Tatort Notfallaufnahme

Drohungen, Schläge, gezückte Messer und Schlagstöcke: In der Notfallaufnahme des St. Galler Kantonsspitals herrschen teils rauhe Sitten. Chefarzt Joseph Osterwalder und seinen Mitarbeitern bereitet diese Entwicklung Mühe.

Daniel Walt
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Joseph Osterwalder, Chefarzt. (Bild: (Coralie Wenger))

Joseph Osterwalder, Chefarzt. (Bild: (Coralie Wenger))

«Solche Vorfälle machen mich nachdenklich», sagt Joseph Osterwalder, Chefarzt der Notfallaufnahme am Kantonsspital St. Gallen. Er kann nur den Kopf schütteln über das, was in der Nacht auf den vergangenen Sonntag passiert ist. Nachdem sich bei einer tätlichen Auseinandersetzung zwischen zwei Gruppen in Montlingen drei Personen verletzt hatten, fuhren die Cliquen zur Notfallaufnahme nach St. Gallen. Dort flammte der Streit neu auf. Schliesslich zückte ein Beteiligter sogar einen Schlagstock. Erst der Sicherheitsdienst des Spitals setzte dem Treiben ein Ende (Ausgabe von gestern).

Probleme haben zugenommen

Aggressionen prägen laut Joseph Osterwalder in zunehmendem Mass den Alltag auf der Notfallaufnahme des Kantonsspitals – «speziell am Wochenende», hält der Chefarzt fest. Die Palette beginnt bei verbalen Attacken sowie Drohungen gegen das Personal und führt über Faustschläge, Fusstritte oder zertrümmertes Mobiliar bis hin zum Zücken von Messern. «Eine Sekretärin beim Empfang hatte einmal eines am Hals», erinnert sich Osterwalder.

Aggressive Grundstimmung

Die Gründe, weshalb Patienten und teils auch Begleitpersonen in der Notfallaufnahme ausrasten, sind vielfältig. «In der Mehrzahl der Fälle sind Alkohol oder Drogen im Spiel», sagt Joseph Osterwalder. Zunehmend suchen Personen den Notfall aber auch in einer aggressiven Grundstimmung auf – etwa weil sie zuvor in eine Schlägerei verwickelt waren, wie dies am Wochenende der Fall war. Eher selten ist hingegen, dass Leute Probleme machen, weil sie auf ihre Behandlung warten müssen. Das mag auch daran liegen, dass das Kantonsspital laut Osterwalder grossen Wert auf die Betreuung und Information der Notfallpatienten legt, die noch nicht an der Reihe sind.

«Viele haben zu beissen»

Wie gehen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit der zunehmenden Aggressivität in der Notfallaufnahme um? «Man hat die Menschen gern, wenn man diesen Beruf ausübt. Aber an solchen Ereignissen haben viele zu beissen», antwortet Joseph Osterwalder. Ein Betroffener habe beispielsweise Mühe gehabt, einen Angriff zu verarbeiten, weil er dem Täter ja eigentlich habe helfen wollen. Wichtig ist laut dem Chefarzt, dass sich Betroffene über ihre Erfahrungen austauschen können. Dass das Spital einem aggressiven Patienten die medizinische Hilfe zunächst versagt, kommt laut Osterwalder dann vor, wenn diese nicht dringend ist. Es kann dann sein, dass die entsprechende Person vorerst in Polizeigewahrsam kommt, bis sie sich beruhigt hat. Ist die sofortige Behandlung eines aggressiven Patienten zwingend, greift die Notfallaufnahme laut Osterwalder zum letzten Mittel: der Narkose.

Abschied vom Idealbild

«Auch ich gehöre zu dieser Konsumgesellschaft, in der es immer mehr Angebote gibt, insbesondere an den Wochenenden. Mir scheint aber manchmal, dass es umso mehr Probleme gibt, je mehr Freizeitvergnügungen zur Verfügung stehen», hält Joseph Osterwalder fest. Als Einwohner St. Gallens spüre er speziell an den Wochenenden oftmals eine aggressive Grundstimmung in der Stadt. «Und an gewissen Orten fühle ich mich selbst nicht mehr hundertprozentig sicher», sagt er. Als Mediziner, der auch schon in Kriegsgebieten im Einsatz stand, betont er, dass man dort viel Schlimmeres sehe als hierzulande. «Trotzdem: Unser Land habe ich früher als sehr sicher empfunden. Und diese heile Schweiz gibt es wohl nicht mehr», so Osterwalder.

Die Notfallaufnahme des Kantonsspitals St. Gallen. (Bilder: Coralie Wenger)

Die Notfallaufnahme des Kantonsspitals St. Gallen. (Bilder: Coralie Wenger)

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