Telefonseelsorge
Einsamkeit, Beziehungsprobleme und Suizidgedanken: Das beschäftigte im 2020 Herr und Frau Ostschweizer gemäss Bilanz der Dargebotenen Hand

Bei der Dargebotenen Hand Ostschweiz/FL ist im 2020 ein Plus von 1000 Gesprächen mit Hilfesuchenden zu verzeichnen. Beziehung im Allgemeinen war das häufigste Gesprächsthema sowohl bei Frauen als auch bei Männern. Beobachtet wurde eine Zunahme suizidaler Anrufe, ausserdem holten sich deutlich mehr junge Menschen Hilfe.

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70 Prozent der Anrufenden bei Tel 143 sind Frauen. Am häufigsten werden Beziehungsfragen besprochen.

70 Prozent der Anrufenden bei Tel 143 sind Frauen. Am häufigsten werden Beziehungsfragen besprochen.

Bild: PD

(pd/mlb) Im Vergleich zum Vorjahr ist die Anzahl der anrufenden Frauen bei der Telefonseelsorge Dargebotene Hand Ostschweiz/FL im 2020 leicht angestiegen und liegt aktuell bei rund 70 Prozent, während knapp 29 Prozent Männer zum Hörer gegriffen haben (leicht weniger als 2019). Bei jedem Gespräch identifizieren die freiwilligen Mitarbeitenden bis zu drei Gesprächsthemen.

Klammert man die Themen Alltagsbewältigung und Psychisches Leiden der wiederkehrenden Anrufenden aus, lassen sich geschlechtsspezifische Tendenzen erkennen: Das häufigste Gesprächsthema bei den Frauen ist Beziehung im Allgemeinen (13.6 Prozent). Auf Rang zwei folgt das Themenfeld Familie/Erziehung (8.7 Prozent), gefolgt vom Thema Paarbeziehung (8 Prozent).

Auch die Männer beschäftigt das Thema Beziehung im Allgemeinen (16.7 Prozent) stark. Auf Rang zwei liegt das Thema Spiritualität/Lebenssinn (6.8 Prozent) und Rang drei belegt das Thema Einsamkeit (5.4 Prozent). Für Menschen mit chronischen psychischen Erkrankungen stand wiederum die Bewältigung ihres Alltags und das Ringen mit den Erscheinungsformen ihrer Krankheit im Vordergrund – und zwar bei beiden Geschlechtern. Diese Art Anrufe machten insgesamt rund 40 Prozent aller Gespräche aus.

Einsamkeit im Alter

Die Zahlen zeigen, dass das Thema Einsamkeit die Menschen stärker betrifft, je älter sie werden. Bei den über 65-jährigen Menschen sind es 11 Prozent, welche unter Einsamkeit leiden. In dieser Altersgruppe belegt das Thema Einsamkeit Platz 3. Neben Einsamkeit sieht sich diese Altersgruppe zudem gleichermassen mit körperlichem Leiden und Familie/Erziehung (je 12 Prozent) konfrontiert. Durch das Fehlen sozialer Kontakte und die zunehmende körperliche Gebrechlichkeit wird die Lebensqualität dieser Altersgruppe stark beeinträchtigt.

Mehr suizidale Anrufe

Weiter ist eine Zunahme der Anrufenden bei Tel 143 mit suizidalen Gedanken zu beobachten. Hier ist vor allem die Altersgruppe der 41- bis 65-Jährigen betroffen. Besonders viele Anrufende dieser Altersgruppe beschäftigt die Coronakrise stark. Sie kämpfen mit deren Folgen, haben Existenzängste und müssen Beruf und Familie während dem verordneten Homeoffice in ein gutes Gleichgewicht bringen.

Junge Menschen holen Hilfe

Im 2020 haben sich mit einer Verdreifachung der Anzahl deutlich mehr Jugendliche unter 18 Jahren an Tel 143 gewandt. Themen, welche diese Altersgruppe stark beschäftigen, sind Sexualität, Gewalt und Familie/Erziehung. Diese Generation hat gelernt, sich Hilfe zu holen, wenn Probleme anstehen, und darüber zu reden. Das hilft, frühzeitig die notwendigen Weichen zu stellen, sodass langanhaltende psychische Leiden vermieden werden können.

Die Onlineberatung wird schweizweit von mehreren Regionalstellen gemeinsam betreut. Hier kann nicht aufgeschlüsselt werden, woher sich eine Person meldet. Die Regionalstelle Ostschweiz/FL betreute 2020 total 1142 Onlinekontakte, davon 206 Mailkontakte und 936 Chats. Die Frauen sind auch hier in der Überzahl, auch wenn online nicht immer alle Kontakte einem Geschlecht zugeordnet werden können.

Vor allem Menschen der Altersgruppe der 19- bis 41-Jährigen wählten im 2020 die Onlinekanäle für die Kontaktaufnahme mit Tel 143. Thematisch ergibt sich vor allen Dingen beim Chat ein ähnliches Bild wie am Telefon, jedoch werden online Themen wie Gewalt oder Suizidalität häufiger angesprochen als am Telefon. Vielen Menschen fällt das Schreiben über schambehaftete Themen leichter als das Reden darüber.