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Das Textilmuseum muss über die Bücher und nochmals anklopfen

Das St.Galler Stadtparlament hat den Antrag um zusätzliche 150000 Franken fürs Textilmuseum zurückgewiesen. Die Ablehnung sei nur formal und nicht inhaltlich, meint Stadtpräsident Thomas Scheitlin. Tatsächlich geniesst das textile Erbe viel Sympathie - ausgenommen beim FDP-Stadtparlamentarier Remo Daguati.
Marcel Elsener
Ein einzigartiger touristischer Trumpf St. Gallens: «Spitzen»-Ausstellung im Textilmuseum. (Bild: Thomas Hary)

Ein einzigartiger touristischer Trumpf St. Gallens: «Spitzen»-Ausstellung im Textilmuseum. (Bild: Thomas Hary)

Kein Einwand, keine Frage, nicht eine einzige Gegenstimme. Dabei ging es um das textile Erbe der Ostschweizer Wirtschaft mit einem Gesamtvermögenswert von über 19 Millionen Franken. Die 460 anwesenden Mitglieder der Industrie- und Handelskammer (IHK) St. Gallen-Appenzell an ihrer Generalversammlung Ende Juni in Altenrhein stimmten der Übertragung des Textilmuseumsgebäudes (Marktwert 11,25 Millionen) an eine neue Stiftung vorbehaltlos zu. Ebenso einstimmig wurden die Hälfte des IHK-Stiftungsvermögens (8 von 16 Mio.), die Textilsammlung und die Textilbibliothek an die besagte Institution genehmigt. Ein Bekenntnis, das den abtretenden IHK-Präsidenten Peter Spenger überraschte («Wow, das freut mich jetzt aber»). Er war etwas nervös gewesen, ob Unternehmer aus dieser oder jener hauptstadtfernen Region nicht doch noch ihr Veto einlegen würden.

Erleichtert über den jahrelang eingefädelten Entscheid zeigten sich besonders die Vertreter der Textilwirtschaft: namentlich Vincenzo A. Montinaro, Präsident der IHK-Stiftung, und ­Tobias Forster, Präsident des Vereins Textilmuseum, können seither die Strukturen für das künftige Textilmuseum schaffen.

Unerwartete «Ohrfeige» im Stadtparlament

Umso unerwarteter traf die Textiler vor Wochenfrist das Nein des Stadtparlaments: Die Politiker ausgerechnet der Standortstadt wiesen den Antrag um eine Erhöhung der jährlichen Subventionen fürs Textilmuseum um 150000 auf 430000 Franken zurück. Die Ablehnung geschah einstimmig auf Antrag der GPK, die viele offene Fragen festgestellt hatte, und mit Einverständnis des Stadtrates, der sich nicht gegen die Rückweisung wehrte. Die Vorlage sei nicht inhaltlich, sondern aus formalen Gründen zurückgewiesen worden, sagt Stadtpräsident Thomas Scheitlin. «Es braucht schlicht mehr Informationen.» Über den Inhalt sei nicht diskutiert und ablehnende Voten nicht zu hören gewesen, «die Stimmung war positiv». Entsprechend werde der Stadtrat die besser begründete, aber sonst unveränderte Vorlage mit der gleichen Summe möglichst rasch wieder vors Parlament bringen.

Der Stadtrat habe die Aufstockung im Gleichschritt mit dem Kanton (der die zusätzlichen 150000 Franken diskussionslos bewilligte) «schon lange in der Pipeline» gehabt, so Scheitlin. Schliesslich waren Stadt und Kanton 2011 bereits eingesprungen, als das Textilmuseum auf der Kippe stand: Damals schossen sie je 280 000 Franken an den Betrieb und 100 000 Franken zum Neustart ein. Nun musste der IHK-Entscheid abgewartet werden, weil die Option einer Hauseigentümerschaft der Stadt oder des Kantons im Raum standen. «Die Hausfrage ist gelöst und der Stadtrat sah es als richtig, die Vorlage zu bringen, weil der Bedarf ausgewiesen ist», sagt Scheitlin. Von einem «unglücklichen Timing», wie es einige Ratsmitglieder und Textiler formulieren, mag der Stadtpräsident nicht sprechen. Doch ist ihm bewusst, dass die Vorlage mit bereinigten Strukturen und klarer formulierten Plänen wohl nicht zurückgewiesen worden wäre. «Jetzt ist das Textilmuseum am Zug», stellt Scheitlin fest.

Bausanierung sollen Private übernehmen

«Wir sind zeitlich auf dem falschen Fuss erwischt worden», meint auch Tobias Forster, Präsident des Vereins Textilmuseum. Die Stiftung Textilmuseum sei erst Ende September gegründet, das Gebäude noch nicht überschrieben worden. Nun werde man die Strukturen zu Gunsten einer «einfachen» Führung «strählen» und den im Entwurf vorhandenen Businessplan verfeinern, sagt Forster zu den Forderungen der GPK. Anfang 2019 sei man so weit, das Konzept für die bauliche Sanierung mit Wettbewerbsausschreibung dauere allerdings länger, doch wolle man dies gänzlich privat finanzieren.

Die Rückweisung mag einleuchten, doch Zweifel an den Subventionen versteht Forster nicht – zumal das Textilmuseum mit 70 Prozent einen «selten hohen» privaten Finanzierungsgrad aufweise. Sein Verein habe «sehr viel erreicht und Leitung und Publikum massiv verjüngt». Nach populären Ausstellungen wie jener zum Kinderfest werde das Museum 2019 erneut eine publikumsträchtige Sonderschau präsentieren. Wenn nicht 100000 Besucher, wie für Bundessubventionen per Kriterium verlangt, so doch die Hälfte strebt das Museum an – und wird, ermutigt von Jury, 2022 beim Bund wiederum eine Eingabe machen. Wenn die St. Galler die «identitätsstiftende und touristische Bedeutung» des Textilmuseums wider Erwarten nicht mehr subventionieren wollten, bliebe als Alternative «ein Schaulager für Spezialisten».

Standortberater will «textilen Zopf» abschneiden

Nicht im Parlament, aber auf seinem Blog und in der Onlinezeitung «Die Ostschweiz» begrüsst FDP-Stadtparlamentarier Remo Daguati die Rückweisung. Die St. Galler Textilwirtschaft mache heute weniger als 1 Prozent der Betriebe aus und «verdiente sich eigentlich einen Ruheort im Völkerkundemuseum», meint er. «Stattdessen soll das Erbe im Textilmuseum dank üppiger Aufstockung der Staatsbeiträge zur nationalen Bedeutung befördert werden.» Ein Nein hätte «Symbolkraft», meint der frühere kantonale Standortförderer. St. Gallen könne «seinen textilen Zopf abschneiden» und ein Signal aussenden – für eine Neupositionierung mit IT-Bildungsoffensive,
Medical Master oder neuer HSG-Campus. Die angeblichen Sterne seien «trübes Licht», entgegnet der Textilunternehmer Max R. Hungerbühler in seiner Replik. Die 800-jährige Textiltradition St. Gallens – im Gegensatz zum «IT-Pferd» ein Alleinstellungsmerkmal – belege «zukunftsweisende Transformationen» in Zeiten des Strukturwandels. Ob die Kontroverse Fäden zieht, ist offen. Daguati steht mit seiner Haltung im Stadtparlament derzeit auf einem einsamen Pfosten, wie er selber einräumt.

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