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Stoisch, sanft, rücksichtslos: So war der Musik-Samstag am Open Air

Zu Beginn des Festivalsamstags stehen linde Grooves im Vordergrund, doch im Verlaufe des Tages werden die Klänge nicht nur härter, sondern auch wuchtiger. Das Ausharren bis zum Headliner wird durch Weltschmerz und Tanzaufforderungen versüsst.
Michael Gasser
Mit Vorliebe um die eigene Achse: Lauren Mayberry von der schottischen Band Chvrches. (Bild: Ralph Ribi)

Mit Vorliebe um die eigene Achse: Lauren Mayberry von der schottischen Band Chvrches. (Bild: Ralph Ribi)

Dies ist ein Artikel der «Ostschweiz am Sonntag». Die ganze Ausgabe lesen Sie hier.

Am Samstag heisst es erst mal zu warten. Entweder auf das nächste Spiel der Fussball-WM oder auf den Auftritt von De­peche Mode. Der Headliner des diesjährigen Open Air St. Gallen ist auf 21.45 Uhr angekündigt. Bis es so weit ist, gilt es, sich die Zeit zu vertun. Etwa mit den Pedestrians aus Baden. Die Formation passt sich kurz nach Mittag dem Hängemattenwetter an und liefert auf der Sitterbühne linde Grooves. Der ideale Soundtrack, um durchnächtigte Festivalbesucher sanft daran zu erinnern, dass längst ein neuer Musiktag angebrochen ist. Weniger rücksichtsvoll präsentiert sich danach Max Graber alias Drangsal. Zusammen mit seiner fünfköpfigen Band flirtet er auf der Sternenbühne mit dem Sound der 1980er-Jahre. Seinen Künstlernamen hat der 24-Jährige, der geliertes Haar und ein T-Shirt mit der ironischen Aufschrift «Männerversteherin» trägt, einem Bestattungsunternehmen entlehnt. Nichts als passend also, dass seine Lieder meist grosse Distanz zur Fröhlichkeit halten und sich stattdessen lieber im Weltschmerz suhlen. Während «Will nur dich» Ansätze von Surf-Punk beinhaltet und sich darüber ­beklagt, dass seine bessere Hälfte nie kapieren will, was er meint, nimmt sich «Magst Du mich» dem Wesen der Neuen Deutschen Welle an: «Ich fühle mich überlebensgross», singt er und lässt sich dabei nicht nur von Gitarrenlicks, sondern auch von ebenso sphärischen wie überkandidelten Keyboardklängen begleiten. Dabei lässt er bewusst offen, wie ernst er sich und seine Texte nimmt.

Unverkennbar dem Post-Punk verpflichtet fühlen sich Shame. Ihr Sänger, Charlie Steen, tritt hitzehalber oben ohne vors Publikum und bittet dieses, ein wenig näher zu rücken. Das wirkt. Gleichwohl steht er ganz am Rand der Sitterbühne und beugt sich nach vorne, um so dicht wie möglich an seine Fans zu rücken. Steen hat einen Hang zum lakonischen Gesang, wie er mit «The Lick» beweist. Zwischendurch explodiert er jedoch, worauf er sich die Seele aus dem Leib zu schreien beginnt. Seine Bandkollegen reagieren stoisch, dafür mit kernigen Gitarrenriffs und explosiven Rhythmen. Das Konzert der Briten kommt einem Weckruf gleich, der die Zuschauer aufhorchen lässt.

Forsche Finnin, kieksende Schottin

Als die Finnin Alma-Sofia Miettinen, kurz Alma, vor 18 Uhr und an selber Stelle ihr Set in Angriff nimmt, ist Argentinien bei der Fussball-WM so gut wie ausgeschieden und Frankreich somit eine Runde weiter. Womit man wieder auf die Musik fokussieren kann. Die 22-Jährige, die durch einen TV-Gesangswettbewerb bekannt wurde, verfertigt munteren Elektropop. Der ist allerdings nicht freundlich, sondern forsch und direkt. Alma wundert sich über die viele Sonne, tigert konstant von links nach rechts und zurück und weiss mit ihrer souligen Stimme und ihrem Charisma zu beeindrucken.

Auf Alma folgen die Chvrches aus Schottland: Das Synth-Pop-Trio um Sängerin Lauren Mayberry kreiert einen Sound voller wummernder Beats, der sich sowohl von Prince (die Elektro-Funk-Elemente), jedoch auch von Kate Bush beeinflusst zeigt. Letzteres manifestiert sich insbesondere bei den Tanzeinlagen der 30-Jährigen: Mayberry, eine ausgebildete Journalistin, dreht sich mit Vorliebe um die eigene Achse, breitet immer wieder die Arme aus, als ob sie mit der Erlösung rechne, und bringt ihren kieksenden Sopran in Gang. Stücke wie «Get Out» wollen das Publikum insbesondere mittels Power überzeugen. Das gelingt, doch den Chvrches mangelt es spürbar an ausgeklügelten Songideen. Deshalb ist ihr Gig unterhaltsam, aber auch nicht mehr. Derweil peilt das Geschwisterpaar Angus und Julia Stone auf der Sternenbühne den gekonnten Indie-Folk an. Die Australier bevorzugen wiegende Melodien, die sie mit kreisenden Gitarrensounds und einem gehörigen Mass an Bodenhaftung darbieten. Nummern wie das am Americana rührende «Draw Your Swords» oder «Private Lawns», das mit einer Banjo- und einer Mariachi-Einlage überrascht, bezaubern mit dichten und emotionsgeladenen Harmonien. Das Duo entpuppt sich als Höhepunkt vor dem erwarteten Höhepunkt namens Depeche Mode.

Doch jetzt hat das Warten endlich ein Ende: Die Briten um Leadsänger Dave Gahan sollen jetzt bitte beweisen, dass sie zu Recht als ungekrönte Könige des Synthie-Pops gelten. Und tatsächlich: Sie tun es.

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