Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

TAUSCHÖKONOMIE: Zeit statt Geld: Die St.Galler Zeitbörse macht Schule

Der Anteil älterer Menschen in der Bevölkerung nimmt zu, die Betreuungskosten steigen. Dass manches auch ohne Geld geht, zeigt die Zeitvorsorge der Stadt St.Gallen. Nun verknüpft sie sich mit ähnlichen Modellen in anderen Regionen.
Adrian Vögele
Wer anderen hilft, hat später selber Anrecht auf Hilfe: Das ist der Grundgedanke der Zeitvorsorge. Bild: Fred Froese/Getty

Wer anderen hilft, hat später selber Anrecht auf Hilfe: Das ist der Grundgedanke der Zeitvorsorge. Bild: Fred Froese/Getty

Adrian Vögele

adrian.voegele@tagblatt.ch

Geld gegen Leistung: Dieses allgegenwärtige Prinzip hat Konkurrenz. Eine kleine zwar, aber sie wächst. Bezahlen lässt sich nicht nur mit dem Portemonnaie, sondern auch mit Zeit. Wer eine Stunde lang für jemand anderen etwas leistet, hat danach Anrecht darauf, ebenfalls eine Leistung im Umfang einer Stunde zu beziehen. Das ist die Idee sogenannter Zeitbörsen. In den Kantonen St.Gallen und Appenzell Ausserrhoden bietet die Organisation Benevol seit zehn Jahren ein Netzwerk zum Tausch von Dienstleistungen an. 800 Angebote sind im Programm – Bügeln, Deutschunterricht, Gartenarbeit, Hundespaziergänge, Zügelhilfe und so weiter. Die Börse zählt heute 400 Mitglieder, Tendenz steigend. Über 18000 Stunden wurden bisher getauscht.

Eine langfristige Version dieses Prinzips ist die Zeitvorsorge. Bundesrat Pascal Couchepin stiess dazu auf nationaler Ebene eine Debatte an, just ebenfalls vor zehn Jahren. Der Vorschlag: Jüngere Rentner engagieren sich in der Begleitung und Betreuung älterer Menschen und erhalten die Stunden gutgeschrieben. Wenn sie später selber darauf angewiesen sind, können sie diese Stunden ihrerseits beziehen. Das System soll helfen, den zunehmenden Bedarf für Betreuungsleistungen zu decken. Zugleich wird der Kostenanstieg in diesem Bereich eingedämmt – weil ältere Menschen länger selbstbestimmt leben können. Auch geht es um eine «gesellschaftliche Wertschätzung und Nutzung des Zeitpotenzials von Rentnern», wie es in einer Vorstudie im Auftrag des Bundes hiess.

Das Bundesamt für Sozialversicherungen suchte eine Gemeinde, um das System zu erproben. Die Wahl fiel auf St.Gallen. 2012 gab das Stadtparlament grünes Licht für die Gründung der Stiftung Zeitvorsorge und stellte nebst einem jährlichen Betriebsbeitrag eine Garantie von 3,4 Millionen Franken zur Verfügung. Die Garantie würde benötigt, falls das System scheitern sollte und bestehende Zeitguthaben mit bezahltem Personal abgeleistet werden müssten. Die Stadt schätzte das Risiko allerdings als gering ein. 2014 startete das Vorsorgeprojekt offiziell.

Gesellschaft leisten, Angehörige entlasten

Inzwischen zeigen die Werte bei der Zeitvorsorge nach oben. Ende 2016 zählte sie 119 Vorsorgende und 80 Leistungsbezüger, beide Gruppen sind gegenüber dem Vorjahr gewachsen. 7470 Stunden wurden geleistet, 18 Prozent mehr als 2015. Zu den angeschlossenen Institutionen gehören Pro Senectute, Kirchgemeinden und Spitex-Organisationen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unterstützen Senioren dort, wo kein Fachpersonal nötig ist: Sie begleiten sie etwa zum Arzt, helfen im Haushalt oder beim Erledigen der Post. Oftmals verbringen sie auch einfach Zeit mit den älteren Menschen, trinken Kaffee mit ihnen oder lesen ihnen vor. «Im Bereich Freizeit und Geselliges werden am meisten Stunden geleistet», sagt Reinhold Harringer, Präsident der Stiftung Zeitvorsorge. Danach folgen die Entlastung pflegender Angehöriger und administrative Arbeiten. Insgesamt zeige sich, dass die Zeitvorsorge funktioniere, sagt Harringer. Das bestätige auch eine externe Evaluation. «Der Bericht wird demnächst dem Stadtparlament zugeleitet.»

St.Gallen ist mit diesem Projekt nicht mehr allein: Der Verein Kiss Schweiz ist in der ganzen Schweiz aktiv und baut regionale und kommunale Zeitvorsorge-Genossenschaften auf. «Kiss» steht für «Keep it small and simple» – zu Deutsch: halte es klein und einfach. Das erste Standbein in der Ostschweiz ist Kiss Toggenburg, gegründet im vergangenen Jahr in Lichtensteig. Die verschiedenen «Anbieter» sind inzwischen vernetzt. Die St.Galler Zeitvorsorge und der Verein Kiss haben vor kurzem eine Vereinbarung unterzeichnet, damit Teilnehmer, die von einer zur anderen Organisation wechseln, ihr Zeitguthaben mitnehmen können. Ausserdem können Zeitvorsorger aus der Stadt St.Gallen inzwischen auch bei der Benevol-Zeitbörse Stunden in begrenztem Rahmen eintauschen.

Diese Tauschmodelle werden auch kritisiert. Sie würden sich nicht vertragen mit der Idee der klassischen Freiwilligenarbeit, die eben ohne Entschädigung funktioniere, lautet ein Argument. «Das ist eine Frage der Abgrenzung», entgegnet Peter Künzle, Geschäftsführer von Benevol St.Gallen. «Wann sind Sie bereit, einer Person freiwillig etwas Gutes zu tun oder sich in einer Gruppe zu engagieren? Wenn Sie einen persönlichen Bezug zu dieser Person oder Gruppe haben und einen persönlichen Nutzen daraus ziehen.» Wenn aber dieser persönliche Bezug fehle, sei es gerecht, dass man für eine Leistung auch eine Entschädigung erhalte. Ein weiterer Kritikpunkt: Die Zeitbörse sei mit ihren Dienstleistungen eine Konkurrenz für die Wirtschaft. Künzle winkt ab: «Die Gesamtzahl der Stunden, die über unsere Zeitbörse geleistet werden, entspricht etwa eineinhalb Vollzeitstellen.» Bei der St.Galler Zeitvorsorge übrigens wären es derzeit etwa vier Vollzeitstellen.

BDP läuft mit Vorstössen ins Leere

Auf politischer Ebene kommt das Thema Zeitvorsorge immer wieder zur Sprache. Der frühere St.Galler BDP-Kantonsrat Richard Ammann forderte die Regierung vergangenes Jahr in einem Vorstoss auf, eine Ausweitung des Stadtsanktgaller Modells auf den ganzen Kanton zu prüfen. Die Regierung antwortete damals zurückhaltend; für eine erste Bilanz sei es noch zu früh. Sie verwies auf den Evaluationsbericht, der nun demnächst vorliegen soll.

Auch im Bundeshaus wird über die Idee diskutiert. BDP-Nationalrat Martin Landolt will den Bundesrat mit einem Postulat dazu veranlassen, ein Zeitvorsorgesystem zu skizzieren. Doch dieser lehnt ab: Der Bund habe mit der Lancierung des St.Galler Pilotprojekts das Seine getan. Erste Erfahrungen zeigten, dass die Zeitvorsorge «auf relativ kleiner Stufe und basierend auf den lokalen Gegebenheiten» konzipiert werden müsste. Die Räte haben den Vorstoss noch nicht behandelt. Zurückgezogen hat die BDP eine parlamentarische Initiative, welche zu Zeitbörsen und Zeitvorsorge einen Artikel in der Bundesverfassung verlangte. Die zuständige Kommission des Nationalrats hatte das Anliegen zurückgewiesen: Für den Aufbau von Zeitvorsorgesystemen sei keine solche Regelung notwendig.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.