TEILZEIT: Der Chef sollte im Haus sein

In Ostschweizer Unternehmen arbeiten zahlreiche Angestellte in Teilzeit, vor allem Frauen. Im Gegensatz dazu arbeitet man im Kader Vollzeit oder aber mindestens 80 Prozent.

Katharina Brenner
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Katharina Brenner

katharina.brenner@tagblatt.ch

Der Chef sollte in seiner Firma sein. Nicht zwingend immer, aber fast immer. Da sind sich die Sprecher von Ostschweizer Unternehmen einig. Ob bei SFS Services mit Sitz in Heerbrugg, bei der Schweizerischen Südostbahn (SOB) oder bei Kägi-fret im Toggenburg: Das Pensum von Führungskräften sollte mindestens 80 Prozent betragen, so der Tenor. «Bei einem Arbeitspensum von unter 80 Prozent wird es aufgrund des Aufgabenspektrums, der Verantwortung und ­Präsenzzeit eher anspruchsvoller, eine ­Führungsposition zu übernehmen», sagt Franziska Süess, Mediensprecherin der SFS Services AG. Rund 20 Kadermitglieder des Unternehmens arbeiteten in der Schweiz in Teilzeit. Angesprochen auf das Stellenpensum im Kader, heisst es auch bei Coop: «Eine grosse Führungsverantwortung ist in einem Arbeits­pensum unter 80 Prozent schwer wahrzunehmen.» Dementsprechend tief sei die Quote an Teilzeitjobs in Kaderpositionen, sagt Mediensprecherin Andrea Bergmann. Zahlen nennt sie nicht.

«Wir gehen das Ganze pragmatisch an», sagt Ursel Kälin, Mediensprecherin der SOB. «Besteht Bedarf nach einer Teilzeitlösung, dann suchen wir eine ­Lösung.» Planung, Delegation und Stellvertretung würden dabei den Rahmen vorgeben und müssten sichergestellt sein. Ähnlich fällt die Antwort bei Chocolat Stella Bernrain in Kreuzlingen aus: «Voraussetzung für Teilzeitpensen in Kaderpositionen sind Flexibilität in der Arbeitszeitgestaltung und organisatorische Massnahmen, welche Handlungs- und Entscheidungsfähigkeit auch bei Ab­wesenheit des Funktionsträgers erlauben», sagt Roland Schuler, Mitglied der Geschäftsleitung der Schokoladenfabrik.

Absprachen mit Arbeitskollegen und mehr Planung

Was in der Praxis in vielen Ostschweizer Unternehmen gelebt wird, gilt auch in der Theorie. Roland Waibel, Leiter des Instituts für Unternehmensführung an der Fachhochschule St. Gallen, sagt: «Bei 80 Prozent lässt sich eine Kaderposition gut machen.» Mit einem modernen ­Führungsverständnis erachte er dies bis ­ circa 60 Prozent als möglich. Zu einem modernen Führungsverständnis zählt Waibel, wenn Vorgesetzte Kompetenzen delegieren und vertrauensvoll auf die Eigenverantwortung der Mitarbeiter setzen. Mit guter Organisation sei vieles möglich. «Die Barrieren sind eher mental als real vorhanden.» Doch Waibel räumt ein: «Der Aufwand bei einer Teilzeitstelle ist sicher höher.» Wer in Teilzeit arbeitet, muss Absprachen mit seinen Arbeitskollegen treffen, Erreich­barkeiten regeln und mehr planen als Personen, die Vollzeit arbeiten. Trotzdem – auch wenn der Aufwand sicher ­höher sei, sei er machbar, sagt Waibel.

Der Institutsleiter plädiert insbesondere wegen eines höheren Frauenanteils für Teilzeitstellen in Kaderfunktionen. «Hier braucht es noch mehr die Er­kenntnis in der Wirtschaft, dass flexible Arbeitszeitmodelle die gläserne Decke bei Müttern durchstossen helfen.» Für den Erfolg von Unternehmen sei es sehr wichtig, dass künftig mehr Frauen in ­Kaderpositionen gelangen. «Organisationstalent, vernetztes Denken, soziale Verantwortung, Empathie, Gespür für ausgewogene Entscheidungen, Kommunikationsvorzüge und breite Lebenserfahrung gehören zum Kompetenz­rucksack, den Mütter meist mitbrin­gen.»AABB22Waibel sagt, er erachte flexible Arbeitszeitmodelle und Teilzeit-Kaderpositionen als sehr zukunftsweisende Modelle.

