STRAFTAT: Räuber will nach Hause

Cannabis, Ecstasy und falsche Freunde: Mit 16 fing er an, Jugendlichen Geld abzunehmen. Mit 18 will er ein neues Leben anfangen. Das versprach der 18-Jährige vor dem Bezirksgericht Weinfelden.

Ida Sandl
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Wegen verschiedenen Delikten musste sich der 18-Jährige vor dem Bezirksgericht Weinfelden verantworten. (Bild: Reto Martin)

Wegen verschiedenen Delikten musste sich der 18-Jährige vor dem Bezirksgericht Weinfelden verantworten. (Bild: Reto Martin)

Ida Sandl

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@thurgauerzeitung.ch

Zum Schluss ist es fast ein Flehen: «Bitte, lassen Sie mich heim zu meiner Familie.» Inständig gelobt der 18-Jährige vor dem Bezirksgericht Weinfelden den Willen zur Besserung. In seinem noch jungen Leben hat er bereits beeindruckend viele Straftaten angehäuft: Bandenmässiger Raub, einfache Körperverletzung, Nötigung und Hausfriedensbruch zählen dazu. Er hat alle Taten gestanden.

Seit Anfang des Jahres sitzt er in der geschlossenen Abteilung des Massnahmenzentrums im zürcherischen Uitikon. Dort wird er therapeutisch betreut, soll schulische Defizite ausgleichen und eine Ausbildung anfangen. «Nacherziehung» nennt es der Jugendstaatsanwalt. Kleine Erfolge würden sich bereits zeigen. Deshalb soll er in Uitikon bleiben, statt eine einjährige Freiheitsstrafe abzusitzen.

Dass der junge Mann therapeutische Hilfe braucht, sieht auch sein Verteidiger. Allerdings sei dafür keine geschlossene Abteilung wie in Uitikon nötig. Eine ambulante Therapie würde reichen. Der Beschuldigte könnte wieder bei seiner Mutter im Thurgau wohnen und habe sogar eine Schnupperlehre in Aussicht. Die habe er sich selber in der Haft organisiert. «Er wird alles daransetzen, sich in der Freiheit zu bewähren», beschwört der Verteidiger die Richter. In Uitikon sei er dagegen mit anderen Straftätern zusammen. Ein problematisches Umfeld für jemanden, der verzweifelt auf der Suche nach Zugehörigkeit ist.

Raus aus der umsorgenden Grossfamilie

Dass der Beschuldigte auf die schiefe Bahn geraten ist, lag auch an seinen zweifelhaften Freunden. Angefangen hat es aber bereits in der Schule. Er ist italienischer Staatsbürger, kam erst mit zehn Jahren mit der Mutter in die Schweiz. Ein verwöhntes Kind, herausgerissen aus einer Grossfamilie. Die Eltern leben getrennt, der Vater interessiert sich nicht für ihn. In der Schule haben ihm vor allem Sprachprobleme zu schaffen gemacht. Er wurde in eine Kleinklasse versetzt. Aber auch da klappte es nicht. Am Ende sei er nicht einmal mehr benotet worden. Er war anwesend, das war alles. Positiv in der Beurteilung vermerkt ist seine Höflichkeit.

Dass er trotzdem eine Lehrstelle fand, grenzt fast schon an ein Wunder. Bei den ersten Schwierigkeiten brach er die Lehre aber wieder ab. Die Mutter konnte ihrem Sohn nicht genug Grenzen setzen. «Herumgehangen» sei er mit den Freunden, die ihm nicht gut taten, erzählt er dem Gericht. Sie rauchten Cannabis, hätten manchmal auch Kokain geschnupft und Ecstasy eingeworfen.

Die Sucht finanzierten sie mit kleinen Raubüberfällen. Vor allem auf Jugendliche gingen sie los. Sie bedrängten ihre Opfer, schüchterten sie so lange ein, bis sie ihr Geld herausrückten. Meist waren es kleine Beträge, um die zehn Franken, einmal 170 Franken. Tatort war der Bahnhofplatz Weinfelden. Hatte ein Überfall geklappt, brüsteten sie sich mit markigen Sprüchen auf Facebook. Einmal drangen sie zu dritt in die Wohnung eines mutmasslichen Drogendealers ein, schlugen den Mann brutal zu Boden.

Dann begann die Heimkarriere. Im Februar 2015 kam der Beschuldigte ins Jugendheim Platanenhof in Oberuzwil zur stationären Beobachtung. Nach drei Monaten wurde er ins Jugendheim Aarburg eingewiesen, dann ins Gefängnis Limmattal. Jede Lockerung nutzte er sofort zur Flucht. «Ich habe Schwierigkeiten mit dem Eingesperrtsein», rechtfertigt er sich. «Auf Kurve» begleiteten ihn stets ein paar Heimkollegen. Kaum in Freiheit, betranken sie sich, kifften und wurden wieder straffällig. Einmal bedrohten sie einen Mann. Dann verwüsteten sie einen Kindergarten, den sie sich als Quartier für die Nacht ausgesucht hatten.

Therapeuten und Betreuer stellen dem Beschuldigten eine schlechte Prognose aus. Das Risiko, dass er wieder kriminell werde, sei sehr hoch, heisst es in Berichten und Gutachten.

Er aber wolle Kinder, eine gute Frau und eine Arbeitsstelle, sagt er vor Gericht. «Immer rein und raus aus dem Gefängnis, das ist doch kein Leben.» Das sei ihm vor einem Jahr bewusst geworden, als er nach einer Flucht «im Bunker» gesessen sei.

Das Gericht hat noch kein Urteil gefällt. Es wird entscheiden müssen, welche Massnahmen nötig sind, um die kriminelle Karriere zu unterbrechen. Denn, so sagt der Verteidiger: «Wir wollen ja alle das Beste für ihn.»