Strommast wurde ihr zum Verhängnis: Deshalb ist ein seltenes Waldrapp-Weibchen auf dem Rückflug in die Ostschweiz gestorben

Auf ihrem Weg von Italien in die Ostschweiz ist Sonic durch einen Stromschlag an einem Strommasten getötet worden. Nun verlangen Waldrapp-Freunde die vogeltaugliche Sanierung der antiquierten Schweizer Mittelstrommasten.

Margrith Widmer
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Waldrapp Sonic hatte einen Sender auf dem Rücken.

Waldrapp Sonic hatte einen Sender auf dem Rücken.

Bild: PD

Sonic wurde 2017 als Küken einer Zookolonie entnommen, von menschlichen Zieheltern aufgezogen und mit 30 Artgenossen im Herbst darauf trainiert, einem Ultraleichtflugzeug von Überlingen aus bis in die südliche Toskana zu folgen. Nun ist sie bei ihrer jüngsten Reise am 19. April durch einen Stromschlag getötet worden – an einem Strommasten in der Gemeinde Lohn im Kanton Graubünbden. «Sonic ist am 16. April in der Nähe von Pisa gestartet und über den Splügenpass dem Hinterrhein entlang im Schams eingetroffen», sagt Hanspeter Grünenfelder von der Grovni Foundation.

«Offenbar war sie im Anflug auf die ‹Heimat› am Bodensee. So bedauerlich, ausgerechnet Sonic, von der wir uns so viel erhofften.»

Das Waldrappteam sei auf den östlichen Zugrouten zusammen mit Elektrizitätswerken daran, die nicht isolierten Strommasten zu entschärfen. «Wie die böse Erfahrung nun zeigt, wird dies auch in der Schweiz nötig sein,» so Grünenfelder. Er habe das Waldrapp-Weibchen, das eine Frau am 19. April auf 1563 m.ü.M. bei Lohn gefunden habe, nur noch tot in Empfang nehmen können, sagte der zuständige Wildhüter. Die Frau habe beobachtet, wie der Waldrapp abstürzte und tot liegen blieb.

Sonic gehörte zum Wiederansiedlungsprojekt

Sonic gehörte zum europäischen Wiederansiedlungsprojekt LIFE Reason for Hope, das 2014 auf der Basis einer zwölfjährigen Machbarkeitsstudie begonnen wurde. Die Gründung einer migrierenden europäischen Population soll zur Erhaltung dieser weltweit vom Aussterben bedrohten Art beitragen. Das Projekt wird von acht Partnern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz durchgeführt.

Viel von den Pioniervögeln erhofft

Das sei nun «wirklich die traurigste und schlechteste Nachricht, die ich mir vorstellen kann», sagt ein Waldrapp-Freund: «Wir alle haben uns viel erhofft von diesen Pioniervögeln, die von sich aus das künftige Brutgebiet frühzeitig erkunden.»

Es sei dringend nötig, die antiquierten Mittelstrommasten in der Schweiz vogeltauglich zu sanieren. Der Bundesrat habe kürzlich einen entsprechenden Vorschlag unter dem Stichwort Biodiversität und Schutz unter anderen von Uhu und Storch in die Vernehmlassung gegeben. Letztlich seien alle grossen Vögel mit einer entsprechenden Flügelspannweite betroffen. Das Beispiel der mit grossem Aufwand aufgezogenen und mit einem Sender ausgestatteten Sonic zeige, wie nötig das sei.

Der Waldrapp ist eine vom Aussterben bedrohte Vogelart.

Der Waldrapp ist eine vom Aussterben bedrohte Vogelart.

Bild: PD

Sonic kam von der Toskana zurück zum Bodensee

2019 habe Sonic die Schweiz entzückt, als sie im Sommer das Mittelland und das Voralpengebiet bei Domat-Ems und Bad Ragaz, aber besonders auch den Bodenseeraum, erkundete, wo sie im Wiederansiedlungszentrum Überlingen des Waldrappteams aufgewachsen war, so Grünenfelder: «Sie war der erste Überlinger Waldrapp, der nach dem Winterquartier in der Toskana wieder zurückkehrte. Auch dieses Jahr war Sonic wieder im Anflug.»

Vom Aussterben bedrohte Vogelart

Sie waren Opfer extremer Überjagung und gehören zu den weltweit am stärksten bedrohten Vogelarten: Als das Waldrapp-Weibchen Sonic nach Bad Ragaz, an einen der historischen Brutstandorte zurückkehrte, war die Freude gross.

Waldrappe sind gänsegrossen Vögel mit pechschwarzen Gefieder und rotem Schnabel. Bis ins Mittelalter waren sie eine verbreitete Zugvogelart in Europa. Zu den bekannten einstigen Brutkoloniestandorten zählten unter anderem die Molassewände entlang des Bodensseeufers bei Überlingen, in Baden-Württemberg und die Felswände bei Bad Ragaz (SG).