Stirnrunzeln über Unterrechstein

Ist der Anblick behinderter Menschen für andere Badegäste wirklich unzumutbar? Eine Umfrage bei Ostschweizer Hallen- und Mineralbädern zur Weigerung des Bades Unterrechstein, eine Gruppe behinderter Kinder einzulassen.

Daniel Walt
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Christian Lohr (Bild: Keystone)

Christian Lohr (Bild: Keystone)

«Das ist Diskriminierung!» Tatjana Richter, Bademeisterin im Wittenbacher Hallen- und Freibad Sonnenrain, zeigt sich betroffen von der Haltung des Heilbads Unterrechstein in Grub AR. Dieses hat einer Gruppe behinderter Kinder den Einlass verwehrt. Begründung: Badende, welche teils Windeln tragen oder denen Speichel aus dem Mund tropft, seien für die übrigen Gäste nicht zumutbar (unsere Zeitung von gestern). Ein Entscheid, der in Wittenbach undenkbar wäre. Denn hier baden regelmässig Kinder der Heilpädagogischen Schule Romanshorn - «und zwar ohne jede Einschränkungen unsererseits», wie Tatjana Richter festhält. Negative Stimmen anderer Badegäste gebe es ihrer Wahrnehmung nach nicht.

«Keine negativen Reaktionen»
Ähnlich wie aus dem genossenschaftlich organisierten Hallenbad Sonnenrain tönt es von Seiten anderer Ostschweizer Bäder. Andreas Frei, Leiter des städtischen Hallen-, Frei- und Sprudelbades Frauenfeld: «Ich bin nun schon zwölf Jahre hier und habe noch nie eine negative Reaktion wegen unserer behinderten Badegäste erhalten.» In Frauenfeld sind die Organisation Plusport und die örtliche heilpädagogische Schule regelmässig zu Gast, und zwar ebenfalls nicht zu Randzeiten. Frei zeigt sich erstaunt über das, was in Unterrechstein vorgefallen ist. Kein Urteil darüber abgeben möchte Jürg Meier, Betriebsleiter Bäder Weinfelden. Er macht allerdings deutlich, dass behinderte Menschen im Hallenbad Weinfelden sehr willkommen sind, und zwar ohne jede Einschränkung: «Dies im Sinne des Integrationsgedankens, auf den wir grossen Wert legen», hält er fest.

Kein Baden mit Windeln in St.Margrethen
Auf privater Basis wird das Mineralheilbad St.Margrethen geführt. Jakob Bolt, Inhaber und Geschäftsleiter, ist es ein Anliegen, dass auch behinderte Menschen dort baden können. «Wir nehmen es auch in Kauf, dass deswegen vielleicht der eine oder andere Badegast wegbleibt», sagt er. Eine rote Linie hat Bolt aber definiert: «Wenn jemand inkontinent ist, lassen wir ihn aus hygienischen Gründen nicht ins Bad. Die Windeln sind einfach nicht hundertprozentig dicht», sagt er. Wenn er nach entsprechenden Vorfällen die jeweiligen Gruppen darauf aufmerksam gemacht habe, sei diese Haltung auch auf Verständnis gestossen.

«Der falsche Weg»
«Wir haben im Säntispark regelmässig Gruppen von behinderten Menschen, auch Therapiegruppen, und zwar ohne zeitliche Einschränkungen», sagt Nico Canori, Mediensprecher der Migros Ostschweiz. Diese Gruppen würden behandelt wie alle anderen auch. Negative Reaktionen von Badegästen sind ihm nicht bekannt. Und auch Heinz Brunner, Leiter der städtischen Bäder St.Gallen, hält fest: «Unser Grundsatz ist es, dass wir die behinderten Menschen auf möglichst natürliche Weise in den Badebetrieb integrieren.» So gibt es beispielsweise im Hallenbad Blumenwies keine speziellen Garderoben für Behinderte. Einschränkungen gibt es auch nicht für Badegäste, die Windeln tragen. «Es gibt bessere und schlechtere Produkte», sagt Heinz Brunner dazu. Zudem seien jeweils auch die Betreuer der Behinderten dabei, die selbst merken würden, wenn die Grenze des Zumutbaren überschritten würde. Für Brunner ist klar: Der Weg von Unterrechstein, Gruppen behinderter Kinder höchstens noch zu Randzeiten zu dulden, ist der falsche. «Unsere Philosophie ist es, die Behinderten in den Alltag zu integrieren und sie nicht abzuschieben. Etwas anderes könnten wir uns als öffentliches Bad auch nicht leisten», sagt er.

«Kommt auch bei anderen vor»
Guido Buob, Verwaltungsratspräsident der Hallenbad Appenzell AG, möchte das Vorgehen des Bades in Unterrechstein nicht bewerten. In seinem Bad allerdings gibt es keine Einschränkungen für behinderte Gäste - «einzige Bedingung ist, dass sie gut betreut werden», hält er fest. Er sei einfach froh, wenn sich Gruppen anmeldeten. «Aber das hat nichts mit Behinderten zu tun – genauso wenig die Frage, ob jemand beim Baden sauber ist oder nicht», sagt er. Die Wittenbacher Bademeisterin Tatjana Richter schliesst sich dieser Überzeugung an. Sie sagt zur Diskussion um allfällige Verunreinigungen im Badewasser: «Das kommt nicht nur bei behinderten Menschen vor, sondern auch bei Kindern und älteren Badegästen - sowie bei all jenen, die zu bequem sind, um auf die Toilette zu gehen, wenn sie mal müssen.»

Behinderter Nationalrat Lohr: «Affront gegen die Menschlichkeit»

Herr Lohr, in welchen Hallenbädern gehen Sie als Mensch mit einer Behinderung baden?
Christian Lohr: Entweder im Hallenbad Egelsee in Kreuzlingen oder in den Konstanzer Bodensee-Thermen.

Wurden Sie schon mit negativen Reaktionen anderer Badegäste konfrontiert?
Lohr:Nein, absolut nicht. Im Gegenteil: Oft komme ich mit ihnen ins Gespräch.

Christian Lohr (Bild: Keystone)

Christian Lohr (Bild: Keystone)

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vom Fall Unterrechstein hörten?
Lohr:Das Ganze ist bedenklich. Es ist genau das passiert, was am Schlimmsten ist: Menschen mit einem Handicap sind an den Rand gedrängt worden. Das ist ein Affront gegen die Menschlichkeit und die Gesellschaft. Denn man grenzt nicht Betroffene, sondern Menschen aus.

Die betroffene Schule will nicht gegen das Bad klagen. Verständlich oder bedauerlich?
Lohr:Ich finde nicht unbedingt, dass die Betroffenen klagen müssen – die Gesellschaft und wir Politiker müssen ein Auge auf solche Vorfälle haben. Und auch ohne Klage ist für mich klar: Der Schaden für das Heilbad Unterrechstein ist bereits da. (dwa)

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