Streit um Fahnen- und Choreoverbot – Dachverband: «Zurück auf Feld 1» +++ FCSG: «Hüppi muss niemandem mehr beweisen, dass sein Herz grün-weiss schlägt»

Keine Fahnen, keine Choreos, keine Anfeuerungen vom harten Kern der Anhänger: Der FC St.Gallen hat trotz des 4:0 gegen Thun ein spezielles Heimspiel hinter sich. Dabei gab es auch Missstimmung zwischen einzelnen Zuschauergruppen. Was die Stadtpolizei, der FCSG und der Dachverband 1879 zu den jüngsten Entwicklungen sagen.

Valentina Thurnherr
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St.Gallen-Präsident Matthias Hüppi hofft, dass die Anhänger den FCSG gegen Basel zahlreich unterstützen werden – und lautstark. (Bilder: Keystone/Benjamin Manser)

St.Gallen-Präsident Matthias Hüppi hofft, dass die Anhänger den FCSG gegen Basel zahlreich unterstützen werden – und lautstark. (Bilder: Keystone/Benjamin Manser)

Nach dem massiven Pyro-Einsatz beim Spiel zwischen dem FC St.Gallen und Servette am 21. September auferlegte die Stadtpolizei den Ostschweizern neue Sicherheitsmassnahmen. Diese beinhalteten einerseits verstärktes Sicherheitspersonal bei Heimspielen und andererseits ein Doppelhalter-, Fahnen, und Choreo-Verbot im Sektor D für das Meisterschaftsspiel gegen den FC Thun am vergangenen Samstag.

So spektakulär der 4:O Sieg gegen Thun auch war, so speziell war die Stimmung im Kybunpark. Ein Teil der Fans im Espenblock reagierte auf die Einschränkungen mit einem Stimmungsboykott. Zumindest aber an das Fahnen- und Choreo-Verbot hielten sich alle, und Pyros wurden ebenfalls keine gezündet.

Roman Kohler, Sprecher Stadtpolizei St.Gallen. (Bild: pd)

Roman Kohler, Sprecher Stadtpolizei St.Gallen. (Bild: pd)

Aus diesem Grund hebt die Stadtpolizei das Choreo- und Fahnenverbot für das kommende Heimspiel am Sonntag, 6. Oktober, gegen den FC Basel auf. «Wir haben von Anfang an kommuniziert, dass diese Auflage nur für ein Spiel gilt, sofern sich alle daran halten», sagt Roman Kohler, Mediensprecher der Stadtpolizei St.Gallen. Man behalte sich jedoch vor, bei erneuten Verfehlungen wieder Auflagen in diese Richtung zu machen.

Die zweite Auflage, welche die Verstärkung des Sicherheitspersonals beinhaltet, bleibe aber bestehen. «Das betrifft die Besucher allerdings nicht direkt, da die Vorkehrungen so getroffen werden, dass sie diese gar nicht bemerken sollten.»

Ermittlungen der Polizei laufen noch

Zu den pyrotechnischen Gegenständen, die während der Partie gegen Servette bis auf die Zürcher Strasse, die Autobahn und zu einem Gebäude beim Gründenmoos gelangten, kann Kohler mittlerweile etwas genauer Auskunft geben.

«Wir wissen definitiv, dass diese Gegenstände von ausserhalb des Stadions abgefeuert wurden. Und so weit, wie sie geflogen sind, wurden sie nicht von Hand geworfen.»

Dass die Pyros von der Stadionfassade abprallten sowie auf der Autobahn landeten, sei sehr gefährlich gewesen. «Ein Glück, ist nichts Schlimmeres passiert», sagt Kohler. Bei den Ermittlungen wird nun mit Unterstützung der Kantonspolizei unter anderem abgeklärt, um welche pyrotechnischen Gegenstände es sich konkret handelte.

«Es war das erste Mal, dass während eines Spiels in der Nähe des Stadions pyrotechnische Gegenstände abgefeuert wurden. Für zukünftige Einsätze müssen wir diese Erkenntnis nun berücksichtigen», sagt Roman Kohler weiter. Bezüglich der Personen, welche die Gegenstände im Umfeld des Stadions gezündet haben, laufen die Abklärungen nach wie vor. Diese würden einige Zeit in Anspruch nehmen. «Wir haben aktuell auch noch keine Hinweise, dass es sich bei den Unbekannten um Personen handeln könnte, die mit einem Stadionverbot belegt sind», sagt Kohler auf eine entsprechende Frage.

Dachverband: FCSG soll sich gegen Kollektivstrafen aussprechen

«Zurück auf Feld 1»: Das schreibt der Dachverband 1879, die Dachorganisation der Fans des FCSG, in einer Stellungnahme auf seiner Website. Zum massiven Pyro-Einsatz gegen Servette schreibt die Organisation:

«Wir als Dachverband waren und sind in der Pyrofrage neutral eingestellt, können jedoch die Einschätzung des Vereins und der Polizei, dass beim Spiel gegen Servette Genf die Menge an Pyrotechnik das ertragbare Level deutlich überschritten hat, nachvollziehen.»

