Thurgau
Über 50 und nochmals durchstarten – Kanton unterstützt Ältere gezielt bei der Stellensuche

Ältere Menschen werden nicht häufiger arbeitslos als Junge. Aber wenn sie einmal auf Stellensuche sind, haben sie mehr zu kämpfen. Deshalb hat der Kanton spezielle Angebote für sie.

Christian Kamm
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Erläuterten Herausforderungen und Chancen für ältere Stellensuchende (von links): Markus Zingg, Coach Mustafa Yurtsever, Katharina Degen, AWA, Marcel Schaer, AWA, Amtschef Daniel Wessner und Gastgeber Reto Ammann, SBW Romanshorn.

Erläuterten Herausforderungen und Chancen für ältere Stellensuchende (von links): Markus Zingg, Coach Mustafa Yurtsever, Katharina Degen, AWA, Marcel Schaer, AWA, Amtschef Daniel Wessner und Gastgeber Reto Ammann, SBW Romanshorn.

Ralph Ribi

Markus Zingg hat es geschafft. Dabei sah es für den 59-Jährigen zuerst ziemlich düster aus. Nahezu 400 Bewerbungen hatte der zuvor im Textilbereich Beschäftigte bereits geschrieben, nachdem er seinen Job verloren hatte. Nirgends klappte es.

Dann nahm ihn die Pro Arbeit AG im Rahmen der Integrationsberatung 50plus unter ihre Fittiche, ein Privatunternehmen, das mit dem Kanton Thurgau zusammenarbeitet. Heute kann Zingg wieder lachen und ist des Lobes voll:

«Ich kann jedem nur empfehlen mitzumachen und zu profitieren.»

Sein eigenes Unternehmen gegründet

Markus Zingg, Teilnehmer am Integrationsprogramm 50plus.

Markus Zingg, Teilnehmer am Integrationsprogramm 50plus.

Ralph Ribi

Statt wie befürchtet einfach nur wieder Fragebogen ausfüllen zu müssen, ging das Coaching mit persönlichen Gesprächen in die Tiefe. Zingg konnte nicht nur von der Begleitung, sondern auch vom grossen Netzwerk profitieren. Unterdessen hat er zum Beispiel seinen Linked-in-Auftritt massiv hinaufgefahren und ist auch auf Instagram präsent. Und vor allem: Zingg ist selbstständig geworden und gründete sein eigenes Unternehmen. Noch heute pflegt er Kontakt mit seinem einstigen Betreuer, Mustafa Yurtsever. «Wir haben ein sehr gutes Verhältnis.»

Länger auf Stellensuche

Die Erfolgsgeschichte von Markus Zingg gehört zu jenen Beispielen, die jede und jeder gerne hört. Leider gibt es auch andere. Denn die Arbeitslosigkeit von älteren Menschen zählt zu den Themen, welche die Gesellschaft stark beschäftigen. Auch steht die Angst vor dem Jobverlust im Alter in einem Sorgenbarometer immer weit oben.

Auf den ersten Blick spricht die Realität eine andere Sprache. So haben laut der von zehn Kantonen in Auftrag gegebenen Amosa-Studie jüngere Arbeitnehmer bis Mitte 45 sogar eine höhere Wahrscheinlichkeit, auf Stellensuche gehen zu müssen als ältere. Aber – und da sind dann Sorgen sehr wohl angebracht – wenn es ältere Arbeitnehmer trifft, sind sie deutlich länger auf Stellensuche, wie die Leiterin Arbeitsmarktbeobachtung, Katharina Degen, informierte. Laut Daniel Wessner, Chef des Amtes für Wirtschaft und Arbeit (AWA), bezieht die Altersgruppe 63/64 durchschnittlich zwölf Monate Taggelder der Arbeitslosenversicherung, bei den 25- bis 34-Jährigen sind es lediglich sechs Monate.

Für den Arbeitsmarkt attraktiv bleiben

Was tun? Am besten gar nicht erst arbeitslos werden – also Prävention, um die Konkurrenzfähigkeit der Älteren zu sichern. Das ist natürlich leichter gesagt als getan. Doch könne jede und jeder in Eigenverantwortung etwas dazu beitragen, auf dem Arbeitsmarkt attraktiv zu bleiben, appellierte Wessner:

«Zum Beispiel digital fit bleiben und sich weiterbilden.»
Daniel Wessner, Leiter Amt für Wirtschaft und Arbeit Thurgau.

Daniel Wessner, Leiter Amt für Wirtschaft und Arbeit Thurgau.

Andrea Stalder

Mit dem Programm BIZplus bietet der Kanton ausserdem eine berufliche Standortbestimmung und Beratung für Menschen über 40 an. Die Rolle der Prävention deckt sich auch mit dem Befund der Amosa-Studie, die in erster Linie nicht das Alter als Risikofaktor für Arbeitslosigkeit ausgemacht hat, sondern ein Qualifikationsproblem. Wessner: «Und das kann man lösen.»

Begleitung auch über Stellenantritt hinaus

Wenn die Stelle verloren ist, greifen die Massnahmen des Kantons für Arbeitslose. Zuerst die individuelle Wiedereingliederungsstrategie des RAV für alle Stellensuchende. Dann aber auch Massnahmen speziell für Ältere. Marcel Schaer, Leiter Arbeitsmarktliche Massnahmen im AWA, nannte den ICT-Kurs, um sich in 80 Lektionen für den digitalisierten Arbeitsplatz fit zu machen. Dieser Kurs steht allen Stellensuchenden offen.

Ausserdem gibt es ein spezielles Programm für Ü50-Arbeitslose, die kurz vor der Aussteuerung stehen. Bis zu sechs Monate werden sie bei der Wiedereingliederung unterstützt und anschliessend nochmals zwölf Monate begleitet, regelmässige Gespräche auch mit dem neuen Arbeitgeber inklusive. 28 Betroffene sind im August zum Programm eingeladen worden, aber nur fünf machten schliesslich mit – auch für den Kanton eine ernüchternde Zahl.

Babyboomer stehen vor der Rente

Und die gute Nachricht? Die Zeit arbeitet für die Stellensuchenden von heute, aber vor allem von morgen. Denn bereits jetzt ist jeder fünfte Erwerbstätige über 55. In den kommenden Jahren werden zudem die geburtenstarken Babyboomer in Rente gehen. Laut Daniel Wessner dürfte schon 2030 rund eine halbe Million Arbeitskräfte fehlen. Der Druck wird in Zukunft also steigen, auch ältere Menschen nicht zu vergessen, in sie zu investieren und sie möglichst lange im Arbeitsmarkt zu halten.

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