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Interview

Die beiden St.Galler Gleichstellungsbeauftragten über Alter, Vorbilder und KV-Lehren

Rahel Fenini und Brigitte Meyer sind die beiden Gleichstellungsbeauftragten des Kantons St.Gallen. Fenini ist 28. Meyer ist 64 und geht jetzt in Pension. Sie hat Ratschläge für junge Mütter – und Arbeitgeber.
Katharina Brenner
«Wir sensibilisieren», sagen Brigitte Meyer und Rahel Fenini, die Gleichstellungsbeauftragten des Kantons St.Gallen. (Bild: Michel Canonica)

«Wir sensibilisieren», sagen Brigitte Meyer und Rahel Fenini, die Gleichstellungsbeauftragten des Kantons St.Gallen. (Bild: Michel Canonica)

Brigitte Meyer, Sie sind 64, Rahel Fenini Sie sind 28. Würden Sie gerne tauschen mit der Generation der anderen?

Beide: Nein.

Brigitte Meyer: Eine Woche wäre toll, länger nicht. Meine Generation war unbeschwerter. Im Hinblick auf Social Media und den Klimawandel ist die Lage der Jungen heute schwieriger.

Rahel Fenini: Es würde mich reizen, einen Tag oder zwei Luft zu schnuppern in einer Zeit, in welcher der Feminismus aufkam. Zum Beispiel am Frauenstreiktag 1991. Ich fühle mich aber sehr gut aufgehoben in der aktuellen Generation von Feministinnen.

Meyer: Der Feminismus ist heute verspielter. Das ist toll. Es engagieren sich diverse Leute für Frauenrechte, die nicht ins gängige Schema vom Handgestrickten passen.

Der Feminismus kann heute verspielter sein, weil die grossen Kämpfe ausgefochten sind.

Meyer: Das sind sie nicht. Nur weil Feministinnen heute auch mal pinken Nagellack tragen und weniger auf die Strasse gehen als früher, heisst das nicht, dass die Gleichstellung umgesetzt ist.

Fenini: Genau, das Gleichstellungsgesetz bedeutet nicht automatisch, dass Frauen und Männer tatsächlich überall gleiche Chancen haben.

Wo besteht Handlungsbedarf im Kanton St.Gallen?

Meyer: Lohnungleichheit ist ein Dauerbrenner. Der vom Amt für Soziales erstellte Bericht Familien- und schulergänzende Betreuung von 2018 zeigt auf, dass der Versorgungsgrad im Vergleich mit anderen Regionen eher tief ist.

Aktuell erhalten Kantonsangestellte fünf Tage Vaterschaftsurlaub. Reicht das?

Fenini: Die Regierung hat sich für zehn Tage ausgesprochen. Das ist der Kompromiss zur Initiative auf Bundesebene – ein erster Schritt.

Vaterschaftsurlaub, Lohngleichheit und Kinderbetreuung stehen auf der politischen Agenda. Wozu braucht es Gleichstellungsbeauftragte?

Meyer: Wir sensibilisieren. Wir bereiten Informationen für die breite Öffentlichkeit auf und führen Projekte durch. Zum Thema Wiedereinstieg in den Beruf habe ich ein umfassendes Dossier entwickelt.

Was sind die drei wichtigsten Ratschläge für den Wiedereinstieg?

Meyer: Arbeitgeber sollen ihre Bilder, die sie von jungen Müttern haben, überdenken. Diese sind sehr leistungsfähig. Frauen sollen sich vor der Rückkehr genau überlegen, wann, mit welchem Pensum und welchen Aufgaben sie zurückkommen. Sie sollen sich vom Arbeitgeber alles, wirklich alles, schriftlich geben lassen. Drittens muss ein Wiedereinstieg, gerade nach einer längeren Zeit, von der ganzen Familie mitgetragen werden.

Was erwarten Sie von der Politik?

Meyer: Unterstützung bei der Anpassung struktureller Rahmenbedingungen. Beispielsweise eine externe Kinderbetreuung, die bezahlbar ist oder eine Anpassung der Steuergesetze.

Wie schneidet der Kanton als grösster Arbeitgeber ab?

Meyer: Bei Fragen rund um die Vereinbarkeit ganz gut, sei es punkto finanzieller Unterstützung der Kosten für die Kinderbetreuung oder bei der Möglichkeit flexibler Arbeitszeitmodelle.

Rahel Fenini, Ihr Schwerpunkt ist die geschlechtsunabhängige Berufswahl. Was genau machen Sie?

Fenini: Wir sind an der Ostschweizer Bildungsausstellung vertreten und sensibilisieren dort Jugendliche für die Thematik. 2017 haben wir sämtliche Lehrverträge analysiert, die 2016 im Kanton abgeschlossen wurden. Frauen wählen Berufe im Detailhandel sowie im Gesundheits- und Sozialwesen. Kein einziger Mann hat die Lehre zum Medizinischen Praxisassistenten angefangen. Bei KV-Lehren hat man eine gute Durchmischung.

