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STRAFVOLLZUG KANTON ST.GALLEN: Joe Keel: «Gewisse Urteile verstehe ich nicht»

Der langjährige Leiter des Amts für Justizvollzug im Kanton St. Gallen übernimmt am 1. Juli eine neue Stelle. Joe Keel über elektronische Fussfesseln, Sex im Gefängnis und weshalb die Arbeit mit den Tätern der beste Opferschutz ist.
Christoph Zweili, Regula Weik
«Wir haben eine historisch gewachsene zersplitterte Gefängnislandschaft mit vielen kleinen Einheiten.» (Bild: Ralph Ribi)

«Wir haben eine historisch gewachsene zersplitterte Gefängnislandschaft mit vielen kleinen Einheiten.» (Bild: Ralph Ribi)

Christoph Zweili, Regula Weik

ostschweiz@tagblatt.ch

Joe Keel, auf Ihrem Pult landen viele Fälle von Straftätern. Wie nahe gehen Ihnen deren Schicksale?
Wer abstumpft, wird zynisch. Dann muss man aufhören. Natürlich erhält man eine gewisse Routine, wie man mit Straffällen umgeht, ohne sie zu persönlich zu nehmen. Nähe und Distanz sind im Justizvollzug ein ständiges Thema. Man muss zwar eine gewisse Empathie haben und sich interessieren, sich aber auch abgrenzen und die Geschichten nicht allzu nahe an sich heranlassen. Das ist mir immer relativ gut gelungen.

Werden Sie die Frontarbeit in Ihrer neuen Aufgabe als erster hauptamtlicher Sekretär des Ostschweizer Strafvollzugskonkordats vermissen?
Das kann sein. Es wird wohl etwas weniger hektisch zu und her gehen. Ich befasse mich auch gerne wieder einmal vertieft mit einem Thema; das war bei der bisherigen Doppelbelastung kaum mehr möglich.

Die anderen Regionen haben längst professionelle Geschäftsstellen. Das Ostschweizer Konkordat hinkt hintennach.
Wir haben nicht weniger professionell gearbeitet und sind qualitativ nicht abgefallen. Wir haben in gut ostschweizerischer Manier einfach auf kleinerer Flamme gekocht. Was die Umsetzung des Strafvollzugs angeht, ist das Ostschweizer Konkordat gut unterwegs.

Welcher Kanton ist am innova­tivsten?
Keine Frage, das ist Zürich. Der Kanton hat am meisten Fälle, steht medial am meisten im Fokus und hat aufgrund seiner Grösse am meisten Ressourcen. So war Zürich beim Modellversuch «risikoorientierter Sanktionenvollzug» Taktgeber. Vereinfacht heisst das: Nicht mit allen Straftätern soll gleich gearbeitet werden. Wer erhöhte Risiken für Gewalt- und Sexualstraftaten aufweist, wird anders behandelt, enger betreut und überwacht als andere Täter.

Die Arbeit mit den Tätern und der Schutz der Opfer werden oft gegeneinander ausgespielt.
Ich habe Verständnis für Opfer, die sich alleingelassen fühlen, während man sich intensiv um den Täter kümmert. Es macht gleichwohl wenig Sinn, beides gegeneinander auszuspielen, denn weit über 90 Prozent der verurteilten Täter verbüssen eine zeitlich befristete Strafe, kommen also früher oder später zurück in die Gesellschaft. Es wäre schlecht, wenn sie das mit den gleichen Problemen tun würden, die dazu geführt haben, dass sie straffällig geworden sind. Wir müssen die Zeit im Strafvollzug dazu nutzen, um mit ihnen an diesen Problemen zu arbeiten und Veränderungen herbeizuführen. Wenn es uns gelingt, den Täter wieder auf die Spur zu bringen, dann ist das der beste Opferschutz.

Die Täter werden also nicht ver­hätschelt?
Nein. Die meisten Täter würden lieber in Ruhe gelassen werden und einfach ihre Strafe absitzen. Viele haben wenig Problembewusstsein, wollen ihre Tat verdrängen und sich nicht damit aus­einandersetzen. Die meisten Straftaten haben aber einen Vorlauf. Diesen muss der Täter kennen, um nicht erneut ins gleiche Fahrwasser zu geraten. Und einem Täter die Opferperspektive näherzubringen, kann zu einem Umdenken führen.

Weshalb werden Raser härter ­angefasst als Gewalttäter?
Es gibt Urteile, die auch ich nicht verstehe. Mindeststrafen für Raserdelikte sind im Gesetz verankert. Der Richter hat keine Möglichkeit, diese im Einzelfall nach unten zu korrigieren, auch dann nicht, wenn sie aufgrund der konkreten Umstände unverhältnismässig sind.

Eine Fehlentwicklung?
Ja, da müssen wir dagegenhalten. Es gibt politische Strömungen, die die richterliche Instanz ausschalten und Automatismen einführen wollen. Damit wird das austarierte System der verschiedenen Gewalten, die sich in unserem Rechtsstaat gegenseitig kontrollieren, ausgehebelt. Wenn der Gesetzgeber sich an die Stelle des Richters stellt und die Strafen im Einzelfall festlegen will, dann kommt es nicht gut.

Das Volk fordert drastischere ­Strafen für Gewalttäter. Zu Recht?
Beim Volk spielen Vergeltung und Rache eine gewisse Rolle. Diese Gedanken müssen im Strafrecht auch Platz haben. Wichtig für die Akzeptanz ist es, dass die Strafe als gerechter, spürbarer Eingriff empfunden wird. Wenn einer dem andern die Faust vorsätzlich ins Gesicht schlägt, dann sollte das nicht mit einer Geldstrafe geahndet werden. Was mit Geld aus der Welt geschafft werden kann, kann nach weitverbreiteter Meinung ja nicht so schlimm sein. Hier setzt der Gesetzgeber falsche Zeichen.

Bei Tätern, die rückfällig werden, wird rasch der Vorwurf laut, die Justiz habe versagt.
Diese Forderung «Das darf nie mehr passieren» macht uns das Leben schwer. Es werden von uns «sichere Prognosen» verlangt – ein Widerspruch in sich. Menschliches Verhalten lässt sich nie exakt voraussagen.

Wir müssen also mit diesem Risiko leben?
Ja. Als Vollzugsverantwortliche könnten wir es uns einfach machen mit einem ganz restriktiven Vollzug, am letzten Tag dann das Tor aufmachen und sagen: «Jetzt geht es uns nichts mehr an.» Das wäre komplett falsch und letztlich gefährlicher für die Gesellschaft. Wir müssen die Täter auf ihre Rückkehr in die Freiheit schrittweise vorbereiten und dabei gewisse Risiken in Kauf nehmen. Wir versuchen, diese möglichst klein zu halten, eine absolute Sicherheit können wir aber nie garantieren.

Auf Jahresbeginn wurde die elektronische Fussfessel landesweit ein­geführt. Ist die Schweiz nun sicherer?
Damit sind Kontrollen möglich, mehr nicht. Bei einem geringen Strafmass ist es nicht sinnvoll, einen Täter aus seinem sozialen Umfeld herauszureissen. Wenn aber jemand gefährlich ist, dann gehört er nicht auf die Strasse, sondern eingesperrt. In der Politik gibt es im Moment Vorstellungen, die elektronische Überwachung sei ein Allzweckmittel, auch im Kampf gegen Terrorismus. Sie können mit einer Fussfessel keinen Anschlag verhindern: Wenn der Attentäter mit einem Sprengstoffgürtel herumläuft, merkt das die Fussfessel nicht.

Das Ausschaffungsgefängnis ­Bazenheid steht wegen unwürdiger Haftbedingungen regelmässig in der Kritik. Was ist da dran?
Ich will die Haftbedingungen in Bazenheid nicht schönreden. Sie könnten besser sein. Wir nehmen die Kritik der Nationalen Kommission zur Verhütung von Folter sehr ernst. Wir haben gewisse Verbesserungen umgesetzt, doch eine spürbare Entlastung gibt es erst mit der Erweiterung des Gefängnisses in Altstätten.

Inwiefern?
Es ist heute nicht mehr zulässig, dass sich ein Gefangener nur eine Stunde pro Tag ausserhalb seiner Zelle bewegen kann. In der Ausschaffungshaft wird diese Forderung schon länger erfüllt. Es fehlt in Bazenheid aber die Infrastruktur für Beschäftigung und Freizeitaktivitäten. Mit Altstätten ist dies dann gegeben.

In der Ostschweiz gibt es freie Gefängnisplätze. Haben die Ostschweizer weniger kriminelle Energie?
Hätte ich die Antwort darauf, hätte ich den Job als Konkordatssekretär nicht annehmen müssen: Ich könnte dann mein Prognosemodell verkaufen und mich zur Ruhe setzen. Spass beiseite: Es gibt unglaublich viele Faktoren, welche die benötigte Zahl an Gefängnisplätzen beeinflussen. Und es gibt immer wieder kaum erklärbare Wellenbewegungen.

Zwei Insassen des Massnahmen­zentrums Bitzi hatten kürzlich Sex miteinander – und wurden des­wegen bestraft. Wieso ist Sex im Gefängnis verboten?
Ein sexuelles Verhältnis zwischen Insassen kann zu Abhängigkeiten führen. Wir müssen verhindern, dass schwächere Insassen unter die Räder kommen und ausgenutzt werden. Anders ist die Situation, wenn ein Insasse in einer stabilen Beziehung mit einer Person ausserhalb der Vollzugseinrichtung lebt. Die Pflege dieser Beziehung ist mit Blick auf die Entlassung wichtig. Wir planen daher im Bitzi im geschlossenen Bereich ein Familienzimmer für Langzeitbesuche. Es ist aber klar keine Verrichtungsbox.

Haben Sie schon eine Nacht im Gefängnis verbracht?
Nein. Das wäre eine neue Erfahrung, aber wohl keine gute. Für eine Nacht eingeschlossen zu sein, wäre wohl auszuhalten. Länger fremdbestimmt und dar­auf angewiesen zu sein, dass draussen jemand merkt, wenn es mir schlecht geht: Das stelle ich mir schlimm vor.

Person

Der 58-jährige Joe Keel leitet seit 2008 das Amt für Justizvollzug im Kanton St.Gallen. Dazu gehören die Strafanstalt Saxerriet, das Massnahmenzentrum ­Bitzi, das Jugendheim Platanenhof, das Regionalgefängnis Altstätten, die Bewährungshilfe sowie der Straf- und Massnahmenvollzug. Keel, seit Jahren mit einem Zürcher Kollegen bereits nebenamtlich als Sekretär des Ostschweizer Strafvollzugkonkordats tätig, war unter anderem in einer Arbeitsgruppe zur Umsetzung der Verwahrungs-Initiative dabei. Der St.Galler hat einen 29-jährigen Sohn.



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