Die von der Stadtpolizei verhängten Massnahmen für das Thun-Spiel stellen in den Augen des Dachverbandes jedoch eine Kollektivstrafe dar. Der Dachverband werde sich jederzeit gegen Kollektivstrafen aussprechen, da diese nicht zielführend seien und den Dialog zwischen den Parteien verunmöglichten, heisst es in der Mitteilung. Der Dachverband fordert die Stadtpolizei deshalb auf, in Zukunft auf Kollektivstrafen zu verzichten.

«Vom FC St.Gallen fordern wir, sich jederzeit gegen Kollektivstrafen auszusprechen und entsprechende Massnahmen konsequent abzulehnen. Nur so wird es uns gemeinsam im Dialog möglich sein, Ereignisse und Probleme im Interesse aller Beteiligten angehen zu können.»

Man stehe nun wieder auf Feld 1, so der Dachverband weiter. Der Dialog mit dem Verein und die Arbeit dahinter sollen gemäss der Mitteilung in den nächsten Tagen intensiviert werden. «Wir hoffen, dass wir gemeinsam mit dem FC St.Gallen bald mit den erfreulichen Resultaten der ersten Mannschaft mithalten können.»

Der Club zog eine logische Konsequenz

An den Verantwortlichen des FC St.Gallen ist die Reaktion der Fans am vergangenen Samstag im Stadion nicht spurlos vorbeigegangen. «Es war schon ungewohnt ohne die übliche Unterstützung», sagt Daniel Last, Mediensprecher des FC St.Gallen. Auch die Mannschaft habe das gespürt.

Daniel Last, Mediensprecher FC St.Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Daniel Last, Mediensprecher FC St.Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

«Im Spielverlauf hat sich dann aber eine Eigendynamik entwickelt, und es entstand eine gute Stimmung.» Zu dieser Dynamik kam allerdings Missstimmung zwischen einzelnen Zuschauergruppierungen: So pfiffen Anhänger auf der Gegentribüne den harten Kern im Espenblock aus, als sich dieser nach Abpfiff doch noch dazu durchringen konnte, die Mannschaft für den deutlichen Sieg zu feiern. «Auch das war ein ungewohntes Verhalten», sagt Last dazu. «Wir hoffen, das bleibt eine einmalige Geschichte.» Genauso möchte der Club grundsätzlich auch Kollektivstrafen vermeiden. «Das war und ist nicht unser Ziel. Leider war es nach den massiven Pyro-Einsätzen am 21. September eine logische Konsequenz, die wir aufgrund der Auflage umsetzen mussten.»

Kurz nach dem Spiel brachen die Ultras dann ihr Schweigen, und zwar in schriftlicher Form mit einem Flugblatt. Nebst der Einsicht, dass sie es beim Match gegen Servette mit dem Pyroeinsatz übertrieben hatten, richteten sie auch eine Botschaft an den Präsidenten des FC St.Gallen, Matthias Hüppi:

«Rückgrat und Stärke zeigt sich nicht nur in guten Zeiten, sondern auch, wenn man am kürzeren Hebel sitzt und sich gegen einen scheinbar übermächtigen (Gegen-)Spieler durchsetzen muss. Wir sind nach wie vor dialogbereit und fordern: ‹Zeig mol, dass au du Grüä-Wiis bisch, Matthias!›»
Das Flugblatt aus dem Espenblock.

Das Flugblatt aus dem Espenblock.

«Wir nehmen die Aussagen unserer Fans zur Kenntnis und auch ernst», sagt Daniel Last. «Aber wir sind alle der Meinung, dass Matthias Hüppi niemandem mehr beweisen muss, dass sein Herz grün-weiss schlägt.»

Höhe der Pyro-Busse noch unklar

Am kommenden Sonntag gelte es nun den Baslern Paroli zu bieten, sagt Daniel Last weiter. «Sie sind ein anderes Kaliber, und dazu brauchen wir die Unterstützung der Fans.» Darüber, dass wieder Pyros gezündet werden könnten, macht sich der Club im Moment keine Sorgen. «Hätten wir irgendwelche Bedenken diesbezüglich, würde das nur die Vorbereitung behindern.» Sie seien zudem stets in Kontakt mit den Behörden, dem Dachverband und der Fanarbeit. «Wir hoffen einfach, dass es am Sonntag ein schönes Fussballspiel wird. Je mehr Leute und je mehr Stimmung, desto mehr färbt das auf die Mannschaft ab.»

Zur Höhe der Pyro-Busse nach den Ereignissen im Servette-Heimspiel kann sich Last noch nicht äussern. «Das Verfahren seitens der Swiss Football League ist noch nicht abgeschlossen, das wird noch ein paar Tage dauern.»

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