SULGEN: Schlitteln auf Thurgauer Eschen

Wenn es schneit, herrscht bei Erwin Dreier Hochbetrieb. Der Schreinermeister baut in seiner Firma 3R in Sulgen Schlitten – neuerdings auch solche, die ein Architekt entworfen hat.

Urs Oskar Keller
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Inhaber Erwin Dreier (links) und Architekt Guido Kummer zeigen einen der Weissensteiner-Schlitten des Unternehmens 3R in Sulgen. (Bild: Urs Oskar Keller)

Inhaber Erwin Dreier (links) und Architekt Guido Kummer zeigen einen der Weissensteiner-Schlitten des Unternehmens 3R in Sulgen. (Bild: Urs Oskar Keller)

Erwin Dreier liebt den Winter. Aus einem einfachen Grund: Kommt der Schnee, läuft das Geschäft. Der Wagner und Schreinermeister baut Holzschlitten. «Wenn es schneit, will jeder alles sofort haben», sagt Dreier. Er verwendet für seine Schlitten nur Eschenholz aus der Umgebung. «Esche ist besonders elastisch und bricht nicht so leicht.» Die Bäume sucht er selbst mit den Waldbesitzern und Förstern aus, sobald sie gefällt sind. Nach dem Sägen werden sie ein bis zwei Jahre lang getrocknet, bevor Dreier in der traditionsreichen Manufaktur Hand anlegt.

Holzbiegereien und Schlittenhersteller gibt es in der Schweiz nur noch wenige. Die 3R AG gehört dazu. Dreier hatte die Thurgauer Wagnerei und Biegerei Graf Holzwaren AG in Sulgen im vergangenen Jahr in «3R» umbenannt. Seit 1930 baut sie Holzschlitten. Und seit kurzem auch solche, die der Solothurner Architekt Guido Kummer entworfen hat: die «Weissensteiner-Schlitten».

Der 60-jährige Kummer hat die Statik eines traditionellen Davoser-Schlittens neu durchdacht und eine eigene Lösung gefunden. Kummer übernahm das charakteristische Element seiner vielgelobten Bauten am Berg: die Holzbögen. Der Architekt hat 2014 für die Seilbahn Weissenstein AG (Swag) unter anderem die Mittel-, Berg und Talstation der neuen Gondelbahn auf den Weissenstein gebaut. Wie bei den drei Gondelbahnstationen finden sich diese auch am neuen Schlitten. Dank ihnen komme der Weissensteiner-Schlitten ohne Eisenverstrebungen aus, sagt Dreier. «Bei Kummers Holzschlitten sind die Schienen oder Kufen unten und der Rahmen oben durch ineinandergreifende Holzbögen verbunden. Die Muttern sind unsichtbar ins Holz geschraubt.» Unten auf den Kufen stehen zwei Bogenpaare, in die oben ein weiterer Bogen eingelassen und eingeklemmt ist. Der obere Bogen stützt sich auf dem unteren ab.

Das neue Modell sei bequemer als das alte

Die ersten 60 Stück gibt es nun – in einer langen und einer kurzen Version und in limitierter Auflage – ab 425 Franken zu kaufen. Die Herstellung ist Handarbeit. Nur schon deshalb sei eine Massenproduktion nicht angedacht.

Anders als beim Prototyp von 2015 ist die Sitzfläche des Weissensteiner Schlittens neu 38 Zentimeter breit. «Dadurch ist der Schlitten bequemer, sicherer und standfester», sagt Kummer. Das Eschenholz und die Sitzlatten, welche frei schwingend über Gurte mit dem Rahmen verbunden sind, ergeben eine Federwirkung, die harte Schläge für den Schlittenfahrer abfängt. «Der Weissensteiner ist kein harter Bock», sagt Kummer. Er sei auch angenehmer und elastischer zu lenken als ein traditioneller Schlitten, sagt Dreier. «Tempo 50 ist beim rund sechs Kilo leichten Schlitten allemal drin.»

Auf die Holzkufen werden mit Laser zugeschnittene Eisenschienen montiert. «Für den Weissensteiner haben wir – wie bei einem Sportrodel – einen nach innen verbreiterten, 24 Millimeter breiten Gleitstahl für eine bessere Lauffläche verwendet», sagt Dreier. Damit werde das Holz weniger abgenutzt. Die zwei Schienen sind wie Ski geschliffen und behandelt. «Die müssen allerdings gepflegt und regelmässig gewachst werden – sonst droht Rost.»

Das besondere Verhältnis zur Zahl elf

Elf Schlitten zählte die Vorserie des Weissenstein-Schlittens von 2015. Nicht ohne Grund: Kummer kommt aus Solothurn, und die Barockstadt hat ein besonderes Verhältnis zur Zahl elf: Solothurn wird als elfter Stand der Eidgenossenschaft in der Auflistung der Kantone aufgeführt. Elf Kirchen und Kapellen, elf Brunnen und elf Türme gehören zum Stadtbild. Der Prototyp der Elfer-Vorserie steht noch im Büro von 3R-Inhaber Dreier.