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SYSTEMWECHSEL: Der Dammbruch nach dem Krieg

An diesem Wochenende vor 100 Jahren wurde der Nationalrat letztmals im Majorzverfahren gewählt. Zwei Jahre später veränderte die Proporz-Initiative auch die politische Landschaft der Ostschweiz.
Silvan Lüchinger
Abstimmungsplakat für die Einführung des Proporz-Wahlrechts. (Bild: GIDF)

Abstimmungsplakat für die Einführung des Proporz-Wahlrechts. (Bild: GIDF)

Silvan Lüchinger

silvan.luechinger

@tagblatt.ch

Am 28. Oktober 1917 gehen die Schweizer Männer an die Wahlurnen. Dem Kanton St. Gallen stehen 15 Nationalratssitze zu. Sieben sind es im Thurgau, drei in Ausser- und einer in Innerrhoden. Exakt die Hälfte dieser 26 Mandate wird von Freisinnigen gehalten. Der Wahlgang mitten im ersten Weltkrieg ändert daran nichts. Treuster Verbündeter der dominierenden Freisinnigen ist das Majorzwahlrecht. Es sichert den Radikal-Liberalen seit der Gründung des Bundesstaates 1848 die Vormacht in der Schweiz und wird entsprechend hartnäckig verteidigt.

Zwei Anläufe für einen Wechsel zum gerechteren Proporzsystem waren damals bereits gescheitert. 1900 unterlagen Linke und Katholisch-Konservative ein erstes Mal. Sie hatten nebst der Einführung des Proporz-Wahlrechts auch die Volkswahl des Bundesrates verlangt. 1910 erreichte eine zweite Proporz-Initiative zwar das Ständemehr, schaffte aber das Volksmehr nicht. Nur noch 52,5 Prozent Nein-Stimmen deuteten aber an, dass der Systemwechsel eine Frage der Zeit war.

St. Gallen und Thurgau als Spiegelbild der Schweiz

Auf nationaler Ebene verlieren die Freisinnigen in den Wahlen 1917 neun Sitze. Mit 103 von 189 Sitzen halten sie aber noch immer die absolute Mehrheit im Nationalrat. Im Kanton St. Gallen ändert sich an der Sitzverteilung nichts. Der Freisinn holt sieben, die Katholische Volkspartei sechs Mandate. Zwei gehen an die sozialpolitische Gruppe Demokratische Linke (DL). Die St. Galler Sozialdemokraten sind in Bern nicht vertreten, ebenso wenig die Thurgauer SP. Den einzigen Ostschweizer SP-Vertreter stellt mit «Weberpfarrer» Howard Eugster Appenzell Ausserrhoden.

Nachdem das Parlament die Abstimmung über die dritte Proporz-Initiative jahrelang hinausgezögert hat, kommt sie im Herbst 1918 dann doch vors Volk. Diesmal stimmt es mit einem Zweidrittelmehr zu. Nur noch drei Kantone sagen Nein: Nebst der Waadt der Thurgau und Appenzell Innerrhoden. Bereits im Jahr darauf wird der Nationalrat neu bestellt. Das Wahlergebnis gibt der politischen Landschaft der Schweiz ein neues Gesicht.

Der Freisinn bleibt zwar die stärkste Partei, verliert aber 43 Sitze und damit die absolute Mehrheit. Grosse Gewinner sind die SP (plus 19 Sitze) und die noch junge Bauern- und Bürgerpartei BB (plus 27). Im Kanton St. Gallen wechseln zwei Sitze von den Freisinnigen zu den Sozialdemokraten. Im Thurgau entreissen die SP und die BB ihnen je einen Sitz. In Ausserrhoden bleiben die Verhältnisse stabil, in Innerrhoden bleibt der einzige Sitz wie bis heute bei den «Schwarzen». Wie intensiv der Wahlkampf geführt wurde und wie politisiert die Gesellschaft ein Jahr nach dem Generalstreik war, deutet die Wahlbeteiligung an. Fast 81 Prozent der stimmfähigen Männer gingen zur Urne – ein Wert, der seither nie mehr erreicht wurde.

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