Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

TERROR IN SPANIEN: "Die Menschen reagieren mit einer Welle der Solidarität"

Yvette Sánchez, Professorin an der Uni St.Gallen, bezeichnet die Terror-Anschläge in Barcelona und Cambrils als Angriff mitten ins touristische Zentrum von Spanien. Der Angriff ist für sie auf eine Art eine "Chronik eines angekündigten Attentats".
Menschen in Barcelona stehen am Tag nach dem Terror-Anschlag zusammen in Gedenken an die 14 Todesopfer und 130 Verletzten. (Bild: QUIQUE GARCIA (EPA))

Menschen in Barcelona stehen am Tag nach dem Terror-Anschlag zusammen in Gedenken an die 14 Todesopfer und 130 Verletzten. (Bild: QUIQUE GARCIA (EPA))

Frau Sánchez, welche Gedanken sind Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Attentat in Barcelona erfahren haben?
Yvette Sánchez:
Barcelona ist für mich eine sehr wichtige Stadt, in der ich Freunde habe. Gerade im Herbst werde ich für ein Forschungsprojekt wieder dorthin reisen. Ich habe gestern erst spätabends in der Tagesschau von den schrecklichen Ereignissen erfahren, und für mich war sofort klar, dass die Terroristen Spanien während der touristischen Hochsaison treffen wollten. Irgendwie war es auch die "Chronik eines angekündigten Attentats". Die Anti-Terror-Einheiten waren schon länger in Alarmbereitschaft.

Weshalb?
Sánchez:
Neben der Tatsache, dass IS-Terroristen den westlichen Lebensstil treffen wollen, gibt es in Spanien auch eine historische Komponente. Zwischen 711 bis 1492 war die Iberische Halbinsel ein Kalifat mit Namen Al-Andalus. Das Kalifat bedeutete für die muslimische Welt eine goldene Ära, bis die katholischen Könige Spaniens das Territorium mit der Reconquista zurückerobern konnten. Der IS hat sich immer darauf berufen, dass die Iberische Halbinsel muslimisches Territorium sei. Die Symbolkraft dieses Anspruchs ist erheblich.

Yvette Sánchez, Professorin an der Uni St.Gallen. (Bild: pd)

Yvette Sánchez, Professorin an der Uni St.Gallen. (Bild: pd)



Gibt es noch mehr mögliche Erklärungen für Barcelona als Ziel?
Sánchez:
Die historische Komponente ist das eine. Eine andere Tatsache ist, dass in Katalonien die muslimische Bevölkerung in der Zeit zwischen 2011 und 2015 um 19,8 Prozent gewachsen ist. Vor der Krise herrschte ein Mangel an Arbeitskräften, und man hiess Menschen aus muslimischen Ländern willkommen. Ihr Anteil liegt heute bei 6,8 Prozent der Einwohner. Die Wahrscheinlichkeit der Radikalisierung von Einzelnen kann mit der wachsenden Zahl steigen. Die gesamte muslimische Bevölkerung wird mit dem gestrigen Anschlag erneut stark in Mitleidenschaft gezogen.

Wie funktioniert das Zusammenleben der verschiedenen Kulturen in Katalonien?
Sánchez:
Auch in kleinen Dörfern erstaunlich gut, abgesehen vielleicht von Diskussionen, ob man Burkas tragen darf oder nicht. Es ist sehr ähnlich, wie bei uns.

Seit dem Attentat in Madrid im Jahr 2004 war Spanien nicht mehr von islamisch motivierten terroristischen Anschlägen betroffen. Jetzt dieser brutale Anschlag in einer der wichtigsten touristischen Attraktionen des Landes.
Sánchez:
Es ist erstaunlich, dass Spanien von terroristischen Akten des IS verschont blieb. Im Land herrschte schon seit zwei Jahren die zweithöchste Alarmstufe. Es war dank dieser Wachsamkeit vielleicht auch möglich, das Attentat in Cambrils zu vereiteln. Die Antiterror-Organisation des Landes wird in Spanien als gut eingestuft. 2004, beim Attentat auf Pendlerzüge in Madrid mit 191 Todesopfern, war die aktive Beteiligung von Spanien am Irakkrieg einer der Hauptgründe des Anschlags. Dieses Motiv schwingt heute immer noch mit.

Der Tourismus in Spanien boomt, wurde in diesem Sommer gar zur Belastung für viele spanische Ferienorte. Werden diese Anschläge in Ihren Augen Auswirkungen auf den Touristenstrom in Spanien haben?
Sánchez:
Es gibt zweifelsohne Folgen für den Tourismus. Ziel der IS-Terroristen ist es, Ängste zu schüren. Die Stadt Barcelona ist getroffen; der Boulevard Las Ramblas ist zu jeder Tageszeit voller Menschen. Es gab lange Diskussionen, wie man die Ramblas zum Beispiel mit Betonblöcken vor genau solchen Angriffen schützen könnte. Man kam aber dann zum Schluss, dass es nicht möglich sei, die Ramblas mit allen Seitenstrassen abzuriegeln.

In den sozialen Medien wird relativ wenig über die Geschehnisse in Barcelona geschrieben und geteilt. Wie erklären Sie sich das?
Sánchez:
Regierung und Polizei gaben unmittelbar nach dem Attentat die Weisung heraus, keine Fotos, Videos und Informationen auf den sozialen Netzen zu teilen – aus Respekt vor den Opfern, aber auch aus ermittlungstechnischen Gründen. Dass diese Weisung befolgt wurde, ist eine beeindruckende Reaktion.

Es wurde auch sofort über alle Parteigrenzen hinaus ein gemeinsames Communiqué herausgegeben. Im Bereich der Ramblas haben Hotel- und Taxi-Unternehmen beschlossen, ihre Dienste per sofort gratis zur Verfügung zu stellen. Die lokale Bevölkerung und ganz Spanien reagieren sehr solidarisch und grosszügig, auch wenn Katalonien wegen seiner Unabhängigkeitsbestrebungen im Rest des Landes nicht gerade uneingeschränkte Sympathien geniesst. In diesen Momenten spenden sehr viele Leute Blut, und Ärzte haben ihre Ferien unterbrochen, um zur Arbeit in die Spitäler zurückzukehren. Private offerieren denjenigen, die wegen der Absperrungen nicht nach Hause können, Essen und auch ihre Wohnungen als Bleibe.

Interview Christa Kamm-Sager

Yvette Sánchez ist Professorin für Kultur und Gesellschaft Spaniens und Lateinamerikas an der Uni St.Gallen


Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.