Tagsüber büffeln, nachts arbeiten: Neues Studienmodell der PHSG bringt Studenten an ihre Grenzen

Seit Sommer kann man an der PHSG berufs- und familienbegleitend studieren. Viele unterschätzen den Aufwand.

Leoni Noger
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Studierende im Pädagogischen Hochschulgebäude Mariaberg über ihren Büchern. (Bild: PHSG)

Studierende im Pädagogischen Hochschulgebäude Mariaberg über ihren Büchern. (Bild: PHSG)

Seit dem Sommer lässt sich Claudia Albrich an der Pädagogischen Hochschule (PHSG) in Rorschach zur Primarlehrerin ausbilden. Nebenbei arbeitet sie zurzeit 60 Prozent in der Gastronomie, aber es erscheine ihr unrealistisch, dieses hohe Pensum bis Studienende durchhalten zu können. Die 33-Jährige sagt:

«Ich muss zugeben, dass ich etwas blauäugig an das Studium herangegangen bin.»

Albrich gehört dem ersten Jahrgang des berufs- und familienbegleitenden Lehrerstudiums an. Dieses ermöglicht Studenten, von Montag bis Mittwoch die Hochschule zu besuchen und die restlichen Wochentage für Beruf oder Familie zu nutzen. Speziell ist, dass in den drei Tagen derselbe Stoff gelehrt wird, wie den Regelstudenten in einer Woche. Es gilt aber genauso drei Jahre Studienzeit.

Volle Anwesenheitspflicht in einigen Wochen

Ausserhalb der Unterrichtszeiten sind Seminararbeiten zu schreiben und Texte zu lesen. Während Blockwochen oder Praktika wird zudem volle Anwesenheit verlangt. «Wir müssen in den Zeiten das Arbeitspensum reduzieren und teilweise im Geschäft Minusstunden machen, was nicht so gut ankommt.» Es könne schwierig sein, einen Arbeitgeber zu finden, der genügend flexibel sei. Aber auch für Selbstständige sei es eine Herausforderung. Ein Student aus ihrer Lerngruppe werde deswegen seine Arbeit aufgeben.

Auch Ilario Chiera macht das Lehrerstudium berufsbegleitend. Sein Arbeitgeber, die Swisscom, sei flexibel gegenüber Studenten. Er müsse für solche Wochen keine Ferien beziehen wie andere Mitstudenten. Doch selbst für ihn seien Blockwochen eine extreme Belastungszeit. Bei fünf Tagen Hochschule und 60 Prozent Arbeit an Wochenende und Abenden bleibt für den 25-Jährigen keine Pause. Vor allem in der Anfangszeit hätten viele mit der Belastung zu kämpfen gehabt. «Für etwa die Hälfte von uns war es ein Schock, dass unsere volle Anwesenheit in gewissen Wochen verlangt wird.»

Konflikte mit Arbeitgeber sind laut PHSG vermeidbar

Die Prorektorin für Kindergarten- und Primarstufe, Heidrun Neukamm, hat mit diesem Konfliktpotenzial gerechnet. «Deshalb haben wir bereits an den Infotagen mitgeteilt, dass das Studium von Tag eins bis zuletzt komplett durchgeplant ist», sagt Neukamm. «Wenn man so frühzeitig mit dem Arbeitgeber kommunizieren kann, ist es möglich, die fehlenden Arbeitszeiten während der Zwischensemester auszugleichen.» Die PHSG habe es immer so publiziert, Neukamm nimmt an, dass es teilweise offenbar überhört oder zu wenig seriös gelesen wurde.

Während der Praxisphase müsse die volle Anwesenheit verlangt werden, andernfalls müsste die Studienzeit verlängert werden, wie an anderen Hochschulen auch. Laut Neukamm sind aber Anpassungen des berufs- und familienbegleitenden Studienganges in den nächsten Jahren nicht ausgeschlossen.

Claudia Albrich hat Bedenken, dass der Lernerfolg auf Dauer kleiner wird, wenn sie nicht so viel Zeit in das Studium investieren kann, wie sie gerne würde. Neukamm befürchtet dies nicht:

«Es ist ganz klar möglich, auf gutem Qualitätsniveau diese Studienleistung zu erbringen.»

Das Angebot sei aber nicht für alle geeignet. «Ein gutes Zeitmanagement und Auffassungsvermögen sind sehr wichtig», sagt Neukamm.

Viele Interessenten, wenige Studenten

Das Studienangebot will berufs- und familienbegleitend sein, doch keiner nutzt es bisher für die Familie. Bei ersten Infoveranstaltungen hat es gemäss Neukamm über 80 Interessenten gegeben. Von 28 Studienplätzen wurden nur 17 besetzt. Laut Neukamm liegt dies daran, dass viele die Zugangsvoraussetzungen unterschätzt haben. Dazu gehören Maturität oder Isme sowie höhere Sprachkompetenzen als bei Regelstudenten. «Einige Mütter haben seit der ersten Information einfach noch Zeit gebraucht, um diese Voraussetzungen zu erfüllen.»

Claudia Albrich und Ilario Chiera wollen das Studium trotz Doppelbelastung in drei Jahren zu Ende führen. Über das neue Angebot sind sie froh: Es ermöglicht ihnen, den bisherigen Lebensstandard aufrechtzuerhalten und ihren Berufswunsch zu verwirklichen. Zurzeit wird diese Studienform nur für Primarschullehrer angeboten. Die PHSG prüft derzeit, ob sie auch für Kindergarten und Unterstufe angeboten werden kann.