Einmal Dragoner, immer Dragoner

Ein Hauch von Nostalgie umwehte die über siebzig ehemaligen Ostschweizer Kavalleristen an ihrer traditionellen Dragonerjagd, die am Wochenende in Muolen stattfand.

Hannelore Bruderer
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Hoch zu Ross: Kameradschaften pflegen, die seit Jahrzehnten andauern. (Bild: Michel Canonica)

Hoch zu Ross: Kameradschaften pflegen, die seit Jahrzehnten andauern. (Bild: Michel Canonica)

Muolen. Hans Süess ist einer der ersten auf dem Platz beim Restaurant Traube. Dass er 80 wird, sieht man ihm nicht an. Die graugrüne Uniform aus festem Wollstoff mit dem Rangabzeichen eines Fouriers sitzt wie eh und je. Mit festem Handschlag begrüsst er alle Neuankömmlinge und lädt sie ein, beim Apéro kräftig zuzugreifen. Hans Süess hat die 18. Dragonerjagd zusammen mit dem Kavallerie- und Reitverein Häggenschwil-Muolen organisiert.

Als eines der letzten Länder Europas schaffte die Schweiz 1973 ihre Kavallerie ab. Wer damals den berittenen Truppen angehörte, wurde für seine restliche Dienstzeit zu anderen Einheiten versetzt. Mit Vorführungen und Anlässen halten die ehemaligen Dragoner die Erinnerung an die Reiterei in der Armee lebendig. Zum Querfeldeinritt in Muolen haben sich 72 ehemalige Reiter der Kavallerie-Schwadronen 18, 19, 20, 21 und 1972 angemeldet, mindestens ebenso viele kommen unberitten. Die Jüngsten gehen auf die sechzig zu, der älteste Teilnehmer ist Hans Süess.

Erster Programmpunkt ist die Vorführung einer Infanteriekanone aus dem zweiten Weltkrieg. Stilecht wird die Kanone von einem Pferd zum Abschussplatz gezogen. Unter den kundig-kritischen Augen des Publikums wird das Pferd ausgeschirrt und weggeführt, dann wird die Kanone in Position gebracht und geladen. Drei laute Salutschüsse knallen durch die Luft.

1949 in die RS

Kaum sind diese verklungen, kommt Bewegung in die Menge. Die Dragoner strömen in Richtung Parkplatz, um ihre Pferde zu satteln. Tabaluga, das fuchsfarbene Pferd von Hans Süess, scharrt schon ungeduldig und wartet darauf, dass sein Reiter aufsitzt. Bevor die Jagd losgeht, nehmen die Dragoner in einem grossen Halbkreis Aufstellung und lauschen den Grussworten von Alexander Stoffel, dem ehemaligen Kommandanten der Schwadron 20. Beim Ritt führt Hans Süess das letzte Feld an.

Mit der Gegend ist der Wiler bestens vertraut, denn er ist in Muolen aufgewachsen. 1949, in der Rekrutenschule, hat er Reiten gelernt. Die Liebe zu den Pferden ist geblieben, noch heute sitzt er fast jeden Tag im Sattel.

Damit sie das Geschehen aus der Nähe verfolgen können, werden die Unberittenen mit Kleinbussen an die Jagdstrecke gefahren. Am Waldrand in der Ferne taucht das erste Reiterfeld in disziplinierter Zweierkolonne auf. Auf der Wiese überspringen sie dann hintereinander Hürde um Hürde.

Hans Süess, wie gut die Hälfte aller Reiter, absolviert den Ritt, aber ohne über die Hindernisse zu springen. Letztes Jahr habe er da noch mitgemacht, sagt er. Sein Pferd habe damals eine Sehnenentzündung erlitten, weshalb er nun aufs Springen verzichte. Anstrengend sei es nicht gewesen, sagt er lachend, als er mit seinem Feld oberhalb von Schloss Hagenwil ankommt, wo die Jagd mit einem Schluck Weisswein zu Ende geht. «Ich musste ja nur bremsen.»

Nächstes Jahr in Diepoldsau

Im Schritt reiten die Abteilungen zurück nach Muolen. Dort säumen die Einwohner bereits die Hauptstrasse. «Die tragen ja fast alle noch Uniform», sagt eine Zuschauerin begeistert, als die lange Kolonne der Dragoner in die Strasse einbiegt. Für kurze Zeit ist der Motorenlärm der Autos verstummt und nur das Klappern der vielen Hufe ist zu hören.

Beim anschliessenden Höck im Festzelt legen die Dragoner fest, wo die nächsten Dragonerjagden stattfinden werden, nämlich 2010 in Diepoldsau und 2011 in Tübach.