TAGBAU: Tunnel stört beim Kiesabbau

In Degersheim soll der Büelbergtunnel der Südostbahn abgebrochen und gleich daneben neu erstellt werden. Er durchkreuzt die Pläne eines Lichtensteiger Baunternehmers.

Michael Hug
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Der Büelbergtunnel der SOB an der Grenze zu Ausserrhoden soll wegen der Erweiterung des Kiesabbaus neu gebaut werden (Bild: Urs Bucher)

Der Büelbergtunnel der SOB an der Grenze zu Ausserrhoden soll wegen der Erweiterung des Kiesabbaus neu gebaut werden (Bild: Urs Bucher)

Michael Hug

ostschweiz@tagblatt.ch

Etwas über 100 Jahre alt ist der Büelbergtunnel der Südostbahn (SOB) unweit des Bahnhofs Degersheim. Kein besonders aufsehenerregendes Bauwerk, 367 lang, einer von sechs Tunnels auf der Strecke der ehemaligen Bodensee-Toggenburgbahn zwischen Herisau und Wattwil. Spektakulärer ist da der auf der Ostseit­­e anschliessende Wiss­bach-Viadukt mit seinen 63 Metern Höhe, der das Bahntrassee übergangslos in den Tunnel führt. Der Tunnel führt seit 1910 durch den «Büelberg» im Osten der Gemeinde Degersheim, direkt an der Grenze zum Kanton Appenzell Ausserrhoden.

Ablagerungen des Rheingletschers

Der Tunnel durchkreuzt nicht nur die Landschaft, sondern auch die Abbaupläne des Lichtensteiger Kiesunternehmens Grob Kies AG. Seit 46 Jahren baut das Familienunternehmen im Gebiet Tal unterhalb des Büelbergs Kies ab. Die in diesem Gebiet vorhandenen Kiesformationen stammen von Ablagerungen des Rheingletschers, der die Ostschweiz vor rund 24 000 Jahren bedeckte. Nach dem Abschmelzen des Gletschers hinterliess die Eiszunge an vielen Orten Kiesdeponien, die ab dem 20. Jahrhundert industriell abgebaut werden und zum grossen Teil bereits ausgebeutet sind. Heute sei die Kiesdeponie im Tal eine der letzten grossen Abbaustätten der Ostschweiz. Ihr Kiesvorrat reiche noch für etwa 10 bis 15 Jahre, sagt Jacques Grob, Verwaltungsratspräsident der Grob Kies AG.

Im Kiesgeschäft wird langfristig geplant. Jacques Grob beschäftigt sich seit einiger Zeit mit Plänen zur Ausweitung des Abbauperimeters. Am Büelberg, so Grob, liegen unter 21 Hektaren Wald und Wiese 7 Millionen Kubikmeter Kies und Nagelfluhfels. Für die Grob AG, die für rund 10 Prozent des jährlich im Kanton St. Gallen verbauten Betons den Kies liefert, bedeutet dies einen Vorrat für mindestens 40 Jahre. Doch mitten durch das Gelände führt der besagte Tunnel. Nun soll er weg. Die SOB ist offen gegenüber Grobs Plänen. Bis 2020 müsse der Tunnel aufgrund von Vorschriften des Bundesamts für Verkehr ohnehin saniert werden, sagte Jürg Balzan, Projektleiter bei der SOB bei der Vorstellung des Projekts im vergangenen Oktober. Auch dass der Tunnel dereinst ersetzt werden müsse, sei absehbar: «Wir unterstützen darum das Projekt der Grob Kies AG, weil wir dadurch fast gratis zu einem neuen Tunnel kommen.»

2018 mit der Öffnung des Einschnitts beginnen

Der Tunnel gebe nun den Zeitplan vor, sagt Jacques Grob: «Wir müssen mit unserem Projekt jetzt beginnen, um nicht zu riskieren, dass die SOB den Tunnel saniert und er dann ein paar Jahre später doch abgerissen werden muss.» Zurzeit läuft das Bewilligungsverfahren bei der Gemeinde, für das auch ein Gestaltungsplan (Sondernutzungsplan) und ein Umweltverträglichkeitsbericht eingereicht werden musste. Wenn der Zeitplan eingehalten werden kann, sagt Grob, kann 2018 mit der Öffnung des Einschnitts über dem Tunnel begonnen werden. Eine halbe Million Kubikmeter Nagelfluh soll gesprengt, abgebaut und mittels unterirdischem Förderband verschoben werden. Dann wird neben dem alten Tunnel im Tagbau ein neuer erstellt, währenddem der Bahnverkehr weiterhin durch den bestehenden Tunnel rollt. Ab Sommer 2020 sollen die Züge dann in den neuen Tunnel umgeleitet und der alte rückgebaut werden.

Über die zusätzlichen Kosten für den Tunnelneubau und den Kostenverteiler kann Jacques Grob noch nichts sagen, nur soviel: «Die Kosten für den Abbruch sind vernachlässigbar.» Nach dem Abbau werde kein grosses Loch in der Landschaft bleiben, verspricht Grob. Das Gesetz schreibt vor, den ursprünglichen Zustand wiederherzustellen. In den Kiesgruben Tal und dann am Büelberg wird das Gelände nach dem Abbau etappenweise wieder hergestellt, sofern genügend Füllmaterial zur Verfügung stehe. Die nicht mehr benötigten Sektoren der Grube werden daher vorläufig rekultiviert und für die Landwirtschaft wieder zugänglich gemacht. Dabei entstehen auch Pionierstandorte für Tiere und Pflanzen. Grob verweist auf Gelbbauchunken und Uferschwalben, die neue Lebensräume im renaturierten Teil der Kiesgrube Tal gefunden haben.