Dieselbe Ansicht vertritt Kurt Weigelt, Direktor der Industrie- und Handelskammer (IHK) St. Gallen-Appenzell: «Die IHK ist überzeugt, dass die Zukunft flexiblen Arbeitsverhältnissen gehört.» Man sei sich sicher, dass der demo­graphische Wandel und der Fachkräftemangel neue Arbeitszeitmodelle fördern werden. Laufend verbesserte Formen der digitalen Zusammenarbeit würden in Zukunft auch ohne eine permanente Präsenz ein effektives Projektmanagement ermöglichen. Heute seien Teilzeitstellen in Kaderpositionen hingegen noch immer eine grosse Ausnahme. «Und dies auf allen Stufen der Karriereleiter und über die ganze Erwerbszeit ­hinaus», sagt Weigelt.

Herisauer Unternehmen wirbt mit Teilzeit um Fachkräfte

Ein Ostschweizer Unternehmen, das ganz gezielt mit Teilzeitstellen wirbt, ist Geoinfo in Herisau. Vor drei Jahren erzielte es unter 30 Teilnehmenden den fünften Platz beim Swiss-Arbeitgeber-Award. Neben Angeboten wie einem längeren Vater- und Mutterschaftsurlaub wirbt das Unternehmen auf seiner Internetseite mit Teilzeitarbeit auf allen ­Stufen und der Gleichstellung von Teil- mit Vollzeitmitarbeitenden. Die Verein­barkeit von Beruf und Familie liege dem Unternehmen am Herzen, sagt Marketingleiterin Franziska Trovè. Dank der Möglichkeit zur Teilzeitarbeit seien die Mitarbeiter überdurchschnittlich motiviert. Ausserdem sei das Werben mit Teilzeitstellen ein Mittel gegen den Fachkräftemangel. Die Firma ist im Bereich Vermessung und Tiefbau tätig. Das ­Stellenpensum in Kaderfunktionen liegt gemäss Trovè allerdings nicht unter 80 Prozent. Auch andere Ostschweizer Unternehmen beteuern, dass Teilzeitanstellungen kein Karrierehindernis darstellten.

Denn darin kann ein Knackpunkt für die Angestellten liegen. Adrian Wüth­rich, Präsident von Travailsuisse, der Dachorganisation der Arbeitnehmenden, kritisiert Arbeitgeber, die ihren Mitarbeitern Chancen verwehren, nur weil diese Teilzeit arbeiten. «Wir machen uns für flexible Arbeitsmodelle stark», sagt Wüthrich. Das Modell müsse zum jeweiligen Arbeitnehmer passen. Teilzeitarbeit könne aber zum Problem werden, wenn Arbeitnehmer mehrere Jobs hätten und die Höchstarbeitszeit überschritten. Und das wohl grösste Problem seien die Pensionskassenansprüche. Es könne sein, dass jemand, der 50 Prozent für einen tiefen Lohn arbeitet, später keine Bezüge aus der zweiten Säule dafür bekomme.

Im Kanton St. Gallen hatten im Jahr 2015 rund 36 000 Personen eine Stelle mit einem Pensum geringer als 50 Prozent (siehe Tabelle). In den Ostschweizer Kantonen arbeitet je rund ein Drittel der Erwerbstätigen – ausserhalb des Kaders – in Teilzeit. Bei den Discountern Lidl und Aldi sowie bei den Detailhändlern Migros und Coop sind die Mitarbeitenden, welche in Teilzeit arbeiten, sogar deutlich in der Überzahl gegenüber den Kollegen mit Vollzeitpensum. Und auch hier ähneln sich die Ostschweizer Unternehmen: Es arbeiten deutlich mehr Frauen Teilzeit als Männer.