Teure U-Haft in der Psychiatrie

Ein 45jähriger Kosovare sass 2010 acht Monate in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen in U-Haft, bis das Obergericht eingriff. Jetzt rekurriert er gegen die Verurteilung wegen eventualvorsätzlicher Tötung seiner Ex-Frau.

Thomas Wunderlin
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FRAUENFELD. Das Strafverfahren gegen einen 45jährigen IV-Rentner aus Steckborn hat bis zum Urteil des Bezirksgerichts Frauenfeld letzten November 145 000 Franken gekostet. Der angelernte Säger und Metallbauer hat Berufung eingereicht gegen die vier Jahre Gefängnis, zu denen ihn das Bezirksgericht wegen versuchter eventualvorsätzlicher Tötung seiner Ex-Frau verurteilt hat. Allein 118 826 Franken kostete seine elfmonatige Untersuchungshaft. Davon verbrachte er acht Monate in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen. Er galt als selbstmordgefährdet. Der Aufenthalt in der Psychiatrischen Klinik liege nicht im Interesse des Staats, da er so teuer sei, sagte die Staatsanwältin in der Berufungsverhandlung vor dem Obergericht am Mittwoch.

Nie spazieren gehen

Der Verteidiger verlangte Genugtuung, da sich sein Mandant in Münsterlingen in einer «misslichen Situation» befunden habe: «Er konnte nie draussen spazieren.» Verlegt wurde der IV-Rentner erst, als das Obergericht aufgrund seiner Beschwerde den Aufenthalt in Münsterlingen als unverhältnismässig beurteilte.

Bei der Entlassung 2011 verbot ihm das Zwangsmassnahmengericht, mit seiner Ex-Frau Kontakt aufzunehmen und sich ihr zu nähern. Es verpflichtete ihn, sich von einem Psychiater behandeln zu lassen, Psychopharmaka zu schlucken und sich den Anordnungen einer Bewährungshelferin zu unterziehen.

Laut seinem Verteidiger hat der Mann mittlerweile eine 75-Prozent-Stelle gefunden, was zusammen mit seiner kleinen IV-Rente zum Leben reiche. Er sei nicht mehr auf die Sozialhilfe angewiesen, die er zehn Jahre lang bezogen hatte. Eine Gefängnisstrafe würde die stabile Situation gefährden. Das Urteil wird schriftlich eröffnet.

Jugoslawischer Elitesoldat

Vor dem Zerfall Jugoslawiens hatte der Kosovare 1986/87 in der jugoslawischen Armee gedient; laut Urteil war er «Einsatzmann bei der Elitetruppe für Angriffe». 1990 kam er in die Schweiz, wo auch seine beiden Brüder leben. Nachdem er elf Jahre in einer Sägerei gearbeitet hatte, erhielt er nach einem Bandscheibenvorfall seine IV-Rente.

Seine Ehe wurde 2006 nach elf Jahren geschieden; Kinder waren keine da. Der Mann hoffte lange, die Frau komme zu ihm zurück. Sie traf sich mit ihm, lehnte aber 2010 eine neue Partnerschaft definitiv ab. Mit SMS beschimpfte er sie und bedrohte sie massiv. Als sie ihm am 16. Mai 2010 das Telefon abhängte, hängte es ihm aus. Er fuhr zu ihrer Wohnung und trat die Tür ein. Er schlug ihren Kopf mehrmals auf den Boden und würgte sie, bis es ihr schwarz vor den Augen wurde. Ein Nachbarsbub riss ihn weg. Während der Bub den Rettungsdienst alarmierte, ging er nochmals auf seine Ex-Frau los. Der Verteidiger sprach von einem «Ausrutscher». Der Kosovare sagte im Schlusswort: «Das wird nie mehr vorkommen.»