Tattoos, so weit das Auge reicht

Die Briten fallen immer mal wieder mit ihrer Marotte auf, die Welt erobern zu wollen.

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Das Tattoo St. Gallen erhält Konkurrenz in Ost und West. (Bild: Hanspeter Schiess)

Das Tattoo St. Gallen erhält Konkurrenz in Ost und West. (Bild: Hanspeter Schiess)

Die Briten fallen immer mal wieder mit ihrer Marotte auf, die Welt erobern zu wollen. Nicht genug, dass sie schon früh mit Krethi und Plethi Handel trieben und eine Zeitlang Kolonien sammelten wie Briefmarken: Sie exportieren auch mit missionarischem Eifer ihre Lieblingsbeschäftigungen – man denke nur an populäre Sportarten wie Fussball oder Tennis. Andere Staaten danken es ihnen. Auch die Schweiz hat profitiert: Die Idee, ständig und nur zum Spass irgendwelche Alpengipfel zu erklimmen, begann sich in den helvetischen Köpfen erst festzusetzen, als die ersten Erlebnistouristen aus dem Vereinigten Königreich anreisten, um hier die Zeit totzuschlagen und Geld auszugeben (für Schweizer Bergführer zu Beispiel).

Von Windsor bis Vaduz

Auch in der musikalischen Unterhaltung der Erdbevölkerung mischen die Briten fleissig mit. Nicht nur durch die gelegentliche Erfindung neuer Musikrichtungen, sondern zunehmend auf traditionelle Art: Geordnetes, militärisches Marschieren in schicken Uniformen, begleitet von Tuten und Blasen, erfreut sich auf den Inseln seit jeher grosser Beliebtheit. Die Queen stellt den Marschformationen neuerdings sogar ihren eigenen Garten in Windsor für Festivals zur Verfügung. Was die Gärtner dazu sagen, ist nicht bekannt. Fakt ist: Solche Militärmusikparaden, Tattoos genannt, ziehen seit einiger Zeit auch ausserhalb des Königreichs Tausende von Zuschauern an, wo immer sie stattfinden. Sogar Zwergstaaten ohne Armee wollen nicht darauf verzichten: Der Fürst von Liechtenstein eifert der Queen nach und lud dieses Jahr erstmals zur eigenen Parade – unter dem feudalen englischen Originaltitel «The Princely Liechtenstein Tattoo». Die Kanonen für die Böllerschüsse waren aus der Ostschweiz angemietet.

Zürich bläst zum Angriff

Gemeinsamer Nenner der Anlässe sind jeweils die «Pipes and Drums»: Kaum ein Tattoo, das ohne eine ordentliche Ladung schottischer Trommler und Dudelsackpfeifer auskommt. Nebst der Musik scheint vor allem deren pittoreske Kleidung – Bärenfellmütze, Kilt, Kniesocken – eine magische Wirkung zu entfalten.

Hierzulande war bisher nur Basel für ein derartiges Festival bekannt. Doch das britische Virus greift um sich: Im Juli feierte das Tattoo St. Gallen Premiere, über 13 000 Besucher gingen hin. Da können die bisher tattoolosen Zürcher nicht mehr tatenlos zuschauen. Es dürfte ihnen schon seit längerem ein Dorn im Auge sein, dass ausgerechnet Erzfeind Basel ein weltbekanntes, regelmässig ausverkauftes Tattoo sein Eigen nennt. Und nun entwickelt sich auch noch das notorisch belächelte St. Gallen zur Tattoo-Stadt!

Seit kurzem steht fest: Das erste «Zurich Tattoo» findet im kommenden Juli statt – gleichzeitig mit dem St. Galler und wenige Tage vor dem Basler Tattoo. Ein Blick auf die Internetseite zeigt aber: Es handelt sich um das altbekannte Zürcher Polizeimusikfestival, ein bisschen umorganisiert und mit dem neuen Label «Tattoo» versehen. Was nicht gerade von britischem Sportsgeist zeugt. Wenn schon Konkurrenz, liebe Zürcher, dann richtig: Wehe, wir sehen an eurem Tattoo keine Kantonspolizisten in Kilt und Kniesocken!

Adrian Vögele

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