THURGAU: Die Ärzte lagen immer daneben

Mehrfach wegen Lungenentzündung eingeliefert, bis die Ursache entdeckt wurde: Peter Deubelbeiss wurde im Kantonsspital Münsterlingen Opfer von Fehldiagnosen. Seiner Meinung nach fehlt kompetentes Personal.

Thomas Wunderlin
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Peter Deubelbeiss ist nach einer Querschnittlähmung durch hartes Training wieder auf die Beine gekommen. (Bild: Donato Caspari)

Peter Deubelbeiss ist nach einer Querschnittlähmung durch hartes Training wieder auf die Beine gekommen. (Bild: Donato Caspari)

Thomas Wunderlin

thomas.wunderlin@thurgauerzeitung.ch

Letztes Jahr ging Peter Deubelbeiss knapp am Tod vorbei. An einem Januarmorgen lag er allein in seiner Wohnung in Kesswil und konnte sich nicht mehr bewegen. Der Nachbar habe ihn gefunden: «Er hat einen Schlüssel zu meiner Wohnung. Ohne ihn würde ich nicht mehr leben.» Deubelbeiss hatte eine Lungenentzündung, wie im Kantonsspital Münsterlingen festgestellt wurde. Man kannte ihn dort. Im Jahr zuvor war er schon zwei Mal mit Lungenentzündung in Münsterlingen eingeliefert worden.

Beide Male erkannten die Ärzte die eigentliche Ursache nicht; auch beim dritten Mal kamen sie ihr nicht auf die Spur. Im Sommer 2017 hatte er die vierte Lungenentzündung. Da befand er sich in Schweden. «Die Ärzte dort sagten, das ist mehr als eine Lungenentzündung; ich solle mich in Münsterlingen gründlich untersuchen lassen.» Zurück in der Schweiz ging es ihm zunächst gut, bis er im September 2017 wieder notfallmässig in Münsterlingen eingeliefert wurde. Im Oktober 2017 folgte erneut eine Lungenentzündung, die sechste.

«Eine richtige Untersuchung verlangt»

In Münsterlingen habe ihn «eine Assistenzärztin mit null Erfahrung behandelt», sagt Deubelbeiss. Sein Körper sei voll Wasser gewesen. Die Beine habe man ihm eingebunden. Wegen einer Allergie habe sich die Haut gelöst. «Da habe ich auf den Tisch geklopft und eine richtige Untersuchung durch Kardiologen und Lungenspezialisten verlangt.» Mit Hilfe eines Magnetresonanztomographen (MRI) wurde endlich die Ursache der wiederkehrenden Lungenentzündung gefunden: Deubelbeiss’ Herzklappe schliesst nicht zu hundert Prozent, weshalb sich Wasser in Lunge und Gewebe ablagert. Freundlich und ruhig erzählt der Patient seine Leidensgeschichte. Doch gegenüber dem Spital Münsterlingen äussert er sich scharf. Dem Leiter der Klinik für Innere Medizin, Martin Krause, schrieb er: «Ich habe den Verdacht, dass in Ihrem Haus zu wenig kompetentes Fachpersonal arbeitet, dafür zu viele, die offensichtlich überfordert sind. Im Interesse all Ihrer Patienten fordere ich Sie auf, diese Missstände zu beseitigen.»

Seine Kritik hat einen weiteren Grund. Denn die Münsterlinger Ärzte hatten Deubelbeiss schon zehn Jahre zuvor nicht helfen können. Damals erlitt er eine Querschnittlähmung. Mit dem rechtzeitigen Einsatz des MRI hätte sie vermieden werden können, ist Deubelbeiss überzeugt. Er war wegen Kreislaufzusammenbruchs eingeliefert worden. Die Ärzte behandelten ihn mit Antibiotika, aber offenbar mit den falschen. Deubelbeiss litt an Rückenschmerzen, die sich die Ärzte nicht erklären konnten. Einmal habe ihn ein Arzt auf den Rücken geschlagen. «Ich hatte grausame Rückenschmerzen, meine Besucher erschraken.» Der Arzt habe gesagt: «Wer Rückenschmerzen hat, der simuliert meistens.» Am nächsten Morgen konnte er seine Beine nicht mehr bewegen. Man schob ihn ins MRI und sah, dass der sechste und siebte Brustwirbel als Folge einer Blutvergiftung zerfressen waren.

Der gebürtige Frauenfelder mit Jahrgang 1948 hatte in der Schweiz und in Schweden als Gartenbauer und Landschaftsarchitekt gearbeitet. Nun wurde er zum IV-Fall. Mit hartem Training kam er wieder auf die Beine. Doch schafft er bis heute nur wenige Schritte am Stück, und das nur mit Hilfe von Stöcken. Kürzlich brachte Deubelbeiss auch bei einem Gespräch mit dem Klinikleiter seine Kritik an. Man könne gut mit Krause reden, sagt Deubelbeiss. Er habe gesagt, es sei tragisch, was da gelaufen sei, er müsse mit seinem Team «mehr dahinter». Deubelbeiss weigerte sich, die Transportkosten von rund 4000 Franken der letzten zwei Einlieferungen zu bezahlen. Dabei handelt es sich um den Selbstbehalt; die Krankenkasse übernimmt nur Transportkosten von 500 Franken pro Jahr. Die Spitalbuchhaltung zeigte sich entgegenkommend. Sie teilte Deubelbeiss mit, dass die Thurgauische Spitalstiftung diese Kosten trage, und zwar «wegen ungünstigem Krankheitsverlauf».

Schriftlich von der Schweigepflicht entbunden

Marc Kohler, CEO der Spital Thurgau AG, teilt auf Anfrage mit, dass «in den letzten Wochen offensichtlich noch klärende und vertiefte Gespräche mit Herrn Deubelbeiss stattgefunden haben, mit welchen er sich uns gegenüber zufrieden zeigte». Damit die Verantwortlichen der Spital Thurgau AG gegenüber dieser Zeitung Stellung nehmen können, entband Deubelbeiss sie schriftlich von der Schweigepflicht. Die Formulierung ist von einem Juristen geprüft worden. Das Schriftstück «genügt für eine Entbindung vom Arztgeheimnis juristisch nicht», schreibt Spital-CEO Kohler. «Ich kann deshalb zur Beschwerde keinerlei Stellung nehmen, insbesondere auch nicht zu medizinischen Details, das wäre strafbar.» Wie ihn Deubelbeiss denn von der Schweigepflicht entbinden könne, dazu äussert sich Kohler nicht.