Antisemit funkt aus dem Thurgau

BISCHOFSZELL. Ein Thurgauer hat mehr als zehn Jahre schlimmste Hasstiraden gegen Juden über Funk verbreitet. Jetzt ermittelt zwar die Staatsanwaltschaft gegen ihn, er hetzt aber trotzdem weiter.

Ida Sandl
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Die «Dirty Funker Rat» des englischen Graffiti-Künstlers Banksy. (Bild: pd)

Die «Dirty Funker Rat» des englischen Graffiti-Künstlers Banksy. (Bild: pd)

Patrick Studer hat sich schon viele judenfeindliche Äusserungen anhören müssen. Er ist beim Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund für Prävention und Information zuständig. Aber das, was ein Mann aus Kümmertshausen seit mehr als zehn Jahren über Funk verbreitet, sei «aussergewöhnlich drastisch», sagt Studer. Da fallen Ausdrücke wie «jüdischer Abschaum», und es ist die Rede von einer «Brut, die vernichtet werden muss».

Der Israelitische Gemeindebund hat deshalb im September 2011 Anzeige gegen den Mann eingereicht, wegen Verstosses gegen die Rassismusstrafnorm. Die Staatsanwaltschaft Bischofszell bestätigt das. Die Untersuchungen würden laufen, mehr will sie dazu nicht sagen.

Ein Amateurfunker aus dem Rheintal hat den Israelitischen Gemeindebund auf die rechtsradikalen Hassreden aufmerksam gemacht. Der Mann ist vor zwei Jahren zufällig auf die Naziparolen gestossen und konnte kaum glauben, was er da hörte. Er will seinen Namen nicht nennen – aus Angst vor Rache. Zwei seiner Funker-Kollegen seien von dem Mann bereits bedroht worden.

Er nennt sich «schlauer Fuchs»

Der Funker aus dem Rheintal spielt der Thurgauer Zeitung ein paar Passagen aus einer Hetzrede vor, die er aufgezeichnet hat. Dabei ist ein Mann zu hören, der langsam und mit gepresster Stimme radikale Botschaften von sich gibt. Er nennt sich «schlauer Fuchs». Die Beschimpfungen dauern manchmal nur 30 Sekunden, aber auch bis zu einer Viertelstunde. Der Inhalt erinnert an die Propaganda aus der Nazizeit.

Einige seiner Schimpftiraden habe «schlauer Fuchs» mit einem ganz speziellen Gruss an Adolf Hitler beendet, schreibt der «Blick». Der Mann soll sogar ein «Hitler unser» auf Funk gebetet haben. «So kann es nicht weiter- gehen», sagte sich der Amateurfunker aus dem Rheintal und nahm die extremen Reden auf. Die Aufzeichnungen schickte er an den israelischen Botschafter, dieser informierte den Gemeindebund.

Seine Verwünschungen sendet der «Fuchs» abwechselnd über die Säntis-, die Bodensee- oder die Zugspitze-Frequenz. So erziele er eine grosse Reichweite von bis zu 500 Kilometern. Als der Funker aus dem Rheintal seinen Kollegen vom Judenhasser erzählte, erfuhr er, dass der Fall in der Szene schon längst bekannt sei.

Neun Jahre lang verfolgt

Bruno Hess, ein Amateurfunker aus St. Gallen, war dem «Fuchs» neun Jahre lang auf den Fersen, bis er ihn im 2010 orten konnte. Er sei im Auto unterwegs gewesen, als diese Stimme aus dem Funkgerät ertönte, so deutlich wie noch nie zuvor. Das Bundesamt für Kommunikation (Bakom) konnte den «Fuchs» orten. Es fand heraus, dass der Mann von seinem Haus in Kümmertshausen sendet.

Polizei und Bakom hätten daraufhin mehrmals das Haus durchsucht. Sein Funkgerät wurde eingezogen. Nach den Hausdurchsuchungen sei es eine Weile ruhig gewesen, schildert der Funker aus dem Rheintal. Inzwischen hat sich «Fuchs» aber wieder gemeldet. Er werde jetzt voll auf Angriff übergehen, geifert er. «Aufgeben kommt auf keinen Fall in Frage, bevor Zion nicht vom Thron gestossen ist.»

Ständig Standort gewechselt

Unbeantwortet bleibt die Frage, wieso «Fuchs» so lange unbehelligt sein rechtsradikales Gedankengut in die Welt hinaus posaunen konnte. Bruno Hess soll das Bakom bereits vor sechs Jahren eingeschaltet haben. Erschwert habe die Suche, dass der Schwarzfunker oft den Standort gewechselt und nur kurze Botschaften gesendet haben soll. Seit gut einem Jahr ist aber nun seine Identität bekannt. Warum kann er trotzdem weiter senden? Vom Bakom war gestern niemand für eine Stellungnahme erreichbar.