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Streit um Grabungsdokumente: Kanton St.Gallen erleidet Niederlage vor Gericht und gibt klein bei

Der Kanton St.Gallen will die originalen Dokumentationen der Kathedralgrabungen der 1960er-Jahre im Unesco-Weltkulturerbe Stiftsbezirk St.Gallen sichern. Das Aargauer Obergericht hat die Herausgabe der Grabungsdokumentation an den Kanton nun abgelehnt.

(pd/dwa) Der emeritierte Archäologieprofessor Hans Rudolf Sennhauser muss dem Kanton St.Gallen seine Original-Dokumentationen – Tagebücher, Pläne, Skizzen und Fotos – zu den Ausgrabungen der Jahre 1963 bis 1967 in der Kathedrale St.Gallen nicht übergeben. Dies hat das Aargauer Obergericht entschieden, wie aus einer Medienmitteilung der St.Galler Staatskanzlei hervorgeht.

Das Amt für Kultur hatte in den vergangenen Jahren eine Sicherung der Funde und Dokumentationen sowie eine Klärung der Eigentumsverhältnisse angestrebt. Gesichert werden konnten dank des juristischen Prozesses immerhin die Funde sowie die Digitalisate eines Grossteils der Grabungsdokumentation. «Die wichtigsten Elemente der Kathedralgrabungen der 1960er Jahre sind damit inzwischen wieder in St.Gallen», schreibt der Kanton.

Die originalen Grabungsdokumentationen jedoch, die weiteren Aufschluss über einzelne Aspekte des Weltkulturerbes Stiftsbezirk St.Gallen geben könnten, verbleiben in Zurzach.

Ein Bild der Grabungen in den 60er-Jahren. (Bild: pd)

Ein Bild der Grabungen in den 60er-Jahren. (Bild: pd)

Klage mehrerer Kantone

Das Urteil geht auf eine Klage des Kantons St.Gallen gegen Hans Rudolf Sennhauser und die von ihm 2009 gegründete Stiftung zurück. In den Jahren 1963 bis 1967 wurden im Zusammenhang mit der Gesamtrenovation der Kathedrale St.Gallen auch archäologische Ausgrabungen durchgeführt, die vom Katholischen Konfessionsteil, dem Bund und dem Kanton St.Gallen finanziert wurden.

Die bedeutenden Grabungsfunde aus dem heutigen Unesco-Weltkulturerbe Stiftsbezirk St.Gallen sollten vom damaligen Bundesexperten und ausgewiesenen Kirchenarchäologen Hans Rudolf Sennhauser ausgewertet werden. Der Kanton St.Gallen schreibt:

«Diese Arbeiten zogen sich jedoch über Jahrzehnte hin, ohne dass bis heute ein Gesamtergebnis vorliegt.»

Im Jahr 2009 gründete Hans Rudolf Sennhauser gemäss der Mitteilung die «Stiftung für Forschung in Spätantike und Mittelalter - HR. Sennhauser» und brachte darin die zahlreichen in Bad Zurzach lagernden Grabungsdokumentationen aus verschiedenen Kantonen als Stiftungsgut ein, darunter auch die Dokumentation der St.Galler Kathedrale.

Da die betroffenen Kantone die Dokumentationen als öffentliches Eigentum betrachten, gründeten sie eine Task Force, wie die St.Galler Staatskanzlei schreibt. Verhandlungen um die Rückgabe der Dokumentationen führten zu keinem Erfolg. Deshalb schlugen die Kantone Basel-Stadt, Luzern und St.Gallen im Jahr 2013 den Gerichtsweg ein. Basel-Stadt erzielte 2015 einen Erfolg und erhielt die Grabungsdokumentationen des Basler Münsters zurück.

Drei Tonnen Fundmaterial zurück in St.Gallen

Die Verhandlung zu den St.Galler Grabungsfunden und -dokumentationen vor dem Friedensrichter in Bad Zurzach brachte im Sommer 2013 zwar keine umfassende Einigung, doch einen ersten Teilerfolg für das Amt für Kultur des Kantons St.Gallen. «Die Kantonsarchäologie konnte die in Bad Zurzach in den Räumlichkeiten der Stiftung gelagerten archäologischen Funde nach St.Gallen zurückholen und sichern. Es handelt sich um rund drei Tonnen Fundmaterial», heisst es im Communiqué.

Obergericht urteilt anders als das Bezirksgericht

Im November 2013 reichte der Kanton St.Gallen dann Klage ein. Im Mai 2016 fand die Verhandlung vor dem Bezirksgericht Zurzach statt. Dieses regte die Führung von Vergleichsverhandlungen an, und das Verfahren wurde sistiert. Die bis April 2017 laufenden intensiven Verhandlungen brachten keine Einigung, worauf das Verfahren wieder aufgenommen wurde. Im Oktober 2017 erfolgte die Urteilsverkündung des Bezirksgerichts Zurzach, das dem Kanton St.Gallen weitgehend recht gab, Hans Rudolf Sennhauser zur Rechenschaftsablage verpflichtete und in einem zweiten Schritt eine Gesetzeslücke feststellte.

Hans Rudolf Sennhauser jedoch zog das Urteil weiter. Das Obergericht des Kantons Aarau entschied in zwei Teilurteilen, dass die Forderungen aus einem allfälligen Auftragsverhältnis inzwischen verjährt seien. Es stellt zudem, anders als das Bezirksgericht, keine Gesetzeslücke fest und verneint, dass die Grabungsdokumentation zwingend zu den Funden zugehörig ist.

Wie der Kanton St.Gallen weiter schreibt, sind die Chancen, bei einem Weiterzug die originalen Grabungsdokumente zurückzuerhalten, gering. «Von einem Weiterzug an das Bundesgericht wird deshalb abgesehen.»

Dia-Kopie der Grabung aus den 1960er-Jahren: Otmar-Krypta im westlichen Teil der Kathedrale. (Bild: pd)

Dia-Kopie der Grabung aus den 1960er-Jahren: Otmar-Krypta im westlichen Teil der Kathedrale. (Bild: pd)

Dokumentation als Teil des Weltkulturerbes

«Die Dokumentationen der Ausgrabungen der Jahre 1963 bis 1967 sind von grosser Bedeutung für das Verständnis, die Bewahrung und die Erforschung des Weltkulturerbes Stiftsbezirk St.Gallen», heisst es im Communiqué des Kantons weiter. Die Dokumentation sei für die Interpretation und Einordnung der bedeutenden Funde relevant.

Das Amt für Kultur beziehungsweise die Kantonsarchäologie strebten deshalb an, dieses Kulturgut auch für künftige Generationen zu erhalten und zu sichern. Abschliessend schreibt der Kanton:

«Nun muss die Kantonsarchäologie mit den Digitalisaten, die nicht die ganze Dokumentation abdecken, vorliebnehmen.»

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