Sturzis Reise des Lebens

Urs Sturzenegger ist mit seinem Motorrad auf Weltreise. Nachdem er in Istanbul bestohlen worden war, musste er in die Schweiz zurückfliegen, um einen neuen Führerschein zu erhalten – «ein Bürokratiewahnsinn», ärgert sich der St. Galler.

Aline Bavier
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Urs Sturzenegger befindet sich derzeit mit seiner Yamaha auf Weltreise, auf der er Australien erreichen will. (Bild: Urs Sturzenegger)

Urs Sturzenegger befindet sich derzeit mit seiner Yamaha auf Weltreise, auf der er Australien erreichen will. (Bild: Urs Sturzenegger)

Es geschah in Istanbul: Der St. Galler Urs Sturzenegger wurde Opfer eines Überfalls. Ein Mann kletterte die Fassade seines Hotels bis in sein Zimmer im zweiten Stock hoch. «Glücklicherweise zeigte der Mann weniger Interesse an meiner Person als an meinen Habseligkeiten», sagt Sturzenegger. Kurz darauf meldete er den Vorfall an der Hotellobby. Dort hatte man den Einbruch bereits bemerkt. Auf dem Überwachungsvideo war eine ganze Gruppe Männer zu erkennen. Insgesamt stahlen sie ihm 800 Euro, 500 Dollar und 250 Franken. Ausserdem wurden ihm sämtliche Kredit- und Bankkarten gestohlen sowie auch der Führer- und der Fahrzeugausweis. Ein grosser Rückschlag für den 54-Jährigen, der sich derzeit mit seinem Motorrad auf Weltreise befindet – mit dem Fernziel Australien.

Neuer Führerschein

Weil der St. Galler ein Jahr lang unterwegs sein will, hat er sich in der Schweiz abgemeldet. Nachdem er in Istanbul beraubt worden war, musste er schnellstmöglich wieder zu einem Führerschein kommen, um seine Reise fortsetzen zu können. «Ich rief zuerst das Strassenverkehrsamt in St. Gallen an, um einem Mitarbeiter meine unmögliche Situation darzulegen», sagt der Reisende.

Aber die Behörde blieb stur. Es sei nicht möglich, einen Führerschein zu erhalten, wenn man in der Schweiz nicht angemeldet sei. «Der Mitarbeiter riet, ich solle doch auf der Schweizer Botschaft in Istanbul versuchen, einen türkischen Führerschein zu beantragen», sagt Sturzenegger. Laut Auskunft des Strassenverkehrsamts muss eine Person, wenn sie ihren Führerschein verloren hat, persönlich vorbeikommen, um einen neuen zu erhalten. Dies gehe auch ohne eine Anzeige bei der Polizei im In- oder Ausland. Sturzenegger beugte sich der schweizerischen Bürokratie und flog notgedrungen in die Schweiz zurück. Ohne einen Führerschein wäre es für ihn unmöglich gewesen, seine Reise fortzusetzen.

Dass das gleiche Amt auch unbürokratisch vorgehen kann, zeigte sich, als man ihm rasch eine Anmeldebestätigung schrieb, obwohl Sturzenegger noch gar nicht in der Schweiz angemeldet war. «Tatsächlich klappte dann alles so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Gleichwohl rege ich mich nach wie vor über den Bürokratiewahn des Strassenverkehrsamtes auf», sagt der ehemalige Lehrer.

Nach 16 Jahren als Heilpädagoge an der Primarschule Oberbüren wollte der St. Galler ein Abenteuer erleben. Schon 2014 war der 54-Jährige mit seiner alten Kawasaki vier Wochen im Osten Europas unterwegs gewesen. Urs Sturzenegger hatte seine Reise aber mehrmals unterbrochen, weil zu Hause Verpflichtungen auf ihn warteten.

Treues Gefährt

Die Idee einer Weltreise liess ihn nicht mehr los. «Es brauchte aber einiges an Mut, meinen geliebten Job auch wirklich zu kündigen und mich an die Planung dieses Abenteuers zu wagen», schreibt der 54-Jährige in seinem Blog «Sturzis trip of a lifetime». Für den ehemaligen Lehrer war klar, dass er mit dem Motorrad reisen wollte. «Die Vorteile der absoluten Freiheit sind einfach zu gross», sagt der St. Galler. «Ich kündigte also per 31. Januar 2015 mit dem Wunsch, mindestens bis zu den Frühlingsferien meinen Job weiterhin behalten zu können», sagt Sturzenegger.

Schon im Januar hat sich Sturzenegger seine Reisebegleiterin gekauft, eine Yamaha Ténéré 660. Vor seiner Weltreise besuchte er einen Mechaniker-Crashkurs und lernte dabei, einfache Teile zu reparieren. Zumindest könne er jetzt Reifen wechseln und die Kette seiner Yamaha nachziehen.

Im Moment befindet sich der 54-Jährige in Armenien. Wann und ob er wieder in die Schweiz zurückkehren will, lässt er offen. Denn trotz «miefiger Grossstädte und den beschwerlichen Reiseetappen» bleibt bei Sturzenegger nach all dieser Zeit in der Ferne vor allem eine Erkenntnis: «Die Welt ist schön.»