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THEATERSANIERUNGEN: Die Betontheater haben es nicht leicht

Die Bauvorlage des Theaters St.Gallen kommt vors Volk. In Winterthur und Basel hat die Erneuerung ähnlicher Theaterbauten ebenfalls Kritiker auf den Plan gerufen. Die Eulachstadt diskutierte sogar heftig einen Neubau.
Marcel Elsener
Das Theater Winterthur, ein kühner Beton-Stahlbau von 1979, widerspiegelt das Selbstvertrauen der Industriestadt. (Bild: Theater Winterthur)

Das Theater Winterthur, ein kühner Beton-Stahlbau von 1979, widerspiegelt das Selbstvertrauen der Industriestadt. (Bild: Theater Winterthur)

Marcel Elsener

marcel.elsener@tagblatt.ch

Wenn Theaterbauten mit Millionenkosten saniert werden sollen, geht das nie ohne Nebengeräusche über die Bühne. Erst recht, wenn es sich um die vergleichbaren Betongebäude der Theater in den Städten St.Gallen, Winterthur und Basel handelt. Reflexartig werden die Bauten als «Betonklotz» beschimpft, versehen mit Zusätzen wie hässlich oder in der Variante als Bunker. In der aktuellen St.Galler Debatte vor der Abstimmung über den 49-Millionen-Franken-Kredit am 4. März ist das nicht anders als vor 50 Jahren rund um die Eröffnung des damaligen Stadttheater-Neubaus. Und genau so tönte es in Basel, als das dortige Baudepartement im Sommer 2015 die Totalsanierung des Theaters nach 40 Jahren Dauerbetrieb präsentierte: «Her mit der Abrissbirne», wetterten Gegner, ein so «scheusslicher Betonbunker» sei «doch nicht sanierungsdürftig». Ernsthafter Widerstand blieb in der «Kulturhauptstadt der Schweiz» aber aus: Der grösste Teil der 72 Millionen Franken teuren Gesamterneuerung ist gemacht, in diesem Sommer steht die letzte Etappe an.

Anders in Winterthur, wo vor zwei Jahren ein Abbruch des 1979 eröffneten Theaters offiziell zum Thema wurde: Kann sich die finanziell gebeutelte Stadt eine bis zu 40 Millionen teure Sanierung leisten oder soll das Theater nicht besser abgebrochen und durch einen privat finanzierten Neubau mit Kongress und Hotel ersetzt werden? Die heftig debattierte Frage ist vom Tisch, weil sich Theaterfreunde gegen den Abriss wehrten und vor allem weil die Stadt von der Gesamtsanierung absah und die zwingenden Unterhaltskosten in den nächsten zehn Jahren auf noch 7 bis 11 Millionen bezifferte. Trotzdem wird die von der Standortförderung und Wirtschaftsverbänden lancierte Idee eines multifunktionalen Neubaus von Privaten auch seitens der Stadt weiter geprüft.

Mustergültige Baudenkmäler fürs Selbstverständnis einer Stadt

Die Abbruchpläne alarmierten Architekturkenner: «Höchste Zeit» angesichts der «Schalmeienklänge» (arme Stadt, private Retter), die Qualitäten des Baus «ins rechte Licht zu rücken», befand «Hochparterre»-Redaktor Werner Huber und würdigte im Frühling 2016 das Winterthurer Betontheater des Architekten Frank Krayenbühl im Vergleich mit jenen in Basel und St.Gallen, der «Troika des Schweizer Theaterbaus der Hochkonjunktur». Der Titel «Ganz grosses Theater» gilt dabei besonders für Claude Paillards St.Galler Sechseck-Sichtbetonbau, eine «Ikone» der hiesigen Nachkriegsarchitektur und «Referenz für Kulturbauten» (siehe auch Ausgabe vom 27. Januar). Die drei Beispiele zeigten vorzüglich, dass es «um mehr gehe als um das blosse Abholen eines Baukredits an der Urne», so Huber: «Es geht um das Selbstverständnis einer Stadt.» Und so widerspiegeln die drei Häuser ihren Ort und ihre Zeit: die selbstbewusste Textilmetropole der Ostschweiz (St.Gallen), die kulturelle Tradition und die Avantgarde (Basel), der Stolz der Industriemetropole, die sich von Zürich emanzipiert hat (Winterthur).

Trotz der offenkundigen Parallelen «seines» Theaterbaus mit Winterthur, zu denen auch die Lage am Rande des Stadtparks zählt, hält der St.Galler Theaterdirektor Werner Signer nichts vom Vergleich der Sanierungsvorlagen. «Winterthur hat als Gastspielhaus ohne eigenes Ensemble und ohne Werkstätten komplett andere Verhältnisse.» Der Direktorkollege in der Eulachstadt, René Munz, bestätigt dies und spricht mit Blick nach Osten von einem «viel anspruchsvolleren Betrieb mit andern Dimensionen». Vergleichbar sei höchstens die grundsätzliche Frage, ob Betonbauten saniert werden sollen. In Winterthur ist eine Gesamtsanierung kein Thema, es soll laut Munz nun «im Kleinformat Schritt für Schritt» gehen, gemäss Jahresbudget der Stadt mit «Kosten für das Allernötigste», über die Jahre verteilt vielleicht «ein paar Millionen».

Basel sei hingegen «durchaus vergleichbar» mit St.Gallen, meint Werner Signer, das «Paradebeispiel» einer kostspieligen, ebenfalls grösstenteils technischen Sanierung, obwohl das dortige Haus zehn Jahre jünger ist. Auch in Basel sind «viele der Investitionen gar nicht sichtbar», wie die dortigen Baubehörden und Theaterverantwortlichen erklärten – und sich umso mehr freuten, dass ein Dutzend Gönner kurzerhand zwei private Millionen für neue Theaterstühle beisteuerten, zwecks einer «sichtbaren Veränderung». Typisch Basel, wogegen St.Gallen vor allem die Arbeitsplätze verbessern will und «auf jeden Schnickschnack verzichtet», wie Signer betont.

Das Theater Basel, 1975 eröffnet, ein zweckmässiger Betonbau für den experimentierfreudigen Betrieb – mit Vorplatzattraktion Tinguely-Brunnen. (Bild: Theater Basel)

Das Theater Basel, 1975 eröffnet, ein zweckmässiger Betonbau für den experimentierfreudigen Betrieb – mit Vorplatzattraktion Tinguely-Brunnen. (Bild: Theater Basel)

Von Abbruch und Neubau spricht in St.Gallen niemand ernsthaft

Wie ernsthaft soll man die Rufe nach Abbruch und Neubau in St.Gallen nehmen? Der Theaterdirektor will davon nichts hören. Einen Rückbau – in Winterthur übrigens auf drei Millionen geschätzt – des denkmalgeschützten Gebäudes am «guten Standort» hält er für undenkbar («täte sehr weh»), einen Neubau an einem anderen Ort wie etwa auf dem skizzierten Autobahndach in St. Fiden kann er sich schon gar nicht vorstellen. «Das wäre reiner Luxus, wir brauchen wirklich kein grösseres Haus, das wäre nicht St.Gallerisch», winkt Signer ab.

Neubauvarianten haben vor allem SVP-Kantonsräte gefordert, und zumindest die Kommissionsmitglieder Karl Güntzel und Damian Gahlinger warfen das Thema an der Delegiertenversammlung vor einer Woche in Tübach noch einmal auf. Der Partei, die den Kredit als «Fass ohne Boden» bezeichnet, dürfte es allerdings eher um ein Ablenkungsmanöver gehen, um nicht zu sagen Nebelpetarde: Ein Neubau kostete mehr als 100 Millionen Franken, wie verschiedentlich zu hören war. In ihrer Argumentation mit vier Stichworten verzichtet die SVP denn auch wohlweislich auf die Variante.

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