Was bringen Ihnen diese Informationen?

Fenini: Sie sind ein Hilfsmittel, um mit Lehrpersonen ins Gespräch zu kommen, die bei der Berufswahl eine wichtige Rolle spielen. Viele junge Frauen steigen in den Verkauf ein, weil sie sagen: Dann kann ich gut Teilzeit arbeiten, wenn ich Kinder habe. Sie bedenken oft nicht, wie wenig sie später verdienen.

Raten Sie jungen Frauen also zu Berufen, bei denen sie möglichst viel verdienen?

Fenini: Nein. Wir zeigen auf, dass es 250 Berufe gibt und die Jugendlichen aus dem ganzen Spektrum wählen können.

Freie Berufswahl herrscht aber längst.

Fenini: Die Frage ist, ob Frauen Pflegeberufe wählen, weil es sie interessiert oder weil sie andere Berufe aufgrund ihres Geschlechts gar nicht in Erwägung ziehen. Hier braucht es Vorbilder – für junge Frauen und junge Männer. Auch die Betriebe müssen umdenken.

Meyer: Wären typische Frauenberufe besser bezahlt, wäre die Situation eine völlig andere. Das Problem beginnt, wo das eine mehr wert ist als das andere.

Wie bewerten Sie die MeToo-Debatte?

Meyer: Das Bewusstsein für Unrecht ist gewachsen.

Fenini: Frauen wissen jetzt, dass sie nicht allein sind. «Das Private ist politisch» erhält neuen Aufschwung. Wenn jetzt die Kritik kommt, man habe genug gehört von Problemen, sage ich: Manchmal muss Feminismus nerven.

Sind Sie schon einmal aufgrund Ihres Geschlechts diskriminiert worden?

Meyer: Nach dem Studium habe ich als Gymilehrerin in Basel-Stadt gearbeitet. Damals hat der Kanton keine Festanstellungen vorgenommen und Frauen wurden ausschliesslich auf Unterschulstufe beschäftigt. Sie hatten dadurch weniger Lohn als Männer, die auf der Oberstufe angestellt wurden.

Fenini: Bei mir waren es Übergriffe im Ausgang, als ich mit 16 plötzlich eine Hand unter dem Rock spürte. Auch heute kommt es noch zu Situationen, in denen ich aufgrund meines Frauseins als Objekt behandelt werde.

Brigitte Meyer, werden Sie nach Ihrer Pensionierung für Rahel Feninis feministisches Onlinemagazin «Fempop» schreiben?

Meyer: Darüber haben wir noch nicht gesprochen. Ich finde es toll, was Rahel macht.

Welches Ziel verfolgen Sie mit dem Onlinemagazin?

Fenini: Eine Kollegin und ich haben «Fempop» 2016 gegründet. Bis dahin hatte ein Medium in der Schweiz gefehlt, das Feminismus und Popkultur verbindet. Ein lustvoller Zugang. Wir wollen Feminismus einer breiten Masse von Leserinnen und Lesern zugänglich machen, die sich noch nicht mit dem Thema beschäftigt haben.

Haben Sie feministische Vorbilder?

Fenini: Meine Kolleginnen vom Onlinemagazin. Frauen, die ihre Weiblichkeit bewusst zeigen und einen starken feministischen Geist haben. Mich inspirieren Frauen in meinem Umfeld, meine Mutter oder du, Brigitte.

Meyer: Schön. Danke. Zur Zeit des Frauenstreiks waren es bei mir Christiane Brunner und Ruth Dreifuss oder andere beruflich erfolgreiche Frauen.

Rahel Fenini, welche Aufgaben erwarten Sie in Zukunft?

Fenini: Uns ist es ein Anliegen, unterschiedliche Generationen in ihrer Lebenswelt abzuholen und für Gleichstellungsthemen zu sensibilisieren. Ab Juni 2019 führen wir drei Veranstaltungen durch, die sich aktuellen Themen in der Genderdebatte widmen.

Abschied nach elf Jahren

Brigitte Meyer, 64, ist in Basel aufgewachsen. Sie hat Deutsch und Geschichte studiert, als Lehrerin und in der Erwachsenenbildung gearbeitet. Nach elf Jahren als Gleichstellungsbeauftragte des Kantons St.Gallen geht sie in Pension. Meyer lebt in der Stadt St.Gallen in einer eingetragenen Partnerschaft. Ihre Nachfolgerin fängt im Herbst an.

Rahel Fenini, 28, lebt in Zürich, wo sie aufgewachsen ist und Englische Literatur, Publizistik und Gender Studies studiert hat. Fenini ist seit anderthalb Jahren Gleichstellungsbeauftragte des Kantons St.Gallen.

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