Interview

«Das Virus macht nicht vor der Kantonsgrenze halt»: Kantonsärztin Agnes Burkhalter rechnet auch im Thurgau mit Todesfällen

Die Thurgauer Kantonsärztin Agnes Burkhalter nimmt Stellung zur aktuellen Corona-Situation im Kanton Thurgau. Dass nicht alle gleichzeitig krank werden, sei aus ihrer Sicht der Schlüssel zur Bewältigung der Pandemie.

Sebastian Keller
Hören
Drucken
Teilen
Agnes Burkhalter, Thurgauer Kantonsärztin, an der Pressekonferenz.

Agnes Burkhalter, Thurgauer Kantonsärztin, an der Pressekonferenz. 

Bild: Andrea Stalder

Sie haben an der Pressekonferenz von der «Ruhe vor dem Sturm» gesprochen. Am Montag waren es im Thurgau 81 bestätigte Corona-Fälle. Wie sieht es Ende Woche aus?

Das ist schwierig zu beantworten. Das Bundesamt für Gesundheit hat uns vernünftigerweise geraten, wir sollen aufrüsten. Der Fokus liegt nicht auf den Fallzahlen. Auch wenn uns der langsame Anstieg Zeit gibt, jede Stunde zwecks Vorbereitung zu nutzen.

Also wäre es am schönsten, wenn man gar nicht alle zusätzlichen Betten benötigen würde?

Das wäre für uns alle eine Freude. Aber wir wissen es nicht. Deshalb stellen wir ein Maximum an Strukturen bereit. Es geht nicht nur um Bettenkapazität, sondern auch darum, dass die Leute zu Hause gut versorgt sind. Wir gehen nicht davon aus, dass jeder schwer krank wird. Der grösste Teil muss glücklicherweise ja nicht im Spital intensiv gepflegt werden.

Auf einer Schweizer Karte konnte man sehen, dass es im Thurgau am wenigsten Fälle pro 100'000 Einwohner gibt. Wie ist das zu erklären?

Es sieht zwar toll aus, aber es ist illusorisch, zu glauben, dass das Virus an der Kantonsgrenze haltmacht. Ich nehme an, dass wir bis jetzt einfach Glück gehabt haben.

Das heisst, es ist nur eine Frage der Zeit, bis es den ersten Corona-Todesfall im Thurgau zu beklagen gibt?

Davon müssen wir ausgehen. Das ist auch bei einer saisonalen Grippe so. Aber jetzt haben wir eine Pandemie, die so viele Menschen gleichzeitig krank macht.

Reicht die zusätzliche Kapazität von 200 Betten?

Das werden wir erst noch sehen. Wir glauben alle dran, dass die Distanz-und Hygienemassnahmen uns helfen werden, dass nicht alle gleichzeitig krank werden. Das ist aus meiner Sicht der Schlüssel zur Bewältigung der Pandemie.

Werden diese eingehalten?

Das ist schwierig zu sagen. Ich finde einfach, dass der Versuch, die Ausbreitung einzudämmen, eine Investition in die richtige Richtung ist.

Viele Möglichkeiten, die soziale Schraube anzuziehen, gibt es nicht mehr.

Das muss man national anschauen. Es sind natürlich einschneidende Massnahmen, aber wir müssen alles Erdenkliche tun. Wir müssen die Solidarität leben.

Auf einen Aufruf des Kantons haben sich weit über 1000 Freiwillige gemeldet. Können die alle etwas helfen?

Man kann wohl mit jeder helfenden Hand etwas anfangen. Das Problem ist, dass die Qualifizierten rar sind. Wobei der Pflegefach- und Ärztemangel ja nicht neu ist. Das holt uns jetzt ein. Wir versuchen, brachliegende Fachkräfte-Perlen zu entdecken.

Sie haben Medizinstudenten zur Unterstützung geholt.

Das ist ein Zufall. Aber alle Hochschulen haben jetzt Zwangspause. Für mich war klar, dass auch Studierende Potenzial haben. Rund zehn haben am Montag angefangen, bekommen in Weinfelden eine Einführung in Abläufe und Infrastruktur. Sie durchlaufen einen Kurs, den wir erst schaffen mussten. Sie werden danach in der ärztlichen Begleitung eingesetzt. Wir benötigen aber auch Leute für die Reinigung, für die Logistik.

Also Leute, die Zeit haben und gesund sind?

Das wäre sicher von Vorteil. Wir wollen aber auch versteckte Potenziale nutzen.

Mehr zum Thema

Bis zu 200 zusätzliche Betten: Im ausgedienten Frauenfelder Spital-Bettenhochhaus wird eine Corona-Notfallstation eingerichtet

Das alte Bettenhochhaus des Kantonsspitals Frauenfeld wird wieder in Betrieb genommen. Die Kapazität wird Stufe um Stufe hochgefahren. So sollen im Endausbau total 200 zusätzliche Betten für Corona-Patienten zur Verfügung stehen. Der Abbruch des Bettenhochhauses wird bis mindestens Anfang Juli verschoben, aufgrund der Notlage ohne Kostenfolgen für den Kanton.