AMRISWIL: «Wir waren wohl ein Zufallsopfer»

Die Facebook-Seite der Stadt Amriswil wird nebst anderen auch von Roger Häni gepflegt. Amriswils Infobeauftragter berichtet, wie die Stadt die Kontrolle über die gehackte Seite zurückbekommen hat.

Manuel Nagel
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So bedankt sich die Stadt Amriswil auf Facebook für die Hilfe. (Bild: pd/facebook.com/stadtamriswil)

So bedankt sich die Stadt Amriswil auf Facebook für die Hilfe. (Bild: pd/facebook.com/stadtamriswil)

AMRISWIL. Es war kurz vor halb zehn am vorletzten Freitagmorgen, als Roger Häni den letzten Beitrag verfasste. Der Amriswiler Jonas Personeni hatte in der Nacht zuvor den Beachvolleyfinal an den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro gepfiffen.

Alle Administratoren abgesetzt

Eine halbe Stunde später bekamen sämtliche fünf Administratoren der Seite eine E-Mail, dass sie abgesetzt worden seien. Die fünf Mitarbeiter der Stadt hatten plötzlich keine Kontrolle mehr über die Seite. Roger Häni versuchte daraufhin, sich per Kontaktformular mit Facebook in Verbindung zu setzen.

Die Antwort aus den USA fiel ernüchternd aus. «Man hat uns geschrieben, dass wir doch die neuen Administratoren bitten sollen, uns die Seite wieder auszuhändigen», erinnert sich Häni. Weitere Kommunikation mit den Mitarbeitern des Internetgiganten wurden unpersönlich abgeblockt. Man gab Häni zu verstehen, dass für Facebook der Fall abgeschlossen sei.

Unpersönliche Kommunikation

Häni, der bei der Stadt Amriswil als Informationsbeauftragter arbeitet, opferte einen Grossteil des letzten Wochenendes für die Kommunikation mit Facebook.

«Wir hatten aber nie wirklich eine richtige Ansprechperson», sagt Häni. «Wenn man sich via Kontaktformular bei Facebook meldet, dann bekommt man Antwort von einer Kimberly oder einer Tiffany mit einer kryptischen E-Mail-Adresse. Als gewöhnlicher User wird man da schon ziemlich im Regen stehen gelassen.»

Aktion statt Reaktion

Bei anderen würde sich wahrscheinlich Resignation breit machen, doch Häni entschloss sich, am Mittwoch die Medien zu informieren. Unsere Zeitung machte letzten Donnerstag den Fall publik, woraufhin auch Radio FM1 und TVO, das Ostschweizer Fernsehen, darüber berichtet haben.

«Aufgrund dieser Medienpräsenz haben wir dann von verschiedensten Seiten Hilfe angeboten bekommen», erzählt Häni. «Dabei waren auch Informatikfirmen, die auf Facebook spezialisiert sind.»

Die entscheidende Hilfe bekam die Stadt Amriswil jedoch von einer Frau aus der Thurgauer Politik. Diese hatte einst einen Vortrag einer Facebook-Mitarbeiterin aus Deutschland besucht und hatte von dort deren Kontaktdaten.

«So hatten wir endlich einen fassbaren Ansprechpartner», erzählt Häni. Nach kurzer Schilderung des Falls ging es dann ganz schnell. Innerhalb von einer Stunde hatte die Stadt Amriswil am letzten Freitagnachmittag ihre Facebook-Seite zurück und unter Kontrolle. Die sechs unangebrachten Beiträge wurden umgehend gelöscht.

In Zukunft noch vorsichtiger

«Man muss einfach über die richtigen Kontakte verfügen», bilanziert Roger Häni, der sich viel unnötige Arbeit hätte ersparen können. Als Konsequenz haben sämtliche Administratoren sofort ihr Passwort gewechselt. «Wir haben vorher schon drauf geschaut, dass wir keine leicht zu erratenden Passwörter benutzen», stellt Häni klar.

Dennoch will man nun bei der Stadt Amriswil überprüfen, wie man sich noch besser gegen einen derartigen Hackerangriff schützen und diesen in Zukunft möglichst verhindern kann.

Motivation unbekannt

Über die Motivation derjenigen, die sich die Facebook-Seite der Stadt unter den Nagel gerissen haben, kann auch Häni nur spekulieren. Denn die wenigen Beiträge, die während zweier Tage veröffentlicht wurden, waren teilweise zwar nicht gerade jugendfrei, doch wurde weder Werbung gemacht noch gegen die Stadt Amriswil geschossen. «Wir waren wohl eher ein Zufallsopfer», vermutet Häni.

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