«Ich suche Schweizer, die mir helfen»

ARBON. Hausabwart Peter Shehe aus Arbon ist in Kenia ins Parlament gewählt worden. Als Regierungschef seines Bezirks herrscht er nun über 140'000 Kenianer. Shehe will Schulbildung und sauberes Wasser in seine Heimat bringen. Pro Jahr hat er etwa eine Million Franken zur Verfügung.

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Klein anfangen: Der Arboner Peter Shehe hat Grosses vor in Kenia. (Bild: Donato Caspari)

Klein anfangen: Der Arboner Peter Shehe hat Grosses vor in Kenia. (Bild: Donato Caspari)

Gratulation zu Ihrem Wahlsieg, Herr Shehe. Wie haben Ihre Kinder auf Ihren Sieg reagiert?
Peter Shehe: Sie freuen sich natürlich riesig für mich. Obwohl sie zu Beginn etwas Angst um mich hatten.

Warum das?
Shehe: Ich habe bereits 2007 kandidiert. Nach dem Ausgang der Wahlen kam es im ganzen Land zu heftigen Unruhen. Dieses Jahr lief die ganze Wahl aber ruhig ab, da die Sicherheitspolizei ständig vor Ort war.

Sie haben mit deutlichem Abstand gewonnen, trotzdem wäre es erneut beinahe schief gegangen.
Shehe: Das stimmt, in einigen Wahlkreisen schien niemand für mich gestimmt zu haben, obwohl meine Partnerin und ich aus sicherer Quelle wussten, dass ich auch dort Anhänger habe. Deshalb mussten alle Stimmen noch einmal von Hand ausgezählt werden. Wir sassen 24 Stunden lang da und haben mitgezählt, bis das Resultat eindeutig war.

Sie haben viele Anhänger in Kenia, obwohl Sie lange in der Schweiz gelebt haben. Welchen Ruf haben die Schweizer in Kenia?
Shehe: Die Kenianer denken, dass Weisse immer die Wahrheit sagen. Da ich seit 22 Jahren in der Schweiz wohne, halten sie mich für einen halben Weissen und somit auch für eine ehrliche Person. Ausserdem nehmen alle Kenianer automatisch an, dass ich viel Geld besitze, weil ich als Schwarzer eine weisse Partnerin habe. Das bedeutet für die Leute auch, dass ich nicht einfach Geld aus der Staatskasse nehmen werde, wie es leider viele andere Parlamentarier in Kenia tun.

Wie hoch ist dieser Betrag aus der Staatskasse, der Ihnen als Parlamentarier zusteht?
Shehe: Ich habe ein Monatsgehalt von 532 500 Kenia-Shilling, das sind gut 5000 Schweizer Franken. Ausserdem steht mir jährlich etwa eine Million Schweizer Franken als Budget zur Verfügung.

Was werden Sie mit dem Geld tun?
Shehe: Kenia ist ein Land mit vielen Möglichkeiten. Leider weiss die Bevölkerung kaum, wie man diese nutzt. Wir müssen ganz von vorne anfangen. Mir ist besonders wichtig, dass das Land korruptionsfrei wird. Danach möchte ich für die Kenianer Arbeitsplätze schaffen.

Wie wollen Sie das machen?
Shehe: Dafür bin ich auf das Know-how der Schweizer angewiesen. Ich suche Leute, die sich engagieren wollen und mit mir nach Kenia kommen, um die Bevölkerung zu unterstützen. Zum Beispiel Schreiner, die Schulbänke anfertigen. Oder Schneiderinnen, weil ich gerne eine Schuluniform einführen würde.

Wie stellen Sie sich das organisatorisch vor?
Shehe: Ich möchte in meinem Bezirk eine Herberge bauen, damit interessierte Schweizer sich für einige Zeit in Kenia niederlassen und der lokalen Bevölkerung ihr Wissen übermitteln können. Gleichzeitig möchte ich den Einheimischen die Möglichkeit bieten, für einige Zeit in die Schweiz zu gehen, um dort zu lernen.

Klingt nach einem ganzen Stück Arbeit. Womit werden Sie beginnen?
Shehe: Zuerst muss die Infrastruktur verbessert werden. Ich möchte Strassen bauen, Kirchen und Schulen. Ein weiteres Anliegen ist es mir, den Kenianern sauberes Wasser zu bieten.

Dafür haben Sie sich bereits vor Ihrer Wahl engagiert. Wie geht es konkret weiter?
Shehe: Damals haben wir per Zufall herausgefunden, dass die Firma Trunz Holding AG tragbare Wasser-Behandlungs-Systeme entwickelt und bereits in Mombasa eingesetzt hat. Mit diesem System kann schmutziges Wasser durch Sonnenlicht und Windkraft in Trinkwasser umgewandelt werden. Ich möchte möglichst viele von diesen Systemen nach Kenia bringen.

Ausserdem möchte ich Brunnen bauen. Der Boden in Kenia ist sehr fruchtbar und mit einem guten Bewässerungssystem könnte die Bevölkerung zum Beispiel ihren eigenen Mais anpflanzen.

Warum arbeiten Sie nicht mit grösseren Hilfswerken zusammen?
Shehe: Meine Partnerin und ich haben die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) kontaktiert. Diese setzt sich aber nur für spezifische Gebiete ein und hat ihr eigenes Programm. Ausserdem geraten Spenden, die an lokale Hilfswerke gehen leider oft in die falschen Hände.

Was ist Ihre Vision?
Shehe: Ich möchte, dass die Kenianer für sich selbst sorgen können. Momentan konzentriere ich mich nur auf meinen Bezirk. Aber vielleicht werden andere sich daran ein Beispiel nehmen damit sich das Ganze multipliziert. Ich glaube daran, dass wir zusammen die Welt verändern können.

Wie wird es nun weitergehen?
Shehe: Ich bin nur etwa eine Woche in der Schweiz, danach muss ich wieder zurück nach Kenia, wo die Vereidigung stattfindet.

Wird Ihre Partnerin, Barbara Fuhrer, Sie nach Kenia begleiten?
Shehe: Nein, sie bleibt in Arbon und kümmert sich von hier aus um das Administrative. Wir werden aber versuchen, uns so oft wie möglich zu sehen.

Sie werden die Schweiz also nicht ganz verlassen?
Shehe: Auf keinen Fall, dafür lebe ich schon zu lange hier. Auch wenn ich von nun an viel Zeit in Kenia verbringen werde – die Schweiz kann man nicht einfach hinter sich lassen.

Interview: Tanja Weibel