«Thurbo ist heute unentbehrlich»

Die Ostschweizer Regionalbahn in ruhigere, nachhaltigere Gewässer steuern: Thurbo-Geschäftsführer Ernst Boos sieht die Gründungsvision erfüllt, fühlt sich aber nach den Pionierjahren in der zweiten Dekade herausgefordert.

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Ernst Boos früher SOB-Direktor, seit 2001 Geschäftsführer der Thurbo (Bild: Quelle)

Ernst Boos früher SOB-Direktor, seit 2001 Geschäftsführer der Thurbo (Bild: Quelle)

Herr Boos, was als «Vernunftehe» von SBB und MThB begonnen hat, ist heute ein Erfolgsmodell: Die SBB zu gross, die MThB zu klein – ist mit der Thurbo einfach die richtige Betriebsgrösse gefunden worden?

Ernst Boos: Wir sind langsam bei unserer optimalen Grösse, ja. Wir ringen darum, ob wir uns noch weiterentwickeln sollen. Thurbo ist eine Regionalbahn – regional heisst eingeschränkt, sonst wird das Versprechen im Namen nicht eingelöst. Einen Vorteil haben wir: Dort, wo wir zu klein sind, können wir das mit Leistungsbezügen der SBB kompensieren.

Die SBB haben in der AG das Sagen: Wie lang ist die Leine der Thurbo-Tochter?

Boos: Das war eine der Herausforderungen beim Unternehmensaufbau. Heute haben wir eine gute Arbeitsteilung gefunden – strategisch sind wir von den SBB geprägt, aber das ganze operative Geschäft bewältigen wir mit einer grossen Unabhängigkeit. Es hat Arbeit gebraucht, um die Spielregeln zu klären, aber es funktioniert nun seit längerer Zeit gut so.

Ist die Gründungsvision der Thurbo heute erfüllt?

Boos: Das Ziel waren dichtere Fahrpläne, wo immer möglich (das ist heute erfüllt), modernes Rollmaterial (erfüllt), günstige Leistungen (sehr erfüllt) und Expansion im Ausland.

Sie zögern beim letzten Punkt, weil der Kleinaktionär – der Kanton Thurgau – den Schub Richtung Deutschland blockiert hat, weil er die Auslandsrisiken fürchtete?

Boos: Das ist nur zur Hälfte richtig so. Die SBB wollten die Auslandgeschäfte zusammenfassen, auch andernorts, weil sich die Ansprüche im Ausland vom Inlandgeschäft unterschieden. Der Kanton Thurgau war froh, dass die SBB in diese Richtung zogen – die MThB hatte früher quasi Geld ins Land Baden-Württemberg exportiert (lacht).

Was hätte man denn durch die Expansion nach Süddeutschland gewinnen können?

Boos: Da wäre viel Wachstum dringelegen. Wir hatten bereits München-Oberstdorf dazugeholt – mit Blick auf den Ausbau der Linie Lindau–München und zum Schluss dann St. Margrethen–München. Ich bin aber nicht unglücklich, dass daraus nichts geworden ist: Der Ausbau hätte uns vielleicht beim inneren Wachstum behindert.

Die Mittelthurgaubahn galt als Pionierin in der Liberalisierung des Schienenverkehrs. Wie viel Pioniergeist steckt noch in der Thurbo?

Boos: Am Anfang hat es diesen Pioniergeist gebraucht. Von dieser dynamischen Aufbruchstimmung jetzt in eine konsolidierte Nachhaltigkeit zu kommen, ist nicht so einfach. Manchmal habe ich den Verdacht, wir wollen es auch nicht so recht.

Ich habe durchaus Pionierleistungen gefunden. Bereits 2003 hat Thurbo mit dem Slogan «Das ist kein Lungenzug» auf humorvolle Art für rauchfreie Züge auch auf Kurzstrecken geworben.

Boos: Stimmt. Wir waren die ersten, die das flächendeckend machten – damals mit den neuen Fahrzeugen. Ganz rauchfrei wurden wir dann zwei Jahre später, völlig unproblematisch.

Das war nicht die einzige Aktion, die ein Medienecho auslöste: An der Euro 08 wartete Thurbo mit einem grossen Zusatzangebot im öffentlichen Verkehr auf – und bot dabei auch das Kader aus der Kreuzlinger Zentrale auf.

Boos: So aussergewöhnlich war das für uns selber aber nicht. Ich war damals als Hilfszugbegleiter unterwegs. Wir haben ähnliches in den Aufbaujahren schon gemacht, als es einen Notfallplan bei plötzlichem Schneefall gab. Ich habe mich in Tägerwilen-Gottlieben zum Schneeschaufeln einteilen lassen: Ein Telefon erhielt ich allerdings nie – die Männer haben sich nicht getraut, den Chef aufzubieten.

Jahr für Jahr steigen die Passagierzahlen bei Thurbo: Mit der Totalsperre Wil–Weinfelden verliert das Unternehmen jetzt plötzlich Kunden. Haben Sie damit gerechnet?

Boos: Ja, aber nicht in diesem Ausmass – im Moment sind es rund zwanzig Prozent weniger. Wir müssen das Ende der Sperre zur Wega abwarten, werden dann das Angebot wiederherstellen und es zusammen mit dem Kanton Thurgau im Dezember noch etwas ausbauen. Ich gehe davon aus, dass sich das wieder stabilisiert.

2006 hat sich Thurbo auch ausserhalb der Ostschweiz engagiert, sie hat die Tösstallinie übernommen. Gibt es noch weitere Absichten?

Boos: Der Perimeter an sich ist gegeben, aber es gibt noch die eine oder andere mögliche Leistung, die zur Konsolidierung beitragen könnte, etwa der Schnellzug zwischen St. Gallen und Konstanz.

Im laufenden Jahr wurde Thurbo mit dem Thurgauer Tourismuspreis belohnt: Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?

Boos: Es ist nicht wichtig, gross zu sein, sondern ein gutes und gescheites Netzwerk zu haben. Diese Auszeichnung zeigt, dass uns das im Freizeitverkehr gelungen ist. Uns käme es nie in den Sinn, selber touristische Leistungen anzubieten, aber wir sind im Kanton Thurgau quasi die Klammer für verschiedene Touristiker: Wir sind unentbehrlich geworden.

Wo sehen Sie Thurbo im Jahr 2022?

Boos: Das Unternehmen Thurbo wird sich in den nächsten zehn Jahren noch festigen. Im Jahr 2020 werden wir die nächste Thurbo-Generation einläuten – wir werden die Gelenktriebwagen erneuern müssen. Sie sind unser Markenzeichen, das wir weiterentwickeln müssen.

Und Sie sind dann noch immer Geschäftsführer bei Thurbo?

Boos: Nein, bin ich nicht. Ich bin jetzt 56, in zehn Jahren bin ich pensioniert.

Interview: Christoph Zweili

Mit der Einführung der S-Bahn St. Gallen im nächsten Jahr ist die Thurbo (hier bei Berg, Thurgau) mit 92 Gelenktriebwagen unterwegs. (Bild: Thurbo)

Mit der Einführung der S-Bahn St. Gallen im nächsten Jahr ist die Thurbo (hier bei Berg, Thurgau) mit 92 Gelenktriebwagen unterwegs. (Bild: Thurbo)

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