«Ich kann meine Arme brauchen»

SITTERDORF. Zwei Frauen, zwei Leben, ein Anlass: Spitzensportlerin und Olympiasiegerin Sandra Graf sowie Regierungsratskandidatin Carmen Haag sind Gäste am Neujahrsapéro der CVP Bischofszell und Umgebung.

Benno Gämperle
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Sportlerin Sandra Graf überzeugt das Publikum mit ihrer optimistischen Lebenseinstellung. (Bild: Benno Gämperle)

Sportlerin Sandra Graf überzeugt das Publikum mit ihrer optimistischen Lebenseinstellung. (Bild: Benno Gämperle)

«Bei 70 km/h beginne ich zu bremsen», sagt Spitzensportlerin Sandra Graf zur Erheiterung des Publikums. Bergab müsse es gehen, dann erreiche sie auf ihren Sportgeräten diese Höchstgeschwindigkeiten. Geradeaus fahre sie im Schnitt zwischen 30 und 40 Stundenkilometer schnell.

Die Sportgeräte der 44jährigen Gaiserin, das sind der Rennrollstuhl und das Handbike, denn Sandra Graf ist seit ihrem 22. Altersjahr querschnittgelähmt. «Ich hatte Glück im Unglück», resümiert sie, «als Paraplegikerin kann ich Oberkörper und Arme vollständig gebrauchen und bin zu 99 Prozent selbständig.» Dann erzählt sie den knapp 40 Anwesenden in der Aula der Schulanlage Bruggfeld in Sitterdorf von ihrem folgenschweren Unfall. Graf war in der Turnhalle Teufen von den Ringen gestürzt und schwer verletzt liegengeblieben. «Als Samariterin wusste ich sofort, was es bedeutet, wenn ich meine Beine nicht bewegen kann», erinnert sie sich.

Es ist mucksmäuschenstill unter den Gästen des Neujahrsapéros der CVP Bischofszell und Umgebung, als die Profisportlerin das sagt. Die Gelegenheit, Sandra Graf mit Fragen zu löchern, folgt später bei Getränk und Gebäck – und wird reichlich genutzt.

«WM-Gold fehlt noch»

Die Spitzensportlerin aus Ausserrhoden erzählt weiter aus ihrem Leben vor und nach der Querschnittlähmung, von ihrer Familie – Sandra Graf ist verheiratet und Mutter zweier Töchter, die beide nach ihrem Unfall zur Welt gekommen sind –, vor allem aber berichtet sie von ihrem Weg an die Spitze im internationalen Sport.

Bisherige Krönung ihrer Karriere mit Rennrollstuhl und Handbike sind der Gewinn einer Gold- und einer Bronzemedaille an den Paralympics 2012 in London. Damit ist die 44-Jährige, die sich selbst als «sehr ehrgeizig im Sport» bezeichnet, noch nicht am Ende ihrer Sportlerinnen-Karriere angelangt, wie sie den Anwesenden weitere Ziele verrät: «Eine Goldmedaille an einer WM möchte ich noch gewinnen»; acht silberne WM-Medaillen habe sie ja schon. Trotz all der Medaillen und des Olympiasieges: Die Frau, die in ihrem Rollstuhl vor der Bischofszeller CVP sitzt und erzählt, kommt nicht von einem anderen Stern. Sie ist bescheiden im Auftritt, ruhig und überlegt – und doch zielstrebig.

«Schluss mit der Polemik»

Zielstrebig, ruhig und ambitioniert – das trifft auch auf den zweiten weiblichen Gast des Neujahrsapéros zu, die CVP-Regierungsratskandidatin Carmen Haag aus Stettfurt. Sie hofft, an der Wahl am 9. Februar die Nachfolge des in Pension gehenden – und im Saal anwesenden – Bernhard Koch anzutreten und nutzt die Gelegenheit, vor den CVP-Mitgliedern aus Bischofszell und Umgebung Werbung in eigener Sache zu machen.

Aussicht und Austausch

Als Conférencier und Eröffnungsredner amtet Parteipräsident Thomas Diethelm. Er kündigt nicht nur die einzelnen Programmpunkte an, so etwa die etlichen und warm beklatschten Einsätze des Waldpark-Ensembles Bischofszell auf ihren Akkordeons, sondern blickt in seiner eigenen Ansprache zurück auf das Jahr 2013 und vorwärts auf 2014.

Besonders von der Präsidentschaft der Interpartei, welche die CVP nun innehabe, verspricht sich Thomas Diethelm viel; in dieser Funktion wolle er beispielsweise einen «regelmässigen Austausch» von Interpartei und Stadtammann Josef Mattle initiieren.

Der CVP-Präsident sieht «Handlungsbedarf» in dieser Sache: «Es ist die Zeit gekommen, da auf beiden Seiten Schluss gemacht wird mit der Polemik; sie dient niemandem.»