Störung des Totenfriedens
Er hat die Leiche eines Drogenkuriers «wie Abfall» entsorgt: Jetzt hat das Kreisgericht Toggenburg einen 36-jährigen Mann verurteilt

Ein Drogenkurier übernachtet in der Wohnung eines Bekannten und stirbt: Dieser stülpt mehrere Abfallsäcke über die Leiche und deponiert sie am Strassenrand in Kirchberg. Nun wurde der Mann zu einer bedingten Freiheitsstrafe von acht Monaten verurteilt.

Janina Gehrig
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(Bild: Tobias Söldi)

Zuletzt habe er den Bekannten, der bei ihm genächtigt hatte, am Morgen des 27. Dezembers 2019 lebend gesehen. «Er stand in der Stube. Es war ihm übel. Er hatte erbrochen.» Er habe ihn gefragt, ob alles gut sei. «Er sagte mir, ich solle mir keine Sorgen machen.» Daraufhin sei er zur Arbeit gegangen. Als er zurückkam, fand er den 44-jährigen Drogenkurier aus Guatemala tot auf. Dieser hatte zuvor mehrere Päckchen Kokain geschluckt und einen Darmdurchbruch erlitten, wie die Gerichtsmediziner später feststellten.

Für sein Verhalten in den darauffolgenden Stunden musste sich der 36-Jährige am Donnerstag vor dem Toggenburger Kreisgericht verantworten. Denn statt die Ambulanz oder die Polizei zu rufen, entkleidete er die Leiche zusammen mit seinem Halbbruder, stülpte ihr eine Erwachsenenwindel über den Kopf und verpackte sie in fünf 110-Liter-Abfallsäcke, die er mit Klebeband umwickelte. Eineinhalb Tage nach dessen Tod deponierte er den Mann an einem Strassenrand in Kirchberg, wo er ihn einen Hang runterrollen liess. Am Sonntag nach Weihnachten war der Tote von einem Passanten gefunden worden.

Im Ausgang in Zürich kennen gelernt

Vor Gericht gab der Beschuldigte an, er habe den Mann vor etwa drei Jahren im Ausgang in Zürich kennen gelernt und dann losen Kontakt über Whatsapp gehabt zu ihm. Erst im Dezember 2019 hatten sie sich wieder getroffen, als der Mann in die Schweiz kam, um ein paar Tage Party zu machen und eine Kollegin zu besuchen. «Er hat mir geschrieben, dass er vorbeikomme.» Die beiden Männer trafen sich zwischen dem 18. und 26.Dezember zweimal, ehe der Mann den Beschuldigten fragte, ob er bei ihm übernachten könne. Er habe Streit gehabt mit seiner Kollegin und wisse nicht, wohin. Der 36-Jährige beteuerte:

«Er hat mir auch gesagt, er habe Fingerlinge mit Kokain geschluckt. Ich sagte ihm, ich will keine Probleme und mit dem Zeugs nichts zu tun haben.»

Dennoch habe er ihn aus Mitleid auf seinem Sofa schlafen lassen. Als der Logistikassistent am Morgen zwischen 4 und 5 Uhr aufstand, um zur Arbeit zu gehen, sah er, dass es dem Mann schlecht ging und fragte ihn, ob er nicht zum Arzt müsse – was dieser verneinte. Wie sich herausstellte, waren die 440 Gramm Kokain in Fingerlingen verpackt, die mit scharfen Gegenständen verschlossen worden waren, worauf der Mann tödliche innere Verletzungen erlitt.

Der Beschuldigte, der als 10-Jähriger aus der Dominikanischen Republik mit seinen Eltern in die Schweiz gekommen war, schilderte auch den weiteren Tathergang, indem er die Schuld auf sich nahm. Nachdem er den Toten in seiner Wohnung aufgefunden hatte, telefonierte er mit seinem Halbbruder, der in Barcelona lebt. Dieser flog sofort in die Schweiz. Gemeinsam suchten sie nach einer Lösung, um die Leiche loszuwerden. Stundenlang liefen sie dabei ziellos umher, verbrachten eine Nacht auf der Treppe und im Keller, ehe sie die Leiche am Abend des 28. Dezembers in einem gemieteten Lieferwagen von Zürich nach Kirchberg fuhren. Der Angeklagte, die Füsse auf dem Boden hin- und herschleifend, sagte:

«Ich habe nicht überlegt. Ich wusste nicht, wie reagieren.»

Oder: «Ich hatte Angst davor, was nachher passieren würde.» So habe er entschieden, ihn «rauszutun». Die Kleider, das Smartphone und das Portemonnaie des Toten entsorgten die Halbbrüder in mehreren Abfalleimern in der Stadt Zürich.

Störung des Totenfriedens: Bedingte Freiheitsstrafe von acht Monaten

Der Beschuldigte habe damit nicht nur die Pietätsgefühle der Hinterbliebenen, sondern auch jene der Öffentlichkeit sowie die Menschenwürde verletzt, sagte der Staatsanwalt.

«Er liess jeglichen Respekt vermissen. Er behandelte den Verstorbenen wortwörtlich wie Abfall, den man entsorgt.»

Zu reden gaben die hohen Verfahrenskosten von über 70000 Franken. Ein grosser Teil dieser Kosten, so der Verteidiger, wäre bei der Untersuchung ohnehin angefallen, «wenn ein Toter mit Drogen im Bauch gefunden wird». Deshalb seien diese nicht gänzlich dem Beschuldigten anzulasten. Auch gehe es um die «Verunehrung eines Leichnams», nicht um ein Delikt um Leib und Leben.

Beschuldigter handelte aus Überforderung

Der 36-Jährige wurde schliesslich wegen Störung des Totenfriedens zu einer bedingten Freiheitsstrafe von acht Monaten bei einer Probezeit von zwei Jahren verurteilt. Zudem muss er rund 37300 Franken der Verfahrenskosten tragen. Auch erhielt er wegen Widerhandlung gegen das Betäubungsmittelgesetz – in seiner Wohnung wurden 20 Gramm Kokain gefunden – eine Busse von 500 Franken. Der Staatsanwalt hatte eine Freiheitsstrafe von zehn Monaten gefordert. Strafmildernd wirkte sich die Kooperationsbereitschaft des Angeklagten von der ersten Einvernahme an aus.

Das Tatverschulden sei mittelschwer, sagte der Einzelrichter bei der Urteilsverkündung. Der Beschuldigte sei in diese Situation hineingeraten und habe nicht mit hoher krimineller Energie, wohl aber in Unsicherheit und Unbeholfenheit, auch in Panik, gehandelt. «Es ist so passiert bei ihnen zu Hause, sie hatten das nicht gesucht.» Die Schilderungen seien nachvollziehbar.

«Ich weiss, ich hätte nicht so handeln sollen und würde so etwas nie wieder machen», sagte der Beschuldigte zum Schluss.