TAMINABOGEN: Beste Aussichten liegen in der Luft

Schön ist sie geworden. Das bestätigen sogar Kritiker. Sie hat aber auch was gekostet. Das bestreiten selbst ihre Verehrer nicht. Nun liegt mit der schlanken Passerelle die Hoffnung in der Luft, dass die teure Schönheit das Taminatal in die Zukunft befördert.

Reinhold Meier
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Am Freitag wird der Taminabogen offiziell eröffnet: Die mit 260 Metern Tragweite grösste Bogenbrücke der Schweiz verbindet und weckt Hoffnungen auf bessere Zeiten. (Bilder: Michel Canonica)

Am Freitag wird der Taminabogen offiziell eröffnet: Die mit 260 Metern Tragweite grösste Bogenbrücke der Schweiz verbindet und weckt Hoffnungen auf bessere Zeiten. (Bilder: Michel Canonica)

Reinhold Meier

ostschweiz@tagblatt.ch

Die südlichste Gemeinde des Kantons, Pfäfers, ist seit Menschengedenken durch einen Abgrund geteilt. Über 200 Meter stürzen sich die Felsen von zwei Seiten in die wilde Schlucht der Tamina, die sich erst im noblen Bad Ragaz beruhigt ins Rheintal ergiesst und dort für gediegene Thermalkultur sorgt. Auf den kargen, rund 900 Meter hohen Flanken der Schlucht hingegen, liegen Weiler wie Vasön, Gassaura und Valens links sowie Pfäfers, Vadura und Vättis rechts der Klamm.

«Als Schüler musste ich jeden Tag in die Schlucht hinunter, über den Bach und drüben wieder hoch», erinnert sich Ferdinand Riederer, der bei Hochwasser schon mal durchnässt in Pfäfers ankam. Dabei lag das Schulhaus kaum 500 Meter Luftlinie entfernt. «Wie oft habe ich gedacht: Wenn doch da oben eine Brücke wäre!» Dass der Traum jetzt wahr wird, hat auch mit ihm zu tun. Mit Engelsgeduld hat er, bis vor kurzem Gemeindepräsident und Kantonsrat, geweibelt, Allianzen geschmiedet und Stimmen gesichert. Bis der Kantonsrat zustimmte. Im Tal reden darum viele von «Ferdy siinerer Brugg». Aber das ist ihm eher peinlich.

Seilbahn gescheitert

Denn beim Taminabogen, wie die mit 260 Metern Tragweite grösste Bogenbrücke der Schweiz offiziell heisst, geht’s nicht um Befindlichkeiten, sondern um die Zukunft an der historischen Porta Romana. «Seit ich denken kann, redet man davon», erinnert sich Amtsvorgänger Christian Nigg. «In den 1950ern sollte es eine Seilbahn sein.» Aber die Valenser wollten nicht. «Vielleicht, weil in Pfäfers die Regierung sitzt», schmunzelt er. Allein in seiner Amtszeit gab es sieben Projekte, alle sind an den Finanzen gescheitert. Doch der Rutschhang auf der Valenser Seite ging ins Geld. Und ein sicherer Zugang zu den Kliniken Valens mit ihren 400 Mitarbeitenden drängte. Nigg äussert sich denn auch klar zur Verbindung ins Rheintal. «Ich bin für die direkte Zufahrt zum Anschluss Maienfeld.» Das entlaste Bad Ragaz besser als eine «Krüppellösung» im Kurort. Mal sehen. Vorerst wachse nun hier zusammen, was zusammengehöre, günstig für Schulkinder, die Kliniken und das Geschäfts- wie Gemeindeleben. Klar, gäbe es auch ein paar Kritiker. 56 Millionen Franken für das entlegene Hochtal auszugeben, hielten sie für Verschwendung. Man hätte den Einheimischen den Betrag lieber in bar überreichen können, meinen sie mit Blick auf die klamme Gemeindekasse.

Aufwind fürs Gesundheitstal

Albert Nigg etwa, der 81-Jährige aus Gassaura, ist skeptisch. Er musste Land hergeben, den schönsten Boden seines Hofes, wie er betont. «Wegen mir braucht’s die Brücke nicht.» Er sei immer ohne sie zum Einkaufen oder zum Arzt gekommen. Doch gerade er habe die Brücke bereits als einer der Ersten genutzt, heisst es, um die Steuererklärung ins Rathaus zu bringen. «Das stimmt, aber meinen Frieden habe ich noch nicht gemacht.» Betonung auf «noch nicht». Der Valenser Klinikdirektor Till Hornung zeigt sich hingegen begeistert vom Brückenschlag. «Er sichert unserem Unternehmen den Standort nachhaltig ab.» Synergien sieht er auch mit der Klinik St. Pirminsberg der St. Galler Psychiatrie Dienste Süd auf der anderen Seite mit ihren 350 Mitarbeitenden. «Wir können gemeinsame Projekte besser umsetzen.»

Gemeindepräsident Axel Zimmermann sieht ebenfalls grosse Chancen: «Wir haben nun eine einzige Buslinie, die das ganze Tal erschliesst.» Von Pfäfers und Valens braucht es nur eine Viertelstunde zum Regioexpress. Das schaffe auch neue Möglichkeiten zur Verbindung untereinander und Impulse für die zahlreichen Gesundheitsarbeitsplätze im Tal. Bauland für Zuzüger wäre vorhanden. Zimmerman hofft denn auch auf einen Schub. «Auf 1600 Einwohner zu kommen, wäre ein grosser Erfolg.» Den brauche es zur Rettung der von Abwanderung bedrohten Gemeinde, betont er. Denn sie wolle zwar die südlichste bleiben, allenfalls sogar die hinterste, aber auf keinen Fall «die letzte».