TEXTILINDUSTRIE: Eine neue Ostschweizer Talentschmiede für Textildesigner

Die Ostschweiz ist in Sachen textile Innovation Weltspitze. Qualifizierte Fachkräfte müssen die Firmen aber meist selber ausbilden oder auswärts suchen. Abhilfe schaffen soll ab 2018 ein neuer Lehrgang für Textildesign an der Schule für Gestaltung.

Odilia Hiller
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Texildesign-Lehrgangsleiterin Monika Kritzmöller im St. Galler Textilmuseum vor aktuellen Kreationen der Schweizer Textilunternehmen. (Bild: Michel Canonica)

Texildesign-Lehrgangsleiterin Monika Kritzmöller im St. Galler Textilmuseum vor aktuellen Kreationen der Schweizer Textilunternehmen. (Bild: Michel Canonica)

Odilia Hiller

odilia.hiller@ostschweiz-am-sonntag.ch

Seit Jahrzehnten beginnen Kreationen auf den internationalen Laufstegen ihren Weg in St. Gallen. Aus der einstigen Hochburg der Textilindustrie kommen nach wie vor die innovativsten und meistkopierten Stoffkreationen der Welt. Sie kommen in der Mode, in architektonischen Innendesigns, aber auch in Autos, Zügen und vielem mehr zum Einsatz. Den gestalterischen Nachwuchs müssen die regionalen Textilunternehmen bisher entweder selber ausbilden, auswärts suchen oder an weiterführende Schulen nach Luzern, Zürich, Basel, München oder Paris schicken.

Dies soll sich nun ändern. Ab August 2018 bietet die Schule für Gestaltung am Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrum des Kantons St. Gallen eine neue berufsbegleitende Weiterbildung «Dipl. Gestalter/in HF Textildesign» an. Noch ausstehend ist die eidgenössische Anerkennung durch das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation. Diese Woche haben die Verantwortlichen das Projekt beim Bund eingereicht. Lehrgangsleiterin Monika Kritzmöller ist zuversichtlich, dass der Entscheid positiv ausfällt.

Der Kanton St. Gallen unterstützt das neue Angebot und empfiehlt es dem Bund zur Genehmigung. Bruno Müller, Leiter des Amtes für Berufsbildung, sagt auf Anfrage der «Ostschweiz am Sonntag»: «Der geplante Bildungsgang entspricht einem Marktbedürfnis und wurde in Zusammenarbeit mit den Textilunternehmen entwickelt.» Man sei überzeugt, dass die Wirtschaft durch Angebote der höheren Berufsbildung in besonderem Mass von praxisorientierten Fachkräften profitiere.

Branchenverband beklagt Fachkräftemangel

In seinem Newsletter hat der Branchenverband Swiss Textiles in dieser Woche den Fachkräftemangel beklagt. Dieser werde sich in den kommenden Jahren auch in der Textilindustrie verschärfen, schreibt Michael Berger, Leiter Bildung und Nachwuchsförderung bei Swiss Textiles. Aus der Überzeugung heraus, Gegensteuer geben zu müssen, aber auch im Bewusstsein, dass der Textilstadt St. Gallen ein entsprechendes Bildungsangebot bisher fehlt, hat die Schule für Gestaltung unter der Leitung von Kathrin Lettner die Sache an die Hand genommen. «Es geht darum, den Design-, aber auch den Wirtschaftsstandort zu stärken und talentierte gestalterische Kräfte in der Ostschweiz zu halten.» Man dürfe den Fluss an reichem textilem Wissen nicht abreissen lassen, wenn man die Zukunft der regionalen Textilbranche sichern wolle.

Inhaltlich ist die Sozialwissenschafterin und Trendforscherin Monika Kritzmöller für den Lehrgang verantwortlich. Die Expertin für Design, Mode und Architektur verfolgt mit der Ausbildung, die sechs Semester dauert, hohe Ziele. «Der Bedarf nach kreativem Nachwuchs im Textilbereich ist da.» Zwar bringe die Schweiz immer wieder gute, spannende junge Modedesigner hervor. Doch im Bereich Textildesign bleibe es bei der Handvoll Spitzenunternehmen, die den Markt prägten. Unternehmerischen Nachwuchs gebe es hingegen zu wenig. Zudem beobachtet sie in der Branche eine starke Fokussierung auf technische Textilien, auch in den bestehenden Ausbildungsgängen.

Die Kreativität drohe im Textilbereich zu kurz zu kommen, so Kritzmöller. «Kreativität und Innovation sind aber für Mitteleuropa wirtschaftliche Alleinstellungsmerkmale.» Noch immer sei es so, dass in unseren Breitengraden mit der historisch gewachsenen Kultur und dem weitreichenden Freiheitsbegriff im Designbereich Aussergewöhnliches möglich sei. «Wir sind in dieser Hinsicht privilegiert und sitzen auf einem Riesenpotenzial.» Dieses sollte die Textilstadt St. Gallen nutzen und mit dem textilen Wissen vor Ort verbinden, so Kritzmöllers Grundidee. Konkret wird der Fokus der Ausbildung zur Textildesignerin oder zum Textildesigner in enger Vernetzung mit Unternehmen und Institutionen der Region auf drei Kompetenzbereichen liegen: Praxis (Konzeption und Entwurf, Materialkunde, Fertigungs- und Veredelungstechniken, Ökologie und Verantwortung), Kultur und Gesellschaft (Stil, Kreativität, Trendforschung, Design-analyse, Kultur- und Ästhetikgeschichte) sowie Management (Unternehmertum, Eigenmarke, Marketing, Kommunikation, Urheber- und Handelsrecht).

Für die Zulassung zum Lehrgang müssen Teilnehmende mindestens eine abgeschlossene fachspezifische Berufslehre besitzen, ein Aufnahmeverfahren bestehen und über den ganzen Lehrgang eine nachweisbare Tätigkeit von 50 Prozent in einem «artverwandten» Bereich nachweisen. Ziel der Ausbildung ist, den Textilunternehmen gut ausgebildete Fachkräfte zuzuführen oder sie bei der Weiterbildung ihrer eigenen Angestellten zu unterstützen. Oder aber unternehmerisch denkende Selbstständige hervorzubringen, die den Textilbereich mit neuen Ideen und Start-ups bereichern könnten.

Interessierte Kreise begrüssen das Angebot

Eine erste Umfrage zeigt, dass interessierte Kreise den neuen Bildungsgang begrüssen (siehe unten). So sagt Kreativdirektor Martin Leuthold von der St. Galler Jakob Schlaepfer AG: «Wir haben mit der Empa zusammen eine Ballung an Textil-Innovation in St. Gallen. Wir müssen alle mithelfen, dass das so bleibt.»

Hinweis

Infoanlass am 25. Oktober um 17.30 Uhr an der Schule für Gestaltung, Demut­strasse 115, St. Gallen. www.gbssg.ch