Subventionen
Volle Plastikwindeln heizen gut: Auch darum will der St.Galler Stadtrat auf die Förderung von Mehrwegwindeln verzichten

Stadtparlamentarier Daniel Bosshard (Grüne) will Abfall vermeiden und junge Eltern finanziell entlasten. Aus diesem Grund hat er ein Postulat eingereicht, mit dem er die Förderung von Mehrwegwindeln anstrebt. Die Stadtregierung ist der Meinung: Das braucht es nicht.

Daniel Wirth
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Laut einer Schätzung der Mitarbeiter des Kehrichtheizkraftwerks (KHK) werden in der Stadt jährlich 800 Tonnen Windelabfall produziert.

Laut einer Schätzung der Mitarbeiter des Kehrichtheizkraftwerks (KHK) werden in der Stadt jährlich 800 Tonnen Windelabfall produziert.

Marta Paniti/fotolia

Im Kehrichtheizkraftwerk im Sittertobel werden jährlich rund 16'000 Tonnen Siedlungsabfälle angeliefert. Mit einer Menge von rund 800 Tonnen machen Mehrwegwindeln rund fünf Prozent des Hauskehrichts aus. Das schreibt der St.Galler Stadtrat in seiner Antwort auf das Postulat, das vom Grünen Daniel Bosshard eingereicht wurde. Je nach Füllgrad habe eine Plastikwindel einen Heizwert zwischen fünfeinhalb und neun Megajoule pro Kilogramm, rechnet der Stadtrat in der Antwort weiter vor.

Der Heizwert entspricht normalem Hauskehricht

Das entspricht etwa dem Heizwert von Haushaltskehricht. Aus Windeln wird gemäss Stadtrat in St.Gallen Fernwärme oder elektrische Energie produziert. Die Annahme Bosshards und der Mitunterzeichner des Vorstosses, für die Verbrennung von Plastikwindeln werde Energie benötigt, sei daher nicht richtig. Da das KHK über eine moderne Rauchgasreinigungsanlage verfüge, würden keine Stadtstoffe in die Umwelt entweichen. Aber: Bei jeder Verbrennung entstehe Kohlenstoffdioxid. Nach der Verbrennung werde die Schlacke, die bei der Kehrichtverbrennung übrigbleibe, in der Deponie Tüfentobel deponiert.

Daniel Bosshard politisiert für die Grünen im St.Galler Stadtparlament.

Daniel Bosshard politisiert für die Grünen im St.Galler Stadtparlament.

Christian Widmer

Der Stadtrat hat für seine Antwort auf den Windelvorstoss Bosshards eine internationale Studie herbeigezogen, welche auf die Ökobilanz von Einweg- und Mehrwegwindeln eingeht. Die Umweltbilanz sei stark abhängig vom geografischen Kontext. Je professioneller die Entsorgungsinfrastruktur vor Ort aufgestellt sei, desto geringer ist die Umweltwirkung bei der Wahl zwischen Einwegplastikwindeln und Mehrwegstoffwindeln, schreibt der Stadtrat. Einwegwindeln seien in der Produktion energieintensiv. Bei der professionellen Verbrennung könne aber ein Teil der Energie wieder zurückgewonnen werden. Bei den Mehrwegwindeln schlage dagegen der Energieverbrauch beim Waschen und Trocknen zu Buche. Unter Schweizer und damit unter St.Galler Verhältnissen nehme sich die Differenz relativ bescheiden aus. Die Vorteile von Mehrwegwindeln aus Stoff, die Bosshard subventioniert haben will, würden überwiegen, wenn die Wäschepflege energieoptimiert erfolge.

Stadtrat zeigt Alternative auf: Windelfrei trocken werden

Der Stadtrat hat sich intensiv mit der Materie auseinandergesetzt. In seiner Antwort widmet er denn auch einen ganzen Abschnitt der Möglichkeit ökologischer Alternativen zu Plastik- und Mehrwegwindeln. Er tut dies unter dem Titel «Windelfrei – ein anderer Weg zum Trockenwerden». Das heisst: Eltern wickeln ihr Baby nur noch zum Schlafen, für unterwegs, für die Kita, oder wenn es krank ist. Ansonsten wird auf die Körpersprache des Neugeborenen geachtet. Sie signalisierten mit Lauten, Zappeln oder Unruhe, dass sie «mal müssten». Abgehalten werde über der Toilette oder über dem Lavabo. Mit der Zeit würden sich die Abstände reduzieren.

Im Kehrichtheizkraftwerk im Sittertobel werden die vollen Plastikwindeln bei 1000 Grad Celsius verbrannt. Fallen Windelsäcke auf den Verbrennungsrost, verdunstet die Flüssigkeit praktisch sofort.

Im Kehrichtheizkraftwerk im Sittertobel werden die vollen Plastikwindeln bei 1000 Grad Celsius verbrannt. Fallen Windelsäcke auf den Verbrennungsrost, verdunstet die Flüssigkeit praktisch sofort.

Benjamin Manser

Wer sich für Stoffwindeln entscheide, benötige rund 20 bis 30 Stück pro Baby, schreibt der Stadtrat in seiner ausführlichen Antwort. Das löse eine Erstinvestition von 300 bis 750 Franken aus. Das sei für Eltern mit niedrigem Einkommen eine Belastung. Im Vergleich zu den Kosten von Wegwerfwindeln über die gesamte Wickelzeit eines Kindes nehme sich der Betrag jedoch bescheiden aus. Für junge Eltern, die nicht sicher seien, welches Windelsystem sie einsetzen wollten, gebe es Miet- und Testpakete für Stoffwindeln. Wer sich für Stoffwindeln entscheide, könne viel Geld sparen, auch ohne Förderung: So lautet das Fazit des Stadtrates. Er beantragt dem Stadtparlament an seiner nächsten Sitzung am 24. August, das Postulat Daniel Bosshards nicht für erheblich zu erklären.

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