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Tatort Kinderkrippe

In einer St.Galler Tagesstätte ist vermutlich ein Kleinkind sexuell missbraucht worden. Die Betreiber ringen um Worte, die Eltern bangen um ihre Kinder.
Noemi Heule
Heruntergelassene Rollläden statt spielender Kinder. Die Kinder der Krippe Fiorino im Osten von St.Gallen sollen vor neugierigen Blicken geschützt werden. (Bild: Benjamin Manser)

Heruntergelassene Rollläden statt spielender Kinder. Die Kinder der Krippe Fiorino im Osten von St.Gallen sollen vor neugierigen Blicken geschützt werden. (Bild: Benjamin Manser)

Die grauen Rollläden sind heruntergelassen und fügen sich ein in den grauen Wintertag. Keine spielenden Kinder im Garten, sondern ein Sicherheitsmann, der um das fahlgelbe Haus patrouilliert. Ein Kinderwagen vor der Haustür und ein vergessenes Spielzeug im Garten, zwei Farbtupfer, zeugen davon, dass hier an der Heiligkreuzstrasse in St.Gallen eine Kindertagesstätte einquartiert ist. Eine Mitarbeiterin hängt eine Blache vor das einzig verbliebene Fenster, um die Kinder vor Blicken zu schützen. Für sie soll der Alltag weitergehen, für die Angestellten herrscht Ausnahmezustand.

Gestern informierte die Staatsanwaltschaft St.Gallen, dass in der Kindertagesstätte im Osten der Stadt vermutlich ein Bub missbraucht worden war. ­Einen Tag zuvor setzte sie die Betreiber in Kenntnis. Bereits im Juli hatte sie im Hort eine Hausdurchsuchung durchgeführt; gegen einen der Betreuer war eine Strafuntersuchung eingeleitet worden. Der Verdacht: Er hatte Kinderporno­grafie im Darknet verbreitet. Der 33-Jährige wurde festgenommen und sitzt seither in Untersuchungshaft. Damals gaben die Strafverfolger Entwarnung. Sie gingen davon aus, dass sich die Straftaten auf das private Umfeld beschränkten.

Bei den Hausdurchsuchungen beim Verdächtigen und in der Tagesstätte stellte die Polizei diverse Datenträger sicher. Bei deren Auswertung stiessen die Ermittler auf mehrere 10000 Bilder mit mutmasslich kinderpornografischem Inhalt, wie es in der Mitteilung der Staatsanwaltschaft heisst. Sie erhärteten den Verdacht, dass der Beschuldigte zwei Buben sexuell missbraucht hatte, einen während seiner Arbeit in der Kita, den anderen im privaten Umfeld. Seine Taten filmte er und stellte die Aufnahmen ins Darknet. Zudem habe er vermutlich, ebenfalls in der Kita, «sexuell motivierte Bilder» von zwei Buben aufgenommen und online verbreitet.

Fehlende Worte und fehlende Informationen

«Es gibt keine Worte für das, was in unseren Räumen geschehen ist», sagte Jacques Hefti gestern. Der Präsident der Fiorino AG, der Betreiberin der Krippe, trat gestern vor die Medien, weil die Kita ihre Kinder in diesem Fall nicht schützen konnte. So verschlossen sich die Kita gegenüber neugierigen Blicken zeigte, so transparent informierten die Betreiber. Noch am Vorabend verschickten sie einen Brief an die Eltern, am Morgen informierten sie die Mitarbeiter, am Mittag die Medien.

Vieles konnte Jacques Hefti dennoch nicht sagen. Manchmal rang der fünf­fache Familienvater um Worte, manchmal fehlten sie ihm. Und für viele Fragen fehlten schlicht die Informationen. Hefti sprach von einer «schwierigen Situation». Weil die Kita im Strafverfahren juristisch nicht Partei sei , erhalte sie auch keine weiteren Informationen von der Staatsanwaltschaft. Wie es dem Betreuer gelang, mit den Kindern allein zu sein, könne er sich nicht erklären, geschweige denn, wie es zum Missbrauch kam. «Wir haben klar definierte Vorschriften», sagte er. Kinder würden immer in Gruppen betreut, für intime Tätigkeiten, beispielsweise Wickeln, bleibe die Tür offen.

Der Verdächtige war im Herbst 2017 fest angestellt worden. Er hatte bereits die Lehre bei Fiorino abgeschlossen und kehrte nach einer Pause zurück zum Lehrbetrieb. Wie alle Angestellten habe er einen Sonderprivatauszug vorlegen müssen. Dieser enthält im Gegensatz zum Strafregisterauszug nur Delikte, die mit einem Tätigkeits- oder Kontaktverbot einhergehen und soll Minderjährige vor sexuellen Übergriffen schützen. Jener des mutmasslichen Täters war jedoch leer; dieser war zuvor noch nie straffällig geworden. «Wir überprüfen nun, ob zusätzliche Vorkehrungen nötig sind», sagte Hefti und fügte an: «Ein Restrisiko bleibt.» Auch prüfe die Fiorino AG ihrerseits eine zivilrechtliche Klage gegen den ehemaligen Angestellten.

«Wir hegten nie Zweifel gegen den betroffenen Mitarbeiter.»

Nachdem im Sommer die Vorwürfe publik wurden und nach seiner fristlosen Entlassung, habe man die Personaldossiers durchforstet. Kein Hinweis, kein Indiz habe auf ein Fehlverhalten hingewiesen. Auch die Rückmeldungen der Eltern seien «zu 99 Prozent» positiv gewesen. Im Sommer lobten Eltern gegenüber den Medien seine Sozialkompetenz und Freude an der Arbeit. Er selbst beklagte in einem Interview gegenüber dem «Blick», dass Männer in seinem Beruf unter Generalverdacht stünden.

«Unsere Kinder sollen besser geschützt werden»

Der Verdächtige war in der Kindertagesstätte Ost tätig, bevor diese von der Espenmoosstrasse ins gelbe Einfamilienhaus an die Heiligkreuzstrasse zügelte. Er half aber auch an anderen Standorten aus oder bot seine Dienste als Babysitter an. Ob weitere Kinder betroffen sind, ob möglicherweise diese Taten einfach nicht gefilmt wurden, ob alles getan wurde, um sie zu verhindern – all diese Fragen konnte Jacques Hefti gestern nicht mit Sicherheit beantworten. Es sind nur einige der unzähligen Fragen, die auch die Eltern umtreiben, die ihre Kinder in einer der neun Fiorino-Krippen betreuen lassen. Gestern Abend lud Fiorino zu einem Elternabend zusammen mit Vertretern des St.Galler Kinderschutzzen­trums. «Wir möchten, dass nun alle Fakten auf den Tisch kommen und unsere Kinder besser geschützt werden», sagte eine Mutter im Vorfeld. Der Elternabend begann um 20 Uhr und endete, wie es in der Einladung heisst, «open end».

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