Thurgau
Flüchtlingsbetreuung: Keine Lorbeeren und dann auch noch Corona

Seit über 30 Jahren führt die Peregrina-Stiftung im Auftrag des Kantons die Durchgangsheime für Asylbewerber. Anerkennung gibt es für diese heikle Aufgabe kaum. Dafür mit Corona jetzt eine noch nie da gewesene Herausforderung.

Christian Kamm
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Während des Lockdowns musste der interne Deutschunterricht auf Fernunterricht umgestellt werden.

Während des Lockdowns musste der interne Deutschunterricht auf Fernunterricht umgestellt werden.

Ennio Leanza / KEYSTONE

Eigentlich hätte sich die Peregrina-Stiftung letztes Jahr neben ihren Kernaufgaben auch intensiv mit sich selbst beschäftigen wollen. Denn 2020 fiel der Startschuss für eine interne Reorganisation. «Wir haben festgestellt, dass es nötig ist, nach so vielen Jahren auch strukturelle Anpassungen in der Organisation vorzunehmen», schreibt Stiftungspräsident Cyrill Bischof im Vorwort zum nun erschienen Jahresbericht. Was sich in der Folge aber abspielte, war ein Jahr mit noch nie da gewesenen Herausforderungen - wegen Corona.

«Während des Lockdowns mussten innert kurzer Zeit Schutzkonzepte ausgearbeitet und ein funktionierender Fernunterricht ohne technische Hilfsmittel aufgegleist werden.»

Doch damit nicht genug. Risikopersonen mussten geschützt werden. Um genügend Abstand zu schaffen, wurden zusätzliche Unterbringungsmöglichkeiten gebucht. Zudem stellten sich die selben praktischen Fragen wie in jedem Privathaushalt, nur grösser. Zum Beispiel: Angesichts von Hamsterkäufen rechtzeitig den Nachschub mit WC-Papier sicherzustellen.

Von schweren Verläufen verschont

Immerhin: Die Stiftung mit ihren insgesamt sieben Unterkünften im Asylbereich hatte laut Jahresbericht in Sachen Pandemie dann doch Glück im Unglück:

«Die Peregrina-Stiftung blieb glücklicherweise vor schweren Verläufen sowie Infektionsketten verschont.»

Unter dem Strich führte das Leben unter Pandemiebedingungen aber zu einem deutlich erhöhten Betreuungsaufwand in den Durchgangszentren. Lob gibt es in der Rückschau für die helfende Hand des Kantons, der die Peregrina-Stiftung bei der Bewältigung der Coronakrise «unkompliziert und umfassend» unterstützt habe.

Elf Flüchtlinge schlossen ihre Lehre ab

Cyrill Bischof, Präsident des Stiftungsrats der Peregrina-Stiftung.

Cyrill Bischof, Präsident des Stiftungsrats der Peregrina-Stiftung.

Reto Martin

Auch die Flüchtlingsbegleitung, noch bis 2021 das zweite Standbein der Peregrina-Stiftung (Kasten), hatte im vergangenen Jahr mit coronabedingten Schwierigkeiten zu kämpfen - vor allem im Bereich Arbeitsintegration und bei den direkten Klientenkontakten. Umgekehrt konnten die in diesem Sektor frei gewordenen Ressourcen dann vermehrt im Bereich der Unterkünfte eingesetzt werden.

Trotz aller Widrigkeiten: Elf Flüchtlinge konnten 2020 eine Lehre mit einem Eidgenössischen Berufsattest (EBA) abschliessen. Und 16 haben eine Lehre begonnen. Total 65 Flüchtlinge haben eine Erwerbsarbeit aufgenommen. Die meisten Vermittlungen gab es in der Gastronomie (30), gefolgt von Verkehr und Logistik (19) sowie der Lebensmittelproduktion (18).

Am meisten aus Afghanistan

Die Peregrina-Unterkünfte verzeichneten 2020 insgesamt 211 Eintritte, 104 davon im Bereich der Nothilfe. Übernachtungen wurde übers ganze Jahr 107'378 gezählt (2019: 91'978). Die meisten Asylbewerber (inklusive Nothilfebezügerieher) stammten aus Afghanistan (33), gefolgt von Algerien (25) und Syrien (24).

Aufgabenbereich muss verkleinert werden – noch keine Kündigungen

Die Peregrina-Stiftung steht 2021 vor einem grossen Umbruch. Im Januar wurde bekannt, dass der Kanton die Zuständigkeiten für Integration und Sozialhilfe für anerkannte Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene ändert. Die Peregrina-Stiftung fällt aus den Traktanden und büsst einen Viertel ihres Gesamtbetriebs ein. Damit nicht alle betroffenen Flüchtlinge auf einmal in die Obhut der Gemeinden wechseln, wird laut Stiftungspräsident Cyrill Bischof an einem kontinuierlichen Übergang gearbeitet. Auch sei eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen worden. «Die Übergangsphase ist schwierig und eine Herausforderung», sagt Bischof. Man sei weiterhin bemüht um eine sozialverträgliche Lösung für die vom Abbau betroffenen Peregrina-Mitarbeiter. Einzelne hätten von sich auch gekündigt, andere beim Kanton bereits eine neue Funktion gefunden. Kündigungen seien bis jetzt keine ausgesprochen worden. (ck)