Der Kenianer aus der Schweiz

ARBON. Peter Shehe lebt seit 20 Jahren in der Schweiz. Nächstes Jahr will er in seiner Heimatregion in Kenia Regierungschef werden. Der 57-Jährige will seinen Landsleuten Schweizer Tugenden beibringen und Firmen ansiedeln. Er rechnet sich gute Chancen aus.

Michelle Sommerhalder
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Schon ganz der Wahlkämpfer: Peter Shehe auf Besuch in einem Dorf im Wahlkreis Ganze in Kenia. (Bild: pd)

Schon ganz der Wahlkämpfer: Peter Shehe auf Besuch in einem Dorf im Wahlkreis Ganze in Kenia. (Bild: pd)

In der drückenden Hitze Kenias hatte der Tourbus zweier Schweizer Touristinnen eine Panne. Was als spannende Tiersafari gebucht worden war, drohte ein unspektakuläres Ende zu nehmen. Wäre da nicht der Kenianer Peter Shehe gewesen, der den beiden Freundinnen seinen eigenen Bus lieh. Shehe arbeitete damals bei der Kenya Cashewnuts Gesellschaft, er verwaltete den Lohn der 3000 Mitarbeiter und konnte sich so ein Gefährt leisten.

Dass Shehe kein Geld für seinen Bus annehmen wollte, beeindruckte eine der Touristinnen sehr. Sie kamen ins Gespräch und verliebten sich ineinander. Drei Jahre lang nahmen sie immer wieder die weiten Reisen auf sich, um einander zu besuchen. Schliesslich verabschiedete sich Shehe schweren Herzens von seinen vier Kindern, die er mit seiner kenianischen Exfrau hatte, und zog in die Schweiz. Bald darauf wurde in Winterthur geheiratet.

Nun lebt Peter Shehe bereits seit über zwanzig Jahren in der Schweiz, davon eineinhalb Jahre mit einer neuen Lebensgefährtin in Arbon. Seine zwei Töchter und zwei Söhne holte er zu sich. Sie sind mittlerweile erwachsen. Er arbeitet momentan als Facility Manager bei einer Firma, die Immobilien bewirtschaftet.

Keine einzige Firma

Jetzt aber strebt Shehe höhere Ziele an, er will Regierungschef des Wahlkreises Ganze werden. Dieser liegt in Kilifi, einem Distrikt von Kenia, in dem er auch geboren ist. Peter Shehe ist ein gutgelaunter Mann Mitte fünfzig, der in seinen blauen Arbeitskleidern im Büro in Arbon sitzt.

Er redet gerne über seine Heimat und was er dort als Regierungschef verändern würde. «Die Leute haben nichts», erzählt Shehe. Sein Wahlkreis sei dreimal so gross wie der Kanton Thurgau. Dort gebe es aber keine einzige Firma, also auch kaum Arbeitsmöglichkeiten für die 140 000 Menschen der Region.

Wenn Shehe gewählt wird, will er dem kenianischen Volk die Schweizer Arbeitsmoral näherbringen: Sauberkeit, Pünktlichkeit und schnelles Arbeiten. «Die Leute müssen verstehen, dass man nur durch Arbeit zu Geld kommt, sonst durch nichts», sagt Shehe. Er verspricht, nach seiner Wahl für Arbeitsplätze zu sorgen. Er ist zuversichtlich, dass seine Verbindungen zu Schweizer Firmen eine Veränderung im kenianischen Arbeitsmarkt bringen können. Die einheimische Bevölkerung solle die Anbautechniken der Schweizer Bauern erlernen. Das Gebiet sei sehr fruchtbar.

Shehe will ein reines Mädcheninternat gründen, wo die Mädchen sicher seien vor Zwangsheirat und Beschneidung. Jede der vier Gemeinden soll eine gut ausgerüstete Primarschule und eine Sekundarschule erhalten.

Von Mund zu Mund

Die Kandidatur als regionaler Regierungschef sei nicht seine Idee gewesen, meint Peter Shehe. In Ganze laufe so etwas über Mund-zu-Mund-Propaganda.

Die Leute versammelten sich in den Dörfern und bestimmten miteinander, für wen sie stimmen wollen. Er sei immer noch sehr bekannt in seinem Bezirk. Schon bald sei deshalb sein Name genannt worden. «Sie wollen einen Mann, der seine Bildung aus der Schweiz hat und die Weisheiten dieser Kultur mitbringt.»

Stimmzettel gefälscht

Aber wieso hat er dann vor fünf Jahren verloren, als er sich für denselben Posten beworben hatte. Shehe behauptet, sein damaliger Gegner habe 4000 Stimmzettel gefälscht. Jetzt aber würden die Wahlzettel nicht mehr schriftlich ausgefüllt, nun gehe alles per Computer. So sei die Chance auf Betrug gering.

Die Wahl findet am 4. März 2013 statt. Seine Wahlchancen schätzt Shehe auf 70 Prozent, trotz sechs Mitbewerbern. Diese hätten alle keine ausländische Ausbildung vorzuweisen und kein Netzwerk zu Investoren. Sein ehemaliger Konkurrent kandidiere diesmal für ein höheres Amt. Shehe schätzt dessen Chancen jedoch als schlecht ein: «Er hat das Staatsgeld für sich und seine Familie auf die Seite geschaufelt», sagt Shehe mit einem Grinsen.

Die geographische Distanz zu Kenia ist für Peter Shehe kein Hindernis. Die acht Stunden Flug seien kein Problem, etwa viermal im Jahr nimmt er die Reise in seine Heimat auf sich. Bei seiner letzten Kandidatur sei er jeden Monat hingeflogen.

«Ich fahre immer in die Dörfer, besuche die Leute und erzähle ihnen von meinen Zielen», sagt Shehe. Dabei werde er jedesmal von einheimischen Helfern begleitet. «Jeder in Ganze kennt mich oder hat schon einmal von mir gehört», sagt Shehe.

Ein Lied wirbt für Shehe

Den Wahlkampf finanziert er gänzlich aus eigener Tasche. Es gibt sogar einen Wahlkampf-Song: Durch seine Lebenspartnerin lernte er Heiner Gabele kennen, einen Ostschweizer Architekten und Fachlehrer, der auch als Komponist wirkt. Dieser komponierte eigens für Peter Shehe ein Lied, in dem Gabele selbst von Shehes Zukunftsvisionen für Ganze singt.

Mit Hilfe von freiwilligen Musikern wird dieser Song nun in einem professionellen Tonstudio aufgenommen. Und bald soll das Lied aus den Radios in ganz Ganze klingen.