Superspreader-Hochzeit in Schwellbrunn – Ausserrhoder Gesundheitsdirektor Balmer: «Im schlimmsten Fall könnte die Gemeinde abgeriegelt werden»

Appenzell Ausserrhoden hat besonders hohe Corona-Zahlen und deshalb am Sonntag strengere Corona-Massnahmen beschlossen. Schuld an diesem Negativrekord ist auch ein Fehlverhalten an einer Hochzeitsfeier, wie es unter anderem an einer Medienorientierung der Regierung heisst.

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Das Brautpaar wusste vom infizierten Gast, informierte den Kanton jedoch nicht.

Das Brautpaar wusste vom infizierten Gast, informierte den Kanton jedoch nicht.

Bild: Keystone

(chs/cal) An einer Medienorientierung der Ausserrhoder Regierung äussert sich Kantonsärztin Franziska Kluschke zur momentanen Coronalage im Kanton:

«Die Lage verschärft sich massiv. Wir haben fünfmal so viele Infektionen pro 100'000 Einwohner wie Deutschland.»

197 Fälle seien in den letzten 7 Tagen im Kanton Ausserrhoden registriert worden, mehrere Personen seien am Virus gestorben.

Gäste mit Corona-Symptomen an Hochzeitsfeier

In Schwellbrunn verzeichne man einen besonders hohen Anstieg an Fällen. Über 1000 Fälle pro 100'000 Einwohner seien dort registriert worden. Ein Fehlverhalten sei laut Gesundheitsdirektor Yves Noël Balmer denn auch in Schwellbrunn festgestellt worden, das zum grossen Anstieg an Fällen führte: «In Schwellbrunn hat eine Hochzeit mit über 200 Gästen stattgefunden. An der Veranstaltung haben mehrere Gäste mit Corona-Symptomen teilgenommen. Abstand- und Hygienemassnahmen wurden nicht eingehalten. Obwohl das Brautpaar davon wusste, hatte es uns nicht kontaktiert.»

Erst zwei Wochen nach der Hochzeit habe man zufälligerweise davon erfahren. Balmer sagt:

«In einen solchen Fall agieren wir mit dem Contact-Tracing im Blindflug.»

Immerhin: Das Brautpaar bedauert den Vorfall zu tiefst und zeigte sich kooperativ, nachdem der Vorsteher des Departements Gesundheit und Soziales mit dem Bräutigam telefonierte. Noch am selben Abend hat der Kanton die Gästeliste erhalten.

Von der Hochzeit ans Oktoberfest

Gewisse Gäste der Hochzeit hätten dann später auch noch am Oktoberfest in einem Schwellbrunner Restaurant und an Vereinsaktivitäten teilgenommen. «Ich bin verärgert und entsetzt über dieses Verhalten», sagt Balmer. Viele Personen hätten von dem Vorfall gewusst, aber es nicht dem Kanton gemeldet.

«Ich habe kein Verständnis, wenn ein solches Verhalten uns noch Wochen beschäftigt und uns Nachtschichten beschert.»

Im Rahmen dieser Hochzeitsfeierlichkeit in Schwellbrunn sei unter den Gästen vereinbart worden, sich nicht testen zu lassen, um eine mögliche Quarantäne zu umgehen. Es gebe zudem Hinweise, dass einzelne Arbeitgeber in Schwellbrunn ihre Mitarbeitenden ermuntert hätten, sich nicht zu melden, sagte Balmer vor den Medien. «Ein solches Verhalten lässt mich verärgert und entsetzt zurück.» Einzelne Verzeigungen müssten nun geprüft werden. Balmer sagte:

«Findet diese Verantwortungslosigkeit Nachahmer, bricht unser Gesundheitssystem zusammen.»

Wie viele Personen sich an den beiden Veranstaltungen in Schwellbrunn – der Hochzeitsfeier und dem Oktoberfest – genau infiziert haben, lässt sich nicht beziffern.

Sollten die Fallzahlen in Schwellbrunn aber weiter steigen, sind gemäss Balmer noch drastischere Massnahmen denkbar. Im schlimmsten Fall könnte die Hinterländer Gemeinde gar abgeriegelt werden. «Wir hoffen aber, dass wir die Situation in den Griff bekommen und dies nicht nötig wird», betonte Balmer.

Optimismus schwingt in den Ausführungen des Gesundheitsdirektors denn aber doch noch mit. So sagt er:

«Wenn wir jetzt alle an einem Strang ziehen und uns an die Massnahmen halten, bin ich zuversichtlich, dass wir ein normales Weihnachtsfest feiern können.»

Hospitalisationen verdoppeln sich wöchentlich

Binnen zwei Wochen soll es gemäss Task-Force zur Auslastung der Versorgungskapazität kommen. Der Bund werde Mitte Woche Massnahmen treffen. «Wir müssen aber jetzt Massnahmen treffen, damit es nicht so weit kommt», sagt die Kantonsärztin.

«Mit den Fallzahlen steigen auch die Hospitalisationen», erläutert Kluschke weiter an der Medienorientierung. Diese würden sich aktuell wöchentlich verdoppeln. «Wir haben aktuell 60 Spitalbetten, diese können aber auf 162 ausgebaut werden. Es gibt sechs Intensivpflegeplätze, aber nur drei haben Beatmungsgeräte.» Danach müssten Patienten ins Kantonsspital St.Gallen verlegt werden, sagt Balmer zur Spitalsituation. Im Kanton St.Gallen gebe es 55 betreute Intensivbetten, 46 der Betten hätten Beatmungsmöglichkeiten.

«Nicht nur die Hospitalisierungen stellen ein grosses Problem dar, sondern auch das Contact Tracing.» Die Belastungsgrenze sei überschritten, der Ablauf müsse angepasst werden.

«Viele Ketten sind nicht mehr eindeutig rückverfolgbar.»

Entscheidend sei jetzt die Mithilfe der Bevölkerung. Patienten seien aufgefordert, sich in Selbstisolation zu begeben bis zum Erhalt des Testresultats und alle engen Kontakte der letzten 48 Stunden vor Auftreten der Symptome zu informieren.

Balmer führt weiter aus, dass Ende letzte Woche in Ausserrhoden die zweithöchste Alarmstufe erreicht worden sei. «Wir konnten nicht zuwarten bis der Bund am Mittwoch neue Massnahmen beschliesst. Deshalb haben wir uns am Samstag zu einer ausserordentlichen Sitzung getroffen. Die Massnahmen werden erst in 10 bis 14 Tagen bemerkbar sein. Wir hatten keine Zeit später zu handeln.»

Man habe jetzt in Ausserrhoden Massnahmen getroffen, die voraussichtlich auch der Bundesrat am Mittwoch beschliessen werde, so Kantonsärztin Kluschke. «Nur haben wir sie drei bis vier Tage früher getroffen. Das verschafft uns einen Vorsprung.»

Die verschärften Massnahmen

- Im privaten Rahmen ist ein Treffen mit nur noch maximal 15 Personen möglich.

- Chor- und Gesangsproben sind nicht mehr erlaubt.

- In Büros gilt eine Maskenpflicht.

- Die Maskentragepflicht gilt neu auch an Märkten.

- Bars und Clubs sind geschlossen.

- Veranstaltungen mit mehr als 50 Personen sind verboten.