Der Jäger des Nazi-Funkers

Zehn Jahre war der Amateurfunker Bruno Hess auf der Spur eines Thurgauers, der antisemitische Hetzreden über Funk verbreitet. Nicht einmal die schlimmsten Drohungen des Nazi-Funkers haben ihn gestoppt. Hess sagt: «Ich bin nicht gewillt, so etwas zu dulden.»

Ida Sandl
Drucken
Teilen

Die Stimme klingt gepresst, als koste das Sprechen den Mann grosse Anstrengung. Die Botschaft ist beängstigend: «Wenn ich mit Dir fertig bin, dann fährst Du im Rollstuhl umher.» Die Drohung gilt Bruno Hess, Elektroniker aus St. Gallen und seit mehr als 20 Jahren leidenschaftlicher Amateurfunker. Hess ist im Funknetz zufällig auf einen Mann gestossen, der judenfeindliche Hasspredigten verbreitet. Das war im Jahr 2001, und erst dachte Hess an einen einmaligen Ausrutscher, den man am besten ignoriert.

Doch der Nazi-Funker, der sich «Fuchs» nennt, meldet sich wieder und wieder. Es sind kurze, rechtsradikale Hetzreden. Hess kann nicht mehr weghören. «Ich weigere mich, solche Sachen zu dulden», sagt er. So begann eine Verfolgungsjagd, die mehr als zehn Jahre dauern sollte. Am Ende wird der Mann gefunden: Hess kann seinen Standort im Umkreis von einem Kilometer orten. Der Rechtsradikale funkt aus Kümmertshausen (die TZ berichtete).

Verfahren kurz vor Abschluss

Seit einem Jahr ist die Polizei informiert, die Staatsanwaltschaft ermittelt. Das Verfahren stehe kurz vor dem Abschluss, sagt Thomas Niedermann von der Staatsanwaltschaft Bischofszell. Inzwischen soll das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) ein rechtsgültiges Urteil gegen den Mann gefällt haben. Das Bakom macht zum konkreten Fall aber keine Aussagen.

Rechtsradikaler sendet weiter

Bisher hat sich der Mann von alledem nicht gross beeindrucken lassen, er schickt seine Hasstiraden weiter in die Welt hinaus. Hess hat ihn am 17. März zum letztenmal gehört. «Wir haben technisch keine Möglichkeiten, das zu unterbinden», sagt dazu Bakom-Sprecherin Debora Murith. Das Bakom könne jemandem die Konzession entziehen oder Funkgeräte beschlagnahmen. Beides dürfte den Judenhasser kaum beeindrucken: Eine Lizenz hat er nämlich gar nicht. «Er ist ein Schwarzfunker», schreibt die Union der Schweizerischen Kurzwellen-Amateure, die Uska.

Die Staatsanwaltschaft habe sofort reagiert, nachdem Anzeige gegen den Nazi-Funker eingereicht wurde, sagt Staatsanwalt Niedermann. «Wir haben eine Hausdurchsuchung durchgeführt.» Davon, dass der Mann weiter rechtsradikale Botschaften sendet, ist Niedermann nichts bekannt. «Wir können erst reagieren, wenn eine entsprechende Anzeige erstattet wird.» Allerdings: Sehr viel mehr als wieder das Funkgerät beschlagnahmen, könne man nicht machen.

Ob das viel nützt, ist die Frage. In der Schweiz darf kein Funkgerät an jemanden verkauft werden, der keine Lizenz besitzt. Der «Fuchs» brauche aber nur nach Deutschland oder Österreich zu fahren, um sich auszurüsten, sagt Hess. Ein Handfunkgerät in der Qualität, wie es der Thurgauer benützt, koste um die 400 Franken. Wegen seiner wechselnden Standorte wurde der Rechtsradikale lange nicht gefunden. Er funkte stets mit kleiner Leistung und nur kurz. In den Amateurfunkerkreisen hielt sich die Vermutung, der «Fuchs» sende vom Ottenberg bei Weinfelden aus.

Hess machte es zu seiner Mission, den «Fuchs» zu jagen. Da er beruflich viel mit dem Auto unterwegs ist, nahm er den Heimweg nach St. Gallen wenn immer möglich über Kreuzlingen und Bottighofen. Bald war ihm klar, der «Fuchs» muss sich im Raum Erlen aufhalten.

Zu dieser Zeit hatte er das Bakom bereits eingeweiht. Für die Experten sei aber selbst diese Angabe noch zu vage gewesen. Vor genau einem Jahr gelingt Hess der Zufallstreffer: Als er wieder einmal auf dem Heimweg ist und an Kümmertshausen vorbeifährt, hört er die Stimme des Judenhassers so deutlich wie nie zuvor. Der «Fuchs» wusste mittlerweile, dass ein Amateurfunker hinter ihm her war.

Eine Falle für den «Fuchs»

Mehrmals hatten sie per Funk direkten Kontakt – kurze, heftige Attacken. «Ich bring Dich zur Strecke», kündigte Hess an. «Du dreckige Ratte», schäumte der «Fuchs» zurück. Dann stellt Hess dem «Fuchs» eine Falle: «Es interessiert sich keiner mehr für Dich, weder das Bakom noch die Polizei und die anderen Funker auch nicht», stachelt er ihn an. Dann informiert er das Bakom. Die Rechnung geht auf. Der «Fuchs» wird unvorsichtig, nur drei Tage später sendet er von seinem Haus in Kümmertshausen aus. Endlich kann ihn das Bakom orten. Am 23. März 2011 stehen die Polizei und eine Abordnung vom Bakom beim «Fuchs» vor der Tür: Hausdurchsuchung.

Hess hält ihn für gefährlich

Er werde sein Engagement bitter bereuen, hat der «Fuchs» seinem Widersacher mehrmals angedroht. Einmal rät er Hess, sich Computerspiele für den Rollstuhl zu kaufen, den er bald brauchen werde. Hess hält den «Fuchs» für «brandgefährlich», trotzdem hat er keine Angst. Auf eine direkte Konfrontation würde er es aber nicht ankommen lassen. Im Mai 2011 reicht Hess eine Anzeige wegen Drohung gegen den «Fuchs» ein. Inzwischen hat er auch den Nachrichtendienst des Bundes informiert.

Er führe keinen persönlichen Rachefeldzug gegen den «Fuchs», stellt Hess klar: Er möchte einfach nicht, dass sein Hobby Amateurfunk missbraucht werde. Und es gehe ihm um die Schweiz: «Ich will nicht, dass man denkt, wir Schweizer seien Rechtsradikale.»