichtschacht daneben, aber auch der gesamte Gebäudekomplex sei jedoch nicht betroffen. «Das Treppenhaus hat nichts mit der Gesamttragfähigkeit des Gebäudes zu tun», meint Schmid. Aus statischer Sicht sei nach den ersten Gutachten alles in Ordnung. Eine Schadensumme sei bis dato schwierig zu beziffern.

Beim Eigentümer des 1972 erbauten Wohnblocks, der Logis Suisse AG mit Sitz im aargauischen Baden, löst der Vorfall grosse Betroffenheit aus. «So etwas Ähnliches hat es noch nicht gegeben», sagt Mediensprecherin Jutta Mauderli. Die Logis schaue ihren rund 1800 Liegenschaften gut. «Einen solchen Einsturz hat niemand kommen sehen.» Nebst dem Aufbau des Gerüstes müsse schnellstmöglich ein neues Treppenhaus gebaut werden. Im identischen Gebäude nebenan sind mittlerweile Stützen eingebaut worden, um ein ähnliches Szenario zu verhindern. «Allenfalls müssen wir auch die offenen Laubengänge schützen», sagt Mauderli. Regenwasser könne so über Jahre eine mögliche Ursache sein, das bei Kälte Beton zerberste.

Vom fünften Stockwerk aus ist die komplette Treppe eingebrochen und durch sämtliche Böden hindurch nach unten gestürzt.

Vom fünften Stockwerk aus ist die komplette Treppe eingebrochen und durch sämtliche Böden hindurch nach unten gestürzt.

Trümmer und Scherben beim Eingang zum Wohnblock, der mit Absperrgittern unzugänglich gemacht ist.

Trümmer und Scherben beim Eingang zum Wohnblock, der mit Absperrgittern unzugänglich gemacht ist.