«Strafregisterauszug reicht nicht»

Für Martha Storchenegger, Präsidentin des Ostschweizer Pflegeverbandes, ist der Vorfall im Rehetobler Altersheim «Ob dem Holz» eine Ausnahme. Trotzdem fordert sie ein Berufsregister, um schwarze Schafe auszusortieren.

David Scarano
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Um Vorfälle zu verhindern, sind auch die Heime und Spitäler gefordert. «Das Personal darf nicht ausgepresst werden», sagt Martha Storchenegger. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Um Vorfälle zu verhindern, sind auch die Heime und Spitäler gefordert. «Das Personal darf nicht ausgepresst werden», sagt Martha Storchenegger. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

In Rehetobel haben Pflegerinnen einen Heimbewohner zur Strafe in Frauenkleider gesteckt: War dies Sadismus oder Zeichen einer Überforderung?

Martha Storchenegger: Für mich scheint diese unangemessene Aktion die Folge einer Überforderung zu sein. Es muss sich etwas angestaut haben. Aus einer Hilflosigkeit heraus kam es wohl zu einer solch unwürdigen Situation.

Es gab Warnsignale, die Pflegenden haben die Bestrafung angekündigt. Hat die Heimleitung darauf falsch reagiert?

Storchenegger: Das kann ich nicht beurteilen, weil mir Informationen dazu fehlen.

Martha Storchenegger. (Bild: Urs Jaudas)

Martha Storchenegger. (Bild: Urs Jaudas)

Wie müsste eine Heimleitung in solchen Fällen reagieren?

Storchenegger: Die Heimleitung muss solche Signale ernst nehmen und mit dem Personal darüber sprechen. Sie muss nach Lösungen suchen, um die Situation zu verbessern und eine Eskalation zu vermeiden.

Wie häufig sind solche Misshandlungen in Heimen und Spitälern?

Storchenegger: Sehr selten, ich gehe von Einzelfällen aus. Das ausgebildete Personal weiss, wie es mit schwierigen Patienten umgehen muss. Die Kultur in den Betrieben kennt hohe ethische Grundsätze in der Pflege und Betreuung, die auch befolgt werden. Ich erlebe dies ständig. Das Bewusstsein diesbezüglich hat sich im Vergleich zu früher gar verbessert.

Sie führen den Vorfall auf eine Überforderung zurück. Welchen Einfluss hat der Mangel an Fachkräften?

Storchenegger: Der Einfluss auf den Arbeitsalltag ist gross. Die Fachpersonen müssen die Laienpflegerinnen anleiten, zugleich den Bewohnern die beste Pflege bieten. Wegen des Fachkräftemangels verteilt sich die Verantwortung aber auf weniger Schultern. Zusätzlich verschärft wird dies durch Sparmassnahmen. Die Folgen: Fachpersonen kehren dem Beruf den Rücken zu, die Heime haben Mühe, geeignetes Personal zu finden, und die Mindestanforderungen an den Pflegepersonalschlüssel werden kaum mehr erfüllbar sein.

Wie sehen solche Mindestanforderungen aus?

Storchenegger: Es geht darum, einen guten Mix unterschiedlicher Leistungen in der Pflege von unterschiedlich qualifizierten Mitarbeitenden zu erreichen.

Was passiert, wenn diese Anforderungen nicht eingehalten werden?

Storchenegger: Die Konsequenzen sind unklar. Die Kantone oder Gemeinden, je nach Zuständigkeit, müssten sich überlegen, ob solchen Heimen nicht die Bewilligung zu entziehen ist.

Wie lassen sich Misshandlungen verhindern?

Storchenegger: Wir fordern ein Berufsregister. Dies ermöglicht, schwarzen Schafen die Berufsbewilligung abzuerkennen. Heute geht das nicht. Die Politik ist gefordert, diese Lücke zu schliessen. Die Betriebe sollen die Möglichkeit haben, detaillierte Informationen über potenzielle Mitarbeitende einzuholen. Derzeit können Betriebe nur einen Strafregisterauszug einfordern – das reicht aber nicht aus.

Was müssen die Betriebe tun?

Storchenegger: Sie müssen attraktive Arbeitsbedingungen anbieten. Das beinhaltet auch Weiterbildungsmöglichkeiten. Zudem muss der Personalschlüssel so gewählt sein, dass diplomierte Pflegefachpersonen eine normale Arbeit leisten können. Sie dürfen wegen des tiefen Personalbestands nicht ausgepresst werden.

Besteht ein Nachholbedarf beim Lohn?

Storchenegger: Der kantonale Lohn ist derzeit gerecht. Doch wie bei anderen Berufen soll er an die Entwicklungen angepasst werden. Die Heime müssten auch Leistungen honorieren können.

Was verdient eine Pflegefachperson konkret?

Storchenegger: Das ist unterschiedlich, je nach Kanton und Betrieb: In St. Gallen erhält eine diplomierte Pflegefachfrau zu Beginn rund 5600 Franken, nach 20 Jahren Berufserfahrung 7900; eine Pflegehelferin zwischen 3500 und 4800 Franken.

Wie sehen die Arbeitssituationen in den Heimen aus?

Storchenegger: Das Niveau ist recht gut, dies auch dank der Mindestanforderungen, die der Kanton macht, und des Heim-Verbandes Curaviva, der Entwicklungen fördert und unterstützt.

Was muss die öffentliche Hand tun, um die Arbeitsbedingungen in den Betrieben zu verbessern?

Storchenegger: Die öffentliche Hand muss ihre Verantwortung wahrnehmen. Häufig liegen genügend Warnsignale vor. Ich erwarte, dass ein Verwaltungs- oder Stiftungsrat sich vor Ort informiert. Zudem muss die Politik genügend finanzielle Mittel zur Verfügung stellen, damit eine würdige Pflege und Betreuung der Bewohner möglich ist.

Pflegende bekommen es regelmässig mit schwierigen Patienten zu tun. Wie werden sie in der Ausbildung darauf vorbereitet?

Storchenegger: Der Umgang mit anspruchsvollen Patienten ist Teil der Ausbildung. Die Pflegepersonen lernen, verschiedene Strategien zu entwickeln. Beispielsweise können sie sich in der Pflege abwechseln, um die Belastung aufzuteilen.

Alte oder kranke Menschen zu pflegen, ist anspruchsvoll. Welche Voraussetzungen sind gefragt?

Storchenegger: Sie müssen eine hohe Sozialkompetenz, Freude im Umgang mit Menschen und an den Tätigkeiten für die Menschen mitbringen, vernetztes Denken und eine emotionale Intelligenz sind ebenso wichtig.

Anzunehmen ist aber, dass nicht alle angehenden Pflegefachfrauen auch geeignet sind.

Storchenegger: In der Ausbildung merken wir schnell, ob die Person die geforderten Fähigkeiten mitbringt. Wenn nicht, suchen wir das Gespräch. Dann schauen wir, ob es Arbeitsbereiche gibt, die besser zu ihnen